Prosastücke
Der andere Junggeselle.
D e r a n d e r e J u n g g e s e l l e .
Ein anderer Junggeselle, einer der hartnäckigsten, die es je gab, ein
Frauenfeind erster Güte und doch wieder absolut kein Frauenfeind, sondern ein
ganz netter, artiger Mensch, der keinem weiblichen Wesen nur ein Haar
krümmte, tat seine Sache, erfüllte auf das Eifrigste seine Obliegenheiten und war
ehrlich, solid und lebensfröhlich. Das aber war es ja gerade, das Schurkische,
nämlich, dass er fröhlich war, denn es gab Leute, die das unverzeihlich fanden.
Es gab ehrenwerte und nette Leute, die der Meinung waren, dass der gute
Junggeselle verpflichtet sei, sich unglücklich zu fühlen. Das war er jedoch
keineswegs, sondern er lebte, wie gesagt, ganz vergnügt dahin und von
Verzweifeln wegen seines Junggesellentums war bei ihm keine Spur. Der
Junggeselle ahnte, dass er einige nette und achtenswerte Leute mit seiner
Vergnügtheit und Zufriedenheit beleidige, und dass seine heitere unbefangene
Existenz für diejenigen fast ein Ärgernis sei, die lebhaft wünschten, dass der
Junggeselle an seinem Junggesellenwesen zerschelle. Allerlei nette und
achtenswerte Leute trafen allerlei gefährliche kriegerische Vorkehrungen, um
dem Unhold sanft oder unsanft auf den Leib zu rücken, ihm das edle
Gleichgewicht zu rauben, die Seele zu erschüttern, den guten Glauben an sich
selbst zu untergraben und seine Charakterfestigkeit zu nichte zu machen.
Zahlreiche, wohlvorbereitete Angriffe wurden ins Werk gesetzt, um des
Junggesellen zähes Selbstbewusstsein zu zerschmettern, doch es wurde nichts
erreicht, denn der Schreckliche blieb unerschütterlich. Unerhörte Leckerbissen
wurden der grausamen Bestie mit wir möchten sagen vollendeter Kunst
vorgeworfen, aber das Ungeheuer verzichtete mit diebischem Vergnügen auf alle
dargebotenen Genüsse, recht wohl wissend, dass es die liebliche Kost mit dem
Verlust von Freiheit und Unabhängigkeit bezahlen müsse. Fallstricke wurden
gelegt, Schlingen und Angeln säuberlich und appetitlich dargehalten, Fallgruben
vorbereitet, schön mit Höflichkeiten und Artigkeiten zugedeckt, Netze wurden
ausgestreckt, doch der Junggeselle fiel nicht in die Falle und stürzte nicht in die
Grube, ging nicht in die Schlinge und rannte nicht ins Netz. Eine Dame, die sich
besonders Mühe gegeben hatte, unsern guten und muntern Junggesellen zu
entjunggesellen, schrieb ihm eines Tages voll Unmut und Ungnade: »Wissen Sie, dass Sie sehr unhöflich sind? Wissen Sie, dass es scharmante Leute gibt, die
berechtigt sind, von Ihnen zu sagen, dass mit Ihnen nichts anzufangen sei?
Wissen Sie, dass man allgemein über Ihr Betragen, das sehr absonderlich ist, die
Achsel zuckt und den Kopf schüttelt? Man glaubte sich einreden zu dürfen, dass
Sie unglücklich seien, nun sind Sie aber scheinbar ganz glücklich und vergnügt.
Statt herzlich froh zu sein, dass reizende und nette Leute Sie aus dem Kerker des
Junggesellenstandes zu erlösen versuchten, spötteln und lächeln Sie wohl gar
noch! Das ist nicht fein, leben Sie wohl. Ich überlasse Sie der Menge von
Vorwürfen, die Sie sich zu machen haben. Ihr Betragen muss von niemand
anderem so aufrichtig bedauert werden, wie von Ihnen selber.« – »Gnädige
Frau«, schrieb der standhafte Junggeselle anmutig und manierlich zurück: »Ich
vermag nicht einzusehen, wie ich mir irgend einen Vorwurf zu machen hätte.
Gnädige Frau werden mir gütig erlauben, zu bemerken, dass ich mir unmöglich
einreden darf, es habe irgend jemand an der rein menschlichen Verfassung, die
ich vergegenwärtige, ein Interesse. Ich beklage die sehr unangenehme und
bedauerliche Tatsache, dass sich nette und scharmante Leute meinethalb umsonst
angestrengt haben; verantwortlich kann ich mich jedoch hiefür ganz unmöglich
fühlen. Ich bin so frei, Sie daran zu erinnern, dass ich als Mann von einiger
Bildung entschlossen sein muss, zu denken, ich sei fähig, für mein Wohlergehen
jederzeit selber zu sorgen.«