Prosastücke
Der Junggeselle.
D e r J u n g g e s e l l e .
Letzthin, beim Mittagessen, sagte mir mein täglicher Tischgenosse, der Herr
Doktor G..., dass er soeben auf gewisse Art und Weise seinen liebsten Freund
verloren habe. Auf meine Frage, wie das gekommen sei, antwortete und erzählte
er, dass er soeben die Einladung zu seines Freundes Hochzeitsfeier erhalten
habe, und er fügte mit gewissermassen traurig verschleierter Stimme bei, dass er
mir eigentlich nichts weiter mehr zu sagen brauche, da damit schon alles gesagt
sei. Er lächelte sein eigentümliches, sehr feines und gescheites Lächeln und
machte eine kleine Pause, während deren er bestimmte aufdringliche Gedanken
verdrängen zu wollen schien. Ich kannte den Doktor G... als eine zarte und, wie
ich sagen möchte, empfindsame und poetische Natur. Er ist ausserordentlich
gebildet und dazu ausserordentlich ungeschickt, weswegen ich ihn sehr hoch
achte und sehr gern habe. An gewandten Leuten bemerkt man stets irgend etwas
Gemeines. Doktor G... liest die Memoiren des Herzogs von Saint Simon und er
begeistert sich für die majestätische Gestalt Ludwigs des Vierzehnten. Er
schwärmt für Alexander den Grossen, und er findet den Emporkömmling
Napoleon unerträglich. Die Frauen schätzen ihn, wie ich längst gemerkt habe,
ziemlich gering, weil er nicht den Eindruck eines energischen Mannes macht.
Ich dagegen, der ich ein Mann bin, finde ihn beachtenswert, weil er eine weiche
Seele ist, und ich schätze ihn höher als zweitausend Energische, denn die
Energie ist durch die Verbreitung von Büchern wie z. B. das Buch: »Wie werde
ich energisch« ganz gemein geworden. Nachdem er, wie gesagt, eine Weile
geschwiegen hatte, gestand er mir, dass er sich fast fürchte, bei der Hochzeit
seines Freundes zugegen zu sein, dass er nichtsdestoweniger selbstverständlich
der Einladung folgen werde, die ihm peinlich sei, weil er so wenig Ursache habe,
sich über das Ereignis zu freuen. Er komme sich wie aus einer traulichen
warmen Stube auf die kalte Strasse hinausgestellt vor, und er habe sich weniger
auf eine Lustbarkeit als auf den Umstand gefasst zu machen, dass er auf
unerfreuliche Weise mit seinem Innern werde kämpfen müssen. Er fühle sich so
arm wie noch nie, es sei ihm zu Mut, als habe ihm irgend jemand einen
rücksichtslosen Stoss versetzt, wodurch er sich in das traurige Bewusstsein
geworfen sehe, das ihm sage, dass er sehr einsam geworden sei. Im übrigen sei ihm das alles sehr klar, und er verstehe alles sehr gut, weil sich alles ganz von
selbst verstehe. »Alter, trockener Junggeselle«, murmelte er vor sich hin, und ich
sah deutlich, wie seine Augen mit einmal voll Tränen waren. Ich muss gestehen,
dass ich mich tüchtig über seine Trauer lustig machte, und ich gebe gern zu, dass
das nicht sehr zart war.