Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 17 von 19

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Prosastücke

Schwendimann.

S c h w e n d i m a n n .

 

Einmal war ein sonderbarer Mann. Hallo, hallo, was denn für ein sonderbarer

Mann? Wie alt war er, und woher kam er? Das weiss ich nicht. So kannst du mir

vielleicht sagen, wie er hiess? Er hiess Schwendimann. Aha, Schwendimann!

Gut, sehr gut, très bien, très bien. Fahre also fort, wenn es dir gefällt und sage

uns: was wollte denn der Schwendimann? Was er wollte? Hm, das wusste er

wohl selber nicht recht. Er wollte nicht viel, aber er wollte etwas Rechtes. Was

suchte, nach was forschte Schwendimann? Er suchte nicht viel, aber er suchte

etwas Rechtes. Zerfahren, verloren in weiter Welt war er. So, so? Verloren? Aha,

zerfahren! Grosser Gott, wo hinaus soll es denn mit dem armen Mann? Ins

Nichts, ins All oder in was sonst? Bange Frage! Alle Leute schauten ihn fragend

an, und er die Leute. O wie ängstlich, wie kläglich! Er ging so dahin, matt und

schwerfällig, mit wankenden unsicheren Schritten, und die Schulkinder liefen

ihm mutwillig nach und neckten und fragten ihn: »Was suchst du,

Schwendimann?« Er suchte nicht viel, aber er suchte das Rechte. Mit der Zeit

hoffte er das Rechte schon zu finden. »Das wird sich finden«, murmelte er in

seinen zerzausten schwarzen Bart. Schwendimanns Bart war ganz struppig. So,

so? Struppig? Sessa! Voilà! Ausgezeichnet. In der Tat! Hochinteressant! Mit eins

und so stand er vor dem Rathaus. »Mir ist weder zu helfen noch zu raten«, sagte

er, und da er seines Wissens im Rathaus nicht das geringste zu suchen hatte, so

ging er sachte weiter und kam vor das Armenhaus. »Ich bin wohl arm, aber ich

gehöre nicht ins Armenhaus«, dachte er und ging fleissig weiter, und nach einer

Weile kam er unvermutet vor das Spritzenhaus. »Es brennt nirgends!« machte er

und ging mürrisch weiter. Einige Schritte weiter kam das Pfandhaus. »Ich habe

in Gottes weiter Welt nichts zu pfänden«, und eine kleine Strecke weiter das

Badhaus. »Ich brauche nicht zu baden!« Als er nach einiger Zeit vor das

Schulhaus kam, sagte er: »Die Zeiten, wo ich zur Schule gegangen bin, sind

vorüber«, und ging leise weiter, indem er den sonderbaren Kopf schüttelte. »Mit

der Zeit komme ich schon vor das rechte Haus«, sagte er. Nicht lange und so

stand Meister Schwendimann vor einem grossen, finstern Gebäude. Es war das

Zuchthaus. »Ich verdiene nicht Strafe, ich verdiene etwas Anderes«, sprach er

dunkel vor sich hin und marschierte weiter und gelangte bald vor ein anderes Haus, nämlich vor das Krankenhaus, wo er sagte: »Ich bin nicht krank, ich bin

anders. Ich habe keine Krankenpflege nötig, ich habe etwas ganz Anderes

nötig.« Schwankend ging er weiter, heller, heiterer Tag war's, die Sonne blitzte

und die hübschen Strassen waren voll Leute, und das Wetter war so säuberlich,

so freundlich, aber Schwendimann achtete nicht auf das schöne Wetter. Da kam

er vor das Elternhaus, vor das liebe Haus der Kindheit, vor sein Geburtshaus.

»Ich möchte wohl wieder ein Kind sein und Eltern haben, aber die Eltern sind

gestorben und die Kindheit kommt nicht wieder zurück.« Zögernd mit

bedächtigen Schritten ging er weiter und sah das Ballhaus und nachher das

Kaufhaus. Vor dem Tanzhaus sagte er: »Ich mag nicht tanzen«, und vor dem

Kaufhaus: »Ich kaufe und verkaufe nichts.« Da wurde es allmählich Abend.

Wohin gehörte denn eigentlich Schwendimann? Ins Arbeitshaus? Er hatte keine

Lust mehr, zu arbeiten. Oder ins Freudenhaus? »Lust und Freude sind mir

vergangen.« Nicht lange ging es und so stand er vor dem Gerichtshaus, und da

sagte er: »Ich brauche keinen Richter, ich brauche etwas Anderes.« Vor dem

Schlachthaus meinte er: »Ich bin kein Schlächter.« Im Pfarrhaus hatte er seines

Bedünkens nichts zu schaffen, und im Schauspielhaus haben Leute wie

Schwendimann kaum etwas zu suchen, auch ins Konzerthaus treten solche Leute

nicht. Still und mechanisch ging er weiter, vermochte kaum die Augen offen zu

behalten, so müde war er. Es war ihm, als schlafe er, als marschiere er im

Schlafe. Wann kommst du wohl vor das rechte Haus, Schwendimann? – Geduld,

das wird sich finden. Er kam vor ein Trauerhaus. »Ich bin wohl traurig, aber ich

gehöre nicht ins Trauerhaus« und ging weiter; kam vor das Gotteshaus und ging

wortlos weiter und kam vor ein Gasthaus, wo er sprach: »Ich bin kein guter Gast,

und niemand sieht mich gern,« und ging seinen Weg weiter. Endlich, nach

beschwerlicher Wanderung, nachdem es schon dunkel geworden war, kam er vor

das rechte Haus, und sobald er es sah, sagte er: »Endlich habe ich gefunden, was

ich suche. Hier hinein gehöre ich.« Ein Gerippe stand an der Türe, er fragte:

»Darf ich wohl hier eintreten, um auszuruhen?« Das Gerippe grinste auf das

freundlichste und sagte: »Guten Abend, Schwendimann. Ich kenne dich wohl.

Komm nur herein. Du bist willkommen.« Er trat in das Haus hinein, das am

Ende jeder findet, und wo nicht nur für ihn, sondern für Alle Platz vorhanden ist,

und wie er hineingekommen war, sank er um und war tot, denn er war ins

Totenhaus gekommen, und hier hatte er Ruhe.