Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 15 von 19

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Prosastücke

Zahnschmerzen.

Z a h n s c h m e r z e n .

 

Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Zeitlang heftige Zahnschmerzen

hatte. Um die Qualen zu betäuben, lief ich ins Feld hinaus und brüllte dort wie

König Lear. Zu Hause beliebte es mir, gegen die Wand zu rennen und im Grimm

einige wertvolle Stühle aus der Biedermeierzeit zu zerschlagen, aber das

Zahnweh hörte deswegen keineswegs auf, vielmehr wurde das Übel von Stunde

zu Stunde ärger. Des Nachts weckten die Schauderszenen, die ich veranstaltete,

sämtliche Hausbewohner, es war ein Skandal. Der häufige Genuss von feinstem

Cognac half wenig. Ich versetzte mir Hiebe ins Gesicht, ähnlich wie Sancho

Panza, als er den Verlust seines Esels wahrnahm. Einmal brachte ich mir mit

einem Messer eine allerdings glücklicherweise durchaus nicht lebensgefährliche

Wunde bei, aber diese grobe Massnahme besserte an meinem Zustand nicht das

Geringste, sondern schien die Folter nur noch zu verstärken. Endlich ging ich

zum Zahnarzt, und zwar der lieben Billigkeit halber in eine zahntechnische

Klinik, wo ich mich mit Vergnügen zu Studienzwecken hergab. Mein Mund

wurde von der Hand eines Lehrfräuleins sorgfältig untersucht und hierauf

begannen die Operationen. Ich darf wohl mit einiger Berechtigung sagen, dass

ich Vieles sanft über mich ergehen liess und dass ich Allerlei mit starker Fassung

hinnahm. Manches ertrug ich geduldig, doch von Zeit zu Zeit fand ich es für

angebracht, einen ziemlich lauten Schrei auszustossen, was ich absichtlich tat,

denn dadurch erreichte ich, dass der Meister herbeisprang, um mit seinem

meisterlichen Können helfend einzugreifen, was für mich keine unerhebliche

Wohltat war. In solchen Fällen zürnte mir freilich das Fräulein, und sie fand,

dass es sehr unartig von mir sei, so starkes Geräusch zu verursachen. Ich

erlaubte mir, ihr zu sagen, dass ich noch öfters schreien wolle, sobald man mir

überflüssige Pein zufüge. Das sei gar nicht hübsch von mir, so zu reden, gab sie

zurück. Ich kam nach und nach in einen ganz fröhlichen Verkehr mit ihr und

einmal hatte sie den Einfall, mich zu fragen, was ich sei. Ich sei etwas wie

Schriftsteller, erwiderte ich bescheiden. Sie rief laut in die zahnärztliche Stube

hinaus: »Ich habe einen Schriftsteller,« worauf sämtliche Herren und Damen,

darunter auch der Meister, herbeigeeilt kamen, um den eigenartigen Patienten

behaglich zu betrachten. Ich wurde einer genauen Besichtigung unterworfen. »Wenn Sie Schriftsteller sind,« sagte der Meister, »dann sind Sie sicher einer

von den ärmern, einer von denen, die ihr Leben lang erfolglos bleiben, denn das

sieht man Ihnen deutlich an.« Ich musste über die feine Bemerkung lachen und

erwiderte: »Ich bin allerdings arm und an Erfolglosigkeit hat es mir bis heute nie

gefehlt, aber das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein. Wenn ich nur wieder

gesunde und schöne Zähne habe, was ich lebhaft hoffe, so springe ich herum,

wie ein Hirsch und bin fröhlicher als mancher sogenannte Glückspilz.«