Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 5 von 19

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Prosastücke

Der Maskenball.

D e r M a s k e n b a l l .

 

Einmal gab es einen Maskenball, der von vielen lebenslustigen und

vergnügungsfröhlichen jungen Leuten besucht wurde, die sich alle hier

einfanden, um recht aus der Seele und aus vollem Herzen glücklich zu sein,

Sorgen und Kümmernisse auf ein paar Stunden zu vergessen, zu lachen, zu

tändeln und zu tanzen und sich frei und leicht zu fühlen wie die ersten

Menschen, die vom erbärmlichen Kampf ums Dasein und von der traurigen Jagd

nach dem Erwerb noch überhaupt nichts wussten. Herrlich war der Anblick des

von einem vorzüglichen Geschmack und von einem feinen und zarten Kunstsinn

dekorierten, blumen- und bändergeschmückten Tanzsaales, dessen hohe Wände

entzückende Wandmalereien deckten, die, man kann sagen, von demselben Geist

und von derselben Erfindung waren wie die graziöse reizende Musik, die

sommerregengleich von einem Podium herab in den Saal und in den heiteren

Tanztumult niederrieselte und säuselte, damit die versammelten fröhlichen

Menschen sich nach dem schmeichlerischen wellenhaften Takt ihrer süssen und

angenehmen Melodien hin und her bewegten und drehten. Das tat denn auch alle

Welt und es war ein blitzendes, geschmeidiges Gewoge, das da

durcheinanderwogte. Auf die lächelnden Gesichter herab schimmerte der Strahl

der Kerzen, deren blendendes Leuchten den Saal zu einem Zauberpalast machte.

Alles war glücklich, alles lachte und scherzte. Neid, Bosheit und Missgunst und

noch manche andere üblen Eigenschaften und bösen Empfindungen hatten

keinen Einlass in das schöne Lokal gefunden, das lediglich von Heiterkeit,

Behagen und Lebensfreude widerhallte und widerstrahlte. Jedoch waren alle

Geräusche der Freude und des Vergnügens angenehm gedämpft, wie wenn alle

Teilnehmer lebhaft gefühlt hätten, dass selbst im Rausch und im Entzücken der

Mensch sich, aus Rücksicht und aus Liebe für seinen Mitmenschen, Zügel

auferlegen muss, um die allgemeine Schönheit und das allgemeine Gefallen

nicht zu verletzen. Gelächter vermischte sich mit Gläsergeklirr, das wie Silber an

den Wänden widertönte. Schelmische Witze wurden gerissen, die niemanden

beleidigten. Nur Dummköpfe und eitle hochmütige Menschen ärgern sich über

einen guten Witz, der so gut ein Recht zu existieren hat wie der düstere, bittere

Ernst; denn der liebe Gott gab uns nicht umsonst die liebenswürdige Fähigkeit, zu lachen und den Dingen die heitere und lustige Seite abzugewinnen.

 

Solche Paare, die von der Anstrengung des Tanzens müde waren, zogen sich

für eine Weile, um recht behaglich auszuruhen und sich an allerlei Erfrischungen

zu erlaben, aus dem Getümmel in irgend eine reizend versteckte grüne weiche

Plaudernische zurück, während andere Paare frisch sich in das anmutige Gewoge

stürzten. Hier sah man Einen vor der Dame seines Herzens leidenschaftlich

niederknien. An einer andern Stelle wieder suchte ein Tänzer seine

entschwundene, im Gewirr verlorengegangene Tänzerin. Andern Ortes wieder

erteilte eine Schöne ihrem bisher so dienstfertigen Galan und Ritter urplötzlich

den Abschied, dass ihn die Bestürzung, in die er sich unvermuteterweise

geworfen sah, zittern machte, und ihm die grausame Enttäuschung die

Gesichtszüge verzerrte.

 

Colombine, so nannte sich eine übermütige schelmische Tänzerin, die mit

ihrer ans Unglaubliche grenzenden Tanzkunst die Bewunderung aller derer, die

sie sahen, hervorrief. Sie tanzte ganz allein, als wenn es keinen Tänzer gegeben

hätte, der fähig gewesen wäre, sie mit einigem gleichmässigem Geschick zu

accompagnieren. Und doch gab es einen! Aber von diesem tollen Burschen

reden wir später. Einstweilen neigen wir uns voll Staunen und Mitleid zu einem

armen Narren herab, der, einer Statue, einem Steinbild ähnlich, in einem Winkel

des Saales am Boden kauerte, wo er sich auf die ausgiebigste Art mit düsterer

Philosophie, mit schrecklicher Betrachtung des Lebens abzugeben schien, ganz

in Trauer, in Wehmut und in tödliche Melancholie gehüllt. Tausenderlei giftige

Spitzfindigkeiten schienen den armen unglücklichen Menschen in diesen

Zustand der Gebrochenheit und Zerrissenheit versetzt zu haben. Pierot oder

Mehlmann hiess er, und er glich auf gewisse Art dem tödlich verwundeten

Helden, der das Gefühl hat, dass er verbluten muss. Sein eigenes krankes Wesen

war es vielleicht, das ihn hier im verlassenen Winkel an den Boden

niederstreckte. Des armen tragischen Narren Wangen waren mit Mehl bestreut.

Seine Lippen waren rot wie Rosen, aus seinen jungen dunkeln Augen drang ein

unnennbarer Seelenschmerz, und die gefärbten Lippen lächelten ein graziöses

und verzweifeltes Lächeln. »Schade um den jungen Mann!« musste der

ausrufen, der ihn sah, aber es beachtete ihn niemand, dessen Kopf ein zierliches

Dummkopfkäppchen schmückte, dass der Schmerz und der Gram noch

lächerlich aussahen und der Hoffnungslosigkeit, dem Leid noch der Ausdruck

frivoler Dummheit anhaften musste. Warum kam er hierher, wo alles lachte und

tanzte? Was bezweckte er mit seinem unerfreulichen Auftreten? Was hoffte er

von seiner Erscheinung? Vielleicht war er ehmals fröhlich gewesen. Jetzt aber war er todesmüd und matt. Denn von der Lebensmüdigkeit, die ihn erfüllte,

redete die Sterbensblässe, die ihn bedeckte, deutlich. Wer versetzte ihm den

Stoss? Sein eigener verderblicher Charakter selber? Hm! Kann sein.

 

Angenehm oder unangenehm bemerkbar machte sich auf dem Maskenball

durch ein höchst lächerliches Gehaben und Gebaren, das ihn zum

vollkommenen, ganz und gar in der Schafsköpfigkeit ertrunkenen Schafskopf

stempelte, ein zweiter und zwar ältlicher, sehr soignierter Narr. Vorhergehender

Narr war sozusagen ein ernster Narr. Dieser aber gehörte zu der Kategorie der

fraglos lächerlichen Narren. Himmlisch war der hohe, steife, feierliche Hut auf

seinem ausgesprochenen Pantoffelheldkopf. Seine enorme Krawatte war

grasgrün, seine gebogene lange Nase gesprenkelt mit roten und weissen Tupfen.

Fabelhaft lächerlich war sein Beinkleid, mit welchem er offenbar zu imponieren

hoffte. Die Handschuhe, die er trug, waren knallgelb und sein ganzes Auftreten

zeugte von verblüffender Geschmacklosigkeit. Der Herr hiess Pantalone oder

Hosenmann und wie es sich herausstellte, war er fürchterlich verliebt, der alte

Racker, und zwar in wen?, ei ja doch, in die reizende Colombine, für die er ein

verliebtes süsses Liebesbriefchen in der Tasche trug, um es der Schelmin bei

günstiger Gelegenheit in der Einbildung zu übergeben, die ihm vorschwindelte,

dass das schöne junge Mädchen Gefallen am alten, aber freilich schwerreichen

Gecken finden werde, sobald der alte Torenknabe nur seine Börse öffnen würde.

Hui! aber das Liebesbrieflein mit den üblen Anspielungen flog ihm um die Nase

und wurde in tausend kleine Fetzen zerrissen, die wie Schneeflocken

herumwirbelten, und Pantalone musste mit samt seinem gravitätischen

imposanten Spazierstock gütig abspazieren und noch dazu eine ganze

Salatschüssel voll Gelächter und spöttischer Bemerkungen aufessen. Ausgelacht

und fortgeschickt zu werden ist wahrhaftig kein Leckerbissen. Drohungen

ausstossend und Augen wild rollend verliess Hosenmann den Tanzsaal, und die

Grazien riefen ihm nach: »Auf Nimmerwiedersehen.«

 

Wir haben den tiefernsten und trauervollen Narren und dann den eitlen,

albernen und spiessbürgerlichen Narren gesehen und wenn uns diese beiden

interessiert haben, so wird uns gewiss nicht minder der dritte, nämlich der

fröhliche kecke und übermütige, der schöne und glückliche Narr interessieren,

das Ideal des Maskenballes, Hanswurst oder Harlekin mit der spitzbübischen

frechen Pritsche, mit welcher er, leise alle Menschen neckend, im Saal herum

tanzte, indem er alle, die ihn sahen, durch seine unschuldige antiloppenhafte

Fröhlichkeit und Lustigkeit in helles Entzücken setzte. Sein leichtes Kleid oder

Gewand klebte ihm nur so am jugendlich-schönen tänzerischen und turnerischen Körper, der die gewagtesten und zugleich anmutigsten Bewegungen ausführte,

dass es eine Freude war, ihn tanzen und tändeln zu sehen. Dieser Bursche war

der erklärte Liebling aller und er war im besondern der Geliebte der schönen

Colombine, die mit ihm in treuer Anhänglichkeit und Liebe starb und lebte. Ihre

Augen verfolgten jeden Augenblick seine liebenswürdige Gestalt, die bald

erzkomisch stillstand, als sei Harlekin oder Hanswurst ein rechter Trottel, die

aber bald wieder wie eine durch keinerlei Schwergewicht gehemmte

Engelsgestalt sich vom Tanzboden loslöste und alsdann Wunder der Tanzkunst

verrichtete, bald einem eilfertigen artigen Windhund, bald einem Wiesel, bald

einem Eichhörnchen glich und immer voll bildhafter Schönheit war. Flog

Hanswurst am schwermütig träumenden und kauernden armen Pierot vorbei, so

versetzte er ihm mit seiner Narrenpritsche einen leichten kameradschaftlichen

Schlag auf die Schulter und sprach flüchtig zu ihm: »Komm, sei doch

vernünftig, du dauerst mich.« Hanswurst, dieser tolle Bursche, der mit seinen

geschmeidigen Beinen alle Schwere und allen Erdenernst verspottete, war in

seinem witzigen Übermut so schön, und in all seiner Ausgelassenheit so

treuherzig, dass niemand im Saal auf den Einfall kam, ihm sein lustiges Wesen

übel zu nehmen, vielmehr befreundete sich jedermann im Augenblick mit ihm,

und es hatten ihn alle von Herzen gern. Aber der liebe Bursche selber auch hatte

ein Gefühl und ein Herz und ein Denken für alle, das sahen und fühlten alle.

Indem er witzelte und tändelte, blieb er immer eine freundliche und angenehme

Erscheinung, und indem er lustig war, belustigte und ergötzte er die andern.

Seine bildhübsche Gestalt und seine scherzhafte Einfalt verbreiteten tiefe

Rührung, und wenn er in die Luft emporflog und tanzte, war er gross und

bedeutend. Sein Glück machte alle andern glücklich. Sein Anblick war zugleich

unterhaltend und wohltuend. Indem Hanswurst an sich selber und an sein

eigenes Vergnügen dachte, wollte es der Geist, der ihn trieb, und der

eigentümliche Umstand, dass er an alle andern dachte und dass er die Ursache

vom allgemeinen Vergnügen war.