Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 7 von 19

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Prosastücke

Die Mörderin.

D i e M ö r d e r i n .

 

Es fällt mir ein, dass ich neulich mit einem Landwirt über den Berg ging.

Wie wir so von allerlei Dingen plauderten, trat uns auf der Strasse, mitten im

hübschen Bergdorf, eine stämmige Frau entgegen. Diese Bauernfrau war mir

durch weiter nichts als durch ihre feste kerngesunde Erscheinung aufgefallen.

Näher war mir nicht eingefallen, sie zu betrachten. Als die Frau an uns

vorübergegangen war, hielt es der Wirt für erlaubt (worin er ganz recht hatte) die

ruhige Bemerkung zu machen: »Der Frau, die da soeben an uns vorüberging,

haben Sie gewiss nicht angemerkt, dass sie fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus

hinter sich hat.« Erstaunt fragte ich: »Warum?« Mein Wirt beeilte sich mit

Aussagen in keiner Weise. Es verging eine Pause, nach deren Verlauf er sagte:

»Sie hat einst ihren Mann totgeschlagen.« Entsetzt erkundigte ich mich nach den

näheren Umständen. Wieder schwieg der Landmann, der über den Berg ging, um

seine Matten zu beschauen, eine kleine Weile, worauf er mit sonderbarer

Behaglichkeit, als sei er ein überlegener Erzähler, und als erzähle er eine

halbverschollene Ballade oder Schauergeschichte, Folgendes vorbrachte: »Eines

Morgens trat sie mit einer Hacke oder Karst in der Hand in das Schlafzimmer

ihres Mannes, der im Bett lag. Als derselbe die Augen aufmachte und sie so sah,

fragte er, weil ihn offenbar die Hacke erschreckte: »Was willst du hier im

Zimmer mit der Hacke?« Darauf erwiderte die Mörderin: »Das will ich dir eben

jetzt zeigen.« Mit diesen furchtbaren, gewissermassen trocken-humoristischen

Worten, holte sie zum Schlag aus und schlug ihm den Kopf ein.« Ich bat den

Wirt, mir zu sagen, weshalb die Frau eine so grässliche Tat verübt habe. »Es ist

nicht bekannt«, antwortete er, »man hat es vergessen. Möglich ist, dass der Mann

ein Trinker war, der nicht schaffen wollte und damit seine Ehefrau in die

Erbitterung trieb.« Da ihn seine Absichten einen andern Weg als den, den ich

verfolgte, gehen hiessen, so verabschiedete er sich, und ich ging allein weiter,

indem ich über das Verbrechen noch allerlei stille Betrachtungen anstellte und

mich besonders über das gute unbefangene Aussehen der Frau wunderte, die wir

so still und ohne alles Auffallen an uns hatten vorbeigehen sehen, als sei sie

nicht sie selbst, sondern eine beliebige Andere, nicht eine Mörderin, sondern

irgend eine wackere rechtschaffene fleissige Frau. »Erstaunliche Kraft muss jedenfalls in ihr liegen«, dachte ich, »eine Untat und fünfundzwanzig Jahre

Zuchthaus und von allem dem nicht das geringste Kennzeichen zu offenbaren:

Welche Summe von Unbeugsamkeit.« –