Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 14 von 19

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Prosastücke

Der Junggeselle.

D e r J u n g g e s e l l e .

 

Letzthin, beim Mittagessen, sagte mir mein täglicher Tischgenosse, der Herr

Doktor G..., dass er soeben auf gewisse Art und Weise seinen liebsten Freund

verloren habe. Auf meine Frage, wie das gekommen sei, antwortete und erzählte

er, dass er soeben die Einladung zu seines Freundes Hochzeitsfeier erhalten

habe, und er fügte mit gewissermassen traurig verschleierter Stimme bei, dass er

mir eigentlich nichts weiter mehr zu sagen brauche, da damit schon alles gesagt

sei. Er lächelte sein eigentümliches, sehr feines und gescheites Lächeln und

machte eine kleine Pause, während deren er bestimmte aufdringliche Gedanken

verdrängen zu wollen schien. Ich kannte den Doktor G... als eine zarte und, wie

ich sagen möchte, empfindsame und poetische Natur. Er ist ausserordentlich

gebildet und dazu ausserordentlich ungeschickt, weswegen ich ihn sehr hoch

achte und sehr gern habe. An gewandten Leuten bemerkt man stets irgend etwas

Gemeines. Doktor G... liest die Memoiren des Herzogs von Saint Simon und er

begeistert sich für die majestätische Gestalt Ludwigs des Vierzehnten. Er

schwärmt für Alexander den Grossen, und er findet den Emporkömmling

Napoleon unerträglich. Die Frauen schätzen ihn, wie ich längst gemerkt habe,

ziemlich gering, weil er nicht den Eindruck eines energischen Mannes macht.

Ich dagegen, der ich ein Mann bin, finde ihn beachtenswert, weil er eine weiche

Seele ist, und ich schätze ihn höher als zweitausend Energische, denn die

Energie ist durch die Verbreitung von Büchern wie z. B. das Buch: »Wie werde

ich energisch« ganz gemein geworden. Nachdem er, wie gesagt, eine Weile

geschwiegen hatte, gestand er mir, dass er sich fast fürchte, bei der Hochzeit

seines Freundes zugegen zu sein, dass er nichtsdestoweniger selbstverständlich

der Einladung folgen werde, die ihm peinlich sei, weil er so wenig Ursache habe,

sich über das Ereignis zu freuen. Er komme sich wie aus einer traulichen

warmen Stube auf die kalte Strasse hinausgestellt vor, und er habe sich weniger

auf eine Lustbarkeit als auf den Umstand gefasst zu machen, dass er auf

unerfreuliche Weise mit seinem Innern werde kämpfen müssen. Er fühle sich so

arm wie noch nie, es sei ihm zu Mut, als habe ihm irgend jemand einen

rücksichtslosen Stoss versetzt, wodurch er sich in das traurige Bewusstsein

geworfen sehe, das ihm sage, dass er sehr einsam geworden sei. Im übrigen sei ihm das alles sehr klar, und er verstehe alles sehr gut, weil sich alles ganz von

selbst verstehe. »Alter, trockener Junggeselle«, murmelte er vor sich hin, und ich

sah deutlich, wie seine Augen mit einmal voll Tränen waren. Ich muss gestehen,

dass ich mich tüchtig über seine Trauer lustig machte, und ich gebe gern zu, dass

das nicht sehr zart war.