Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 16 von 19

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Prosastücke

Der andere Junggeselle.

D e r a n d e r e J u n g g e s e l l e .

 

Ein anderer Junggeselle, einer der hartnäckigsten, die es je gab, ein

Frauenfeind erster Güte und doch wieder absolut kein Frauenfeind, sondern ein

ganz netter, artiger Mensch, der keinem weiblichen Wesen nur ein Haar

krümmte, tat seine Sache, erfüllte auf das Eifrigste seine Obliegenheiten und war

ehrlich, solid und lebensfröhlich. Das aber war es ja gerade, das Schurkische,

nämlich, dass er fröhlich war, denn es gab Leute, die das unverzeihlich fanden.

Es gab ehrenwerte und nette Leute, die der Meinung waren, dass der gute

Junggeselle verpflichtet sei, sich unglücklich zu fühlen. Das war er jedoch

keineswegs, sondern er lebte, wie gesagt, ganz vergnügt dahin und von

Verzweifeln wegen seines Junggesellentums war bei ihm keine Spur. Der

Junggeselle ahnte, dass er einige nette und achtenswerte Leute mit seiner

Vergnügtheit und Zufriedenheit beleidige, und dass seine heitere unbefangene

Existenz für diejenigen fast ein Ärgernis sei, die lebhaft wünschten, dass der

Junggeselle an seinem Junggesellenwesen zerschelle. Allerlei nette und

achtenswerte Leute trafen allerlei gefährliche kriegerische Vorkehrungen, um

dem Unhold sanft oder unsanft auf den Leib zu rücken, ihm das edle

Gleichgewicht zu rauben, die Seele zu erschüttern, den guten Glauben an sich

selbst zu untergraben und seine Charakterfestigkeit zu nichte zu machen.

Zahlreiche, wohlvorbereitete Angriffe wurden ins Werk gesetzt, um des

Junggesellen zähes Selbstbewusstsein zu zerschmettern, doch es wurde nichts

erreicht, denn der Schreckliche blieb unerschütterlich. Unerhörte Leckerbissen

wurden der grausamen Bestie mit wir möchten sagen vollendeter Kunst

vorgeworfen, aber das Ungeheuer verzichtete mit diebischem Vergnügen auf alle

dargebotenen Genüsse, recht wohl wissend, dass es die liebliche Kost mit dem

Verlust von Freiheit und Unabhängigkeit bezahlen müsse. Fallstricke wurden

gelegt, Schlingen und Angeln säuberlich und appetitlich dargehalten, Fallgruben

vorbereitet, schön mit Höflichkeiten und Artigkeiten zugedeckt, Netze wurden

ausgestreckt, doch der Junggeselle fiel nicht in die Falle und stürzte nicht in die

Grube, ging nicht in die Schlinge und rannte nicht ins Netz. Eine Dame, die sich

besonders Mühe gegeben hatte, unsern guten und muntern Junggesellen zu

entjunggesellen, schrieb ihm eines Tages voll Unmut und Ungnade: »Wissen Sie, dass Sie sehr unhöflich sind? Wissen Sie, dass es scharmante Leute gibt, die

berechtigt sind, von Ihnen zu sagen, dass mit Ihnen nichts anzufangen sei?

Wissen Sie, dass man allgemein über Ihr Betragen, das sehr absonderlich ist, die

Achsel zuckt und den Kopf schüttelt? Man glaubte sich einreden zu dürfen, dass

Sie unglücklich seien, nun sind Sie aber scheinbar ganz glücklich und vergnügt.

Statt herzlich froh zu sein, dass reizende und nette Leute Sie aus dem Kerker des

Junggesellenstandes zu erlösen versuchten, spötteln und lächeln Sie wohl gar

noch! Das ist nicht fein, leben Sie wohl. Ich überlasse Sie der Menge von

Vorwürfen, die Sie sich zu machen haben. Ihr Betragen muss von niemand

anderem so aufrichtig bedauert werden, wie von Ihnen selber.« – »Gnädige

Frau«, schrieb der standhafte Junggeselle anmutig und manierlich zurück: »Ich

vermag nicht einzusehen, wie ich mir irgend einen Vorwurf zu machen hätte.

Gnädige Frau werden mir gütig erlauben, zu bemerken, dass ich mir unmöglich

einreden darf, es habe irgend jemand an der rein menschlichen Verfassung, die

ich vergegenwärtige, ein Interesse. Ich beklage die sehr unangenehme und

bedauerliche Tatsache, dass sich nette und scharmante Leute meinethalb umsonst

angestrengt haben; verantwortlich kann ich mich jedoch hiefür ganz unmöglich

fühlen. Ich bin so frei, Sie daran zu erinnern, dass ich als Mann von einiger

Bildung entschlossen sein muss, zu denken, ich sei fähig, für mein Wohlergehen

jederzeit selber zu sorgen.«