Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 11 von 19

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Prosastücke

Die böse Frau.

D i e b ö s e F r a u .

 

Eine Frau, die eines Tages, so wie die Dinge lagen, den Traum, den sie sich

von ihrem Leben machen zu dürfen gemeint hatte, begraben musste, weinte

ganze lange Tage und Wochen lang über den Verlust desselben. Als sie aber

endlich ihren Schmerz ausgeweint hatte, war sie, fast zu ihrem eigenen

Erstaunen, eine böse Frau geworden, die von nun an kein so lebhaftes Bedürfnis

mehr wie dieses hatte, andere Frauen recht bestürzt, verlegen und

niedergeschlagen zu sehen, indem sie sie unglücklich zu machen versuchte. Sie

fing mehr und mehr an, jedes fröhliche weibliche Gesicht zu hassen, weil sie

sich durch jede glückliche Miene gekränkt und beleidigt fühlte. Es drängte sie,

gegen jederlei Vergnügen, das sie erblickte, Ränke und Bosheitspläne zu

schmieden, da jeder heitere Anblick ihr weh zu tun schien. Darf ein

unglücklicher Mensch es im Menschenhass so weit treiben? Nun und nimmer!

muss entschieden geantwortet werden. Die durch vielerlei Leid, durch

gescheitertes Streben nach Lebensglück verdorbene böse Frau machte es sich zur

traurigen Aufgabe, junge Mädchen mit jungen Männern geschickt

zusammenzuführen, sie gegenseitig aufeinander aufmerksam zu machen, sie

enger und enger zusammen zu befreunden und, wenn dann die holde

Freundschaft ihr reif zu sein schien, dieselbe durch listige Verrätereien, rohe

Künste, grausame Verleumdung und Verwirrung, wieder zu zerreissen. Der

Anblick einer weinenden verratenen Angehörigen ihres Geschlechts tat ihr dann

wohl und war für sie ein Genuss. So und ähnlich trieb sie es ziemlich lange,

währenddessen die um ihre Freude und ihre Zufriedenheit betrogenen Mädchen

sie für eine edle und feine Frau hielten. Nach und nach aber merkte jedermann,

wie böse sie sei, und sobald die Leute sich hierüber Gewissheit verschafft hatten,

so wurde die gefährliche Gesellschaft fortan sorgfältig vermieden, derart, dass

die böse Frau bald keinerlei Gelegenheit mehr erhielt, Unglück anzustiften,

Böses zu tun und Unfrieden und Unbehagen zu verbreiten.