Prosastücke
Die Brüder.
D i e B r ü d e r .
Darf ich dich, o du Guter, leise und gewiss ganz zaghaft an die Zeit erinnern,
wo wir Beide, du als beginnender schaffender Maler und ich als heimlich
beginnender angehender Poet, uns mit unserer jugendlich anstrebenden
Kunstburschen- oder Kunstlehrlingschaft und was alles hübsch damit
zusammenhing, zu S.... aufhielten? Meines Wissens schrieb und schickte ich dir,
bevor ich in Person bei dir anlangte und auftauchte, ein ziemlich langes
Sehnsuchts- und Freundschaftsgedicht, das du empfingest und mit Genuss lasest.
Himmlisch dünkt mich das, wenn ich daran denke, obgleich es natürlich zum
Lachen ist. Göttlich schön und gross ist es, junge Wangen und junge
Lebensanschauungen zu haben, ein unaussprechliches Sehnen nach dem Leben
zu empfinden und achtzehn Jahre alt zu sein, denn ungefähr so alt waren wir
damals beide. Herrlich kamen mir die Residenzstadt S.... und du selbst vor; du
warest in den Augen des frischen Ankömmlings nichts geringeres als ein
imposanter Haupt- und Weltstädter. O wie sind jugendliche Unwissenheit und
Unerfahrenheit schön! Was Gutes und Schönes erwirbt man denn eigentlich mit
der Erfahrung? Sehr viel Wertvolles sicher nicht. Du geleitetest mich freundlich
durch die Strassen in eine gewisse Gerbergasse hinein und dann hinein in die
berühmte und sicher uns allen beiden unvergessliche Herberge zur Heimat, wo
wir gemeinsam ein Zelt aufschlugen oder mit andern Worten eine Stube
bezogen, um gemeinschaftlich darin zu wohnen und zu hausen, was sicher nur
unser Vorteil und nicht unser Nachteil war. Entzückend, so schwöre und
behaupte ich, sind erste kühne Künstler-Flugversuche, die mit öfteren Abstürzen
verbunden sind. Aber ist das Hüte aus dem Fenster hinaus- und auf Passanten in
die Strasse herabwerfen nicht vielleicht noch fast schöner als alles Malen,
Musizieren und Dichten? Waren wir nicht im Hutwerfen erlesene erste Meister
und wahre dämonische Virtuosen, und sah sich der gute freundliche Wirt oder
Herbergsvater nicht genötigt, uns vor Fortsetzungen des reizenden Unfuges
väterlich zu warnen? Ach es ist vielleicht, von einem gewissen Gesichtspunkt
aus gesehen, hundert-, wenn nicht gar tausendmal schöner, seinen oder seines
Bruders Hut aus dem Fenster fliegen und wirbeln zu lassen, damit
Vorübergehende unten staunen, als ein vollendetes Gedicht zu schreiben, damit das liebe Publikum staune. Gab es nicht in unserer Kunststube eines schönen
Tages einen überraschenden Hofpredigerbesuch, über den wir Beide einen
Monat lang lachten? Ich stand gerade nackt da, dir als Modell zu einem Cäsars
Leichnam beweinenden Markus Antonius dienend, als die Türe des Studier- und
Aktzimmers unerwarteterweise aufging und dicht und urplötzlich vor uns
strebenden armen Sündern wer stand? Der Herr Hofpfarrer. »O Gott, was muss
ich mit meinen Augen erblicken? Was geht hier vor?« rief er aus und trat
unverzüglich den Rückzug an, der in wilde Flucht ausartete. Wie gab uns das
Entsetzen des guten Herrn, der künstlerischen Übungen offenbar fremd
gegenüberstand, zu lachen. Lebten wir zwei Jünger und Brüder, Neulinge,
Anfänglinge und Novizen nicht wie auf einer reizenden Freundschafts- und
Verbrüderungsinsel, auf der alles gut und schön und sorglos ist, wo in
ununterbrochenem freundlichem Gelispel und Gesäusel und in einem
fortwährenden süssen Frieden die lebendigen Geschöpfe sich des
zutrauenreichen, gütigen Daseins erfreuen, Himmel und Erde und Kreatur
zusammengewachsen sind, und wo der Mensch so harmlos und gutherzig wächst
und hinlebt vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag hinein wie die
duftenden Blumen, die Pflanzen und die treuen guten Bäume. Wateten wir nicht
ganze schöne Sonntage und sonstige Tage lang im üppig-grünen Landschaftsgras
und in der göttlich weichen, träumerischen Mai-Landschaft umher, um dann da
und dort unter blühenden Apfel- und Birnenbäumen vom Streifen und
»Landschaften«, vom schwierigen Malen und Versemachen köstlich auszuruhen,
wobei wir oft einzuschlummern geruhten wie Grafen und Fürsten, um später
wieder zu erwachen wie Prinzen? Wir lasen noch nicht Verlaine, aber wir lasen
dafür doch Heinrich Heine und Uhland, und die mundeten und schmeckten uns
nicht schlecht. War nicht auch das freie gliedererfrischende Baden im Neckar
herrlich und beglückte uns nicht in Dorfgasthäusern der Genuss von
Birnenmost? Wenn wir vom kühnen Ausmarsch grässlich staubig und hungrig
wieder in unsere Herberge zurückkamen, so bestellten wir ja bekanntlich
jeweilen je einen Rostbraten mit gemischtem Salat für die Wanderer und Herren
Gebrüder, worüber die ganze Stube höchlich staunte. Soupieren und dinieren
grosse und reiche Herren reicher und besser als wir Zwei damals? Das finde ich
sehr fraglich, denn für uns war der Rostbraten ein Götterschmaus nach trefflich
überstandenen Wanderanstrengungen. Wie ist es schön, arm und jung und
unbekannt zu sein. Wie gerne gäbe mancher Schwerberühmte seinen Ruhm und
all sein Ansehen für einen Achtel oder auch nur Achtzigstel, für einen Drittel
oder Dreissigstel des Jugendzustandes her. Die Jungen sehnen sich nach Ehre,
Ruhm, Erfolg und Ansehen, aber die Berühmten und die Mächtigen sehnen sich
wieder in das arme wilde Jugendsehnen und in das heisse beglückende Ringen mit der Existenz zurück. Der Erfolg macht nicht glücklich, aber es muss ja eine
Arbeit und ein Streben auf dieser armen, widerspruchsvollen Erde sein. Es muss
ja einen Ruhm und einen Reichtum geben, aber Ruhm und Reichtum vermögen
nur niedrige und flache Seelen zu beglücken. Es muss auf dieser Erde ein ewiges
Auf und Ab und eine ewige Niebefriedigung sein. Ist nicht auch dir, ganz so wie
mir, die Gestalt der gütigen, liebenswürdigen Opernsängerin B... in Erinnerung
geblieben, die die hohe Freundlichkeit hatte, uns zwei doch sicher ziemlich arme
Teufel, wahre Muster und Vorbilder an Unbeachtetheit, zu einem graziösen
schöngeistigen Tee huldreich einzuladen? Sprangen und liefen wir nicht eine
Zeitlang fast allabendlich mittels uns vom gnädigen und freigebigen Freiherrn-
Intendanten gütig verabreichten und freundlich gegönnten Freikarten in das
schimmernde Hoftheater, wo wir unter zahlreichen andern reichen
Stehparterregenüssen den Genuss hatten, die Eysoldt als zierliche Desdemona
und den kraftvollen Matkowsky als dieselbe im Sturm der Mohreneifersucht
tötenden und abmordenden Othello zu sehen, und gab es für uns etwas Höheres
und Schöneres als das? Nicht von ferne! Und die dürren oder gedörrten
Zwetschgen, die wie unglückliche arme Ertrunkene auf dem Mittagstisch im
Teller voll Wasser schwammen, könnte es denkbar sein, dass du sie vergessen
hättest oder dass du sie je würdest vergessen können? Ebenso des knorrigen
Betknechtes und -Bruders Knoop schrille Andachtstimme und Worte? Was
vermöchtest du mir entgegenzustellen, wenn ich auf die Tribüne der
Beredsamkeit stiege und laut sagte, dass nach dem Gefühl derjenigen, die
vermöge einer erreichten Altersstufe in das abendsonnen- und
morgensonnenbeschienene Land der Vergangenheit blicken, vergangene schöne
Stunden ein Heiligtum seien? Ergreift nicht dich auch Rührung bei dem
Gedanken an das fröhliche Frühe, an das heitere Einst?