Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 10 von 19

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Prosastücke

Sohn und Mutter.

S o h n u n d M u t t e r .

 

Ein liebes, gutes Mütterchen, wahrhaftig: ich meine, man sollte ihr ein

Denkmal errichten! führte durch fleissige Sparsamkeit und durch nächtelanges,

emsiges Nähen die schöne Möglichkeit herbei, dass ihr Sohn, den sie fast wie

einen Abgott liebte, die hohe Schule besuchen und sich dadurch die beste

Bildung erwerben konnte. Merke dir, lieber aufmerksamer Leser, was nun

geschah. Der grosse Sohn, Gegenstand der mütterlichen Aufopferung, blitzendes

Juwel und köstlicher Edelstein von Sohn, machte freilich mit der Zeit so grosse

Fortschritte, dass er in jungen Jahren schon hoch hinaufkletterte und es zu einer

Stellung brachte, die ihm nicht nur erlaubte, die ihn vielmehr geradezu nötigte,

sich aufzublasen, hochmütiges Wesen kalt und nachlässig zur Schau zu tragen

und den grossen Herrn zu spielen, als welcher er sich rasch über seine arme

bescheidene Herkunft hinwegsetzen lernte. Vorzüglich dickes, fettes und

hochangesehenes Tier, wie man so sagt, fühlte er sich über alle kleinen engen

Nöte des täglichen Lebens erhaben, und mit der stets höher und höher steigenden

Wertschätzung der eigenen werten und wichtigen Person vergass er den

mütterlichen Menschen. Das arme gute Mütterchen! Ei, die soll doch nur hübsch

brav in ihrem Sorgen- und Dachstübchen stillsitzen, denn derlei Personen kann

man ja unmöglich in die feine Gesellschaft einführen. In der hohen Atmosphäre

und in den glänzenden Verhältnissen, in denen Emporkömmlinge leben, redet

bekanntlich niemand ein Wörtchen über Kindesdankbarkeit und -Liebe. Von

schwüler, genussreicher Liebe wird dort wohl gesprochen, aber über schlichte

Liebe zuckt man bestenfalles mitleidig die stolze Achsel. Wenn wir nun auch

den Fall setzen und annehmen, dass der grosse Sohn sein Mütterchen einmal

habe besuchen wollen, so müssen wir doch sogleich bedenken, dass ein solcher

Besuch unmöglich war, weil der Vortreffliche ja für den Eintritt in die

Armutstube durch den engen ärmlichen Rahmen der bescheidenen Stubentüre

viel zu breit und breitspurig, viel zu dick und zu geschwollen, viel zu stolz und

zu reich war. Für den Stolz und für den Hochmut gibt es Palast- und hohe breite

Salontüren. Mehr zu sagen, ist wohl überflüssig, und man wird schon verstehen,

wie ich es meine. Der Weg zum Mütterchen und damit zur menschlichen

Bescheidenheit war und blieb dem Parvenü versperrt, wegen des Rahmens und wegen der kleinlichen Verhältnisse, in die er sich wieder zu schicken gehabt

hätte. Vielleicht erlaubt man mir die freilich scheinbar etwas gefühlvolle

Bemerkung, dass ich grosse Lust hätte, zu sagen, ich wolle vor dem lieben alten

Mütterchen niederknien und dass es mich fast hinreissen möchte, das Geld, das

die Mutter für den stolzen Tölpel in mühseliger Nachtarbeit zusammenrackerte,

ehrfürchtig zu küssen. Der Tölpel mag nur immerhin mit Seinesgleichen

spazieren gehen, wo es ihm beliebt. Vor ihm und Seinesgleichen beuge ich mich

nicht, und ich werde für ihn und Seinesgleichen weder eine Artigkeit, noch

irgend eine Achtung übrig haben.