Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 8 von 19

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Prosastücke

Die Brüder.

D i e B r ü d e r .

 

Darf ich dich, o du Guter, leise und gewiss ganz zaghaft an die Zeit erinnern,

wo wir Beide, du als beginnender schaffender Maler und ich als heimlich

beginnender angehender Poet, uns mit unserer jugendlich anstrebenden

Kunstburschen- oder Kunstlehrlingschaft und was alles hübsch damit

zusammenhing, zu S.... aufhielten? Meines Wissens schrieb und schickte ich dir,

bevor ich in Person bei dir anlangte und auftauchte, ein ziemlich langes

Sehnsuchts- und Freundschaftsgedicht, das du empfingest und mit Genuss lasest.

Himmlisch dünkt mich das, wenn ich daran denke, obgleich es natürlich zum

Lachen ist. Göttlich schön und gross ist es, junge Wangen und junge

Lebensanschauungen zu haben, ein unaussprechliches Sehnen nach dem Leben

zu empfinden und achtzehn Jahre alt zu sein, denn ungefähr so alt waren wir

damals beide. Herrlich kamen mir die Residenzstadt S.... und du selbst vor; du

warest in den Augen des frischen Ankömmlings nichts geringeres als ein

imposanter Haupt- und Weltstädter. O wie sind jugendliche Unwissenheit und

Unerfahrenheit schön! Was Gutes und Schönes erwirbt man denn eigentlich mit

der Erfahrung? Sehr viel Wertvolles sicher nicht. Du geleitetest mich freundlich

durch die Strassen in eine gewisse Gerbergasse hinein und dann hinein in die

berühmte und sicher uns allen beiden unvergessliche Herberge zur Heimat, wo

wir gemeinsam ein Zelt aufschlugen oder mit andern Worten eine Stube

bezogen, um gemeinschaftlich darin zu wohnen und zu hausen, was sicher nur

unser Vorteil und nicht unser Nachteil war. Entzückend, so schwöre und

behaupte ich, sind erste kühne Künstler-Flugversuche, die mit öfteren Abstürzen

verbunden sind. Aber ist das Hüte aus dem Fenster hinaus- und auf Passanten in

die Strasse herabwerfen nicht vielleicht noch fast schöner als alles Malen,

Musizieren und Dichten? Waren wir nicht im Hutwerfen erlesene erste Meister

und wahre dämonische Virtuosen, und sah sich der gute freundliche Wirt oder

Herbergsvater nicht genötigt, uns vor Fortsetzungen des reizenden Unfuges

väterlich zu warnen? Ach es ist vielleicht, von einem gewissen Gesichtspunkt

aus gesehen, hundert-, wenn nicht gar tausendmal schöner, seinen oder seines

Bruders Hut aus dem Fenster fliegen und wirbeln zu lassen, damit

Vorübergehende unten staunen, als ein vollendetes Gedicht zu schreiben, damit das liebe Publikum staune. Gab es nicht in unserer Kunststube eines schönen

Tages einen überraschenden Hofpredigerbesuch, über den wir Beide einen

Monat lang lachten? Ich stand gerade nackt da, dir als Modell zu einem Cäsars

Leichnam beweinenden Markus Antonius dienend, als die Türe des Studier- und

Aktzimmers unerwarteterweise aufging und dicht und urplötzlich vor uns

strebenden armen Sündern wer stand? Der Herr Hofpfarrer. »O Gott, was muss

ich mit meinen Augen erblicken? Was geht hier vor?« rief er aus und trat

unverzüglich den Rückzug an, der in wilde Flucht ausartete. Wie gab uns das

Entsetzen des guten Herrn, der künstlerischen Übungen offenbar fremd

gegenüberstand, zu lachen. Lebten wir zwei Jünger und Brüder, Neulinge,

Anfänglinge und Novizen nicht wie auf einer reizenden Freundschafts- und

Verbrüderungsinsel, auf der alles gut und schön und sorglos ist, wo in

ununterbrochenem freundlichem Gelispel und Gesäusel und in einem

fortwährenden süssen Frieden die lebendigen Geschöpfe sich des

zutrauenreichen, gütigen Daseins erfreuen, Himmel und Erde und Kreatur

zusammengewachsen sind, und wo der Mensch so harmlos und gutherzig wächst

und hinlebt vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag hinein wie die

duftenden Blumen, die Pflanzen und die treuen guten Bäume. Wateten wir nicht

ganze schöne Sonntage und sonstige Tage lang im üppig-grünen Landschaftsgras

und in der göttlich weichen, träumerischen Mai-Landschaft umher, um dann da

und dort unter blühenden Apfel- und Birnenbäumen vom Streifen und

»Landschaften«, vom schwierigen Malen und Versemachen köstlich auszuruhen,

wobei wir oft einzuschlummern geruhten wie Grafen und Fürsten, um später

wieder zu erwachen wie Prinzen? Wir lasen noch nicht Verlaine, aber wir lasen

dafür doch Heinrich Heine und Uhland, und die mundeten und schmeckten uns

nicht schlecht. War nicht auch das freie gliedererfrischende Baden im Neckar

herrlich und beglückte uns nicht in Dorfgasthäusern der Genuss von

Birnenmost? Wenn wir vom kühnen Ausmarsch grässlich staubig und hungrig

wieder in unsere Herberge zurückkamen, so bestellten wir ja bekanntlich

jeweilen je einen Rostbraten mit gemischtem Salat für die Wanderer und Herren

Gebrüder, worüber die ganze Stube höchlich staunte. Soupieren und dinieren

grosse und reiche Herren reicher und besser als wir Zwei damals? Das finde ich

sehr fraglich, denn für uns war der Rostbraten ein Götterschmaus nach trefflich

überstandenen Wanderanstrengungen. Wie ist es schön, arm und jung und

unbekannt zu sein. Wie gerne gäbe mancher Schwerberühmte seinen Ruhm und

all sein Ansehen für einen Achtel oder auch nur Achtzigstel, für einen Drittel

oder Dreissigstel des Jugendzustandes her. Die Jungen sehnen sich nach Ehre,

Ruhm, Erfolg und Ansehen, aber die Berühmten und die Mächtigen sehnen sich

wieder in das arme wilde Jugendsehnen und in das heisse beglückende Ringen mit der Existenz zurück. Der Erfolg macht nicht glücklich, aber es muss ja eine

Arbeit und ein Streben auf dieser armen, widerspruchsvollen Erde sein. Es muss

ja einen Ruhm und einen Reichtum geben, aber Ruhm und Reichtum vermögen

nur niedrige und flache Seelen zu beglücken. Es muss auf dieser Erde ein ewiges

Auf und Ab und eine ewige Niebefriedigung sein. Ist nicht auch dir, ganz so wie

mir, die Gestalt der gütigen, liebenswürdigen Opernsängerin B... in Erinnerung

geblieben, die die hohe Freundlichkeit hatte, uns zwei doch sicher ziemlich arme

Teufel, wahre Muster und Vorbilder an Unbeachtetheit, zu einem graziösen

schöngeistigen Tee huldreich einzuladen? Sprangen und liefen wir nicht eine

Zeitlang fast allabendlich mittels uns vom gnädigen und freigebigen Freiherrn-

Intendanten gütig verabreichten und freundlich gegönnten Freikarten in das

schimmernde Hoftheater, wo wir unter zahlreichen andern reichen

Stehparterregenüssen den Genuss hatten, die Eysoldt als zierliche Desdemona

und den kraftvollen Matkowsky als dieselbe im Sturm der Mohreneifersucht

tötenden und abmordenden Othello zu sehen, und gab es für uns etwas Höheres

und Schöneres als das? Nicht von ferne! Und die dürren oder gedörrten

Zwetschgen, die wie unglückliche arme Ertrunkene auf dem Mittagstisch im

Teller voll Wasser schwammen, könnte es denkbar sein, dass du sie vergessen

hättest oder dass du sie je würdest vergessen können? Ebenso des knorrigen

Betknechtes und -Bruders Knoop schrille Andachtstimme und Worte? Was

vermöchtest du mir entgegenzustellen, wenn ich auf die Tribüne der

Beredsamkeit stiege und laut sagte, dass nach dem Gefühl derjenigen, die

vermöge einer erreichten Altersstufe in das abendsonnen- und

morgensonnenbeschienene Land der Vergangenheit blicken, vergangene schöne

Stunden ein Heiligtum seien? Ergreift nicht dich auch Rührung bei dem

Gedanken an das fröhliche Frühe, an das heitere Einst?