Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 6 von 19

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Prosastücke

Die Verlassene.

D i e Ve r l a s s e n e .

 

Eisig kalter Wind brüllte und sauste durch die düsteren Strassen.

Unbarmherziger Wind, und alles war finster, hoffnungslos und düster. Alle guten

Eingebungen und alle guten Gedanken waren mir verloren, und ich selbst war

verloren. Alles Gute, Milde und Schöne war hoffnungslos verloren. Die Seele

war verloren. Alles kalt und tot, und die Welt gestorben. Alles Leben, alle Liebe

und alles gute Denken waren wie vom finster brüllenden und tosenden Wind

verschlungen, der wie ein gefrässiges Ungeheuer durch die hoffnungslosen, öden

und leeren Strassen stürmte. Behaglichkeit und Geselligkeit waren wie für

immer von der Erde verschwunden. Befriedigung und Freude schien es von nun

an keine mehr geben zu können. Die langen Strassen voll scheusslicher

Freudlosigkeit, voll entsetzlicher Leere zogen sich ins Ungeheure, ins

Namenlose, ins Unendliche und ins Unfassbare hinaus, und endlos schienen

Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit zu sein. Kein Stern und kein freundlicher

Mond waren am Himmel, das Furchtbare und Schreckliche war zur gähnenden

Wirklichkeit geworden, und das Gerechte, Gute, Sanfte, ach du grosser Gott im

Himmel, war nur noch ein bleicher, müder, nebelhafter Traum, wert, dass man

ihn matt belächle. Und die Menschen waren arme, bleiche, kranke, sturmgejagte,

ins Entsetzen hineingepeitschte Sklaven. Niemand traute mehr dem Andern.

Nachbarliebe und Güte waren verschwunden, verloren, und die Wohnhäuser

waren Schreckens- und Entsetzenshäuser, Stätten des erschütternden Hasses und

des vernichtenden Mordes. Wild stürmte ich dahin, gejagt und getrieben von

wilden Gewissensbissen, von schrecklicher Vorwürfen ungeheuerlich lodernder

Feuersbrunst. Alles war verloren, ich hatte keinen einzigen guten Gedanken

mehr. Arm und elend war ich, wie nie zuvor. Zerrissen im Innersten war ich, wie

nie zuvor. Unglücklich, arm und elend, o, dass ich es noch einmal sage, war ich,

wie nie zuvor. Der Sturmwind riss mir den Mantel empor, dass er sich über

meinem Kopfe hochauftürmte, und ich glich auf der finstern mitternächtlichen

Strasse in all der Finsternis und Düsternis dem fürchterlichen König Richard,

dem ewigen Juden und dem Mörder Paricida. Ich war betrogen worden und war

wieder selber Betrüger, ich war belogen worden und log wieder selber. Die

Menschen hassten mich und ich hasste, verachtete die Hasser und Verächter. Sie hatten mich verraten und an den Verrätern übte ich selber wieder traurigen

Verrat. Ein unendliches Sehnen nach Einfachheit, nach reiner Sitte, nach Treue

und Liebe, nach Treuherzigkeit und nach Vertrauen, jagte mich umher, bis ich

endlich ein trauriges verwahrlostes Armutshaus fand, in das ich eindrang.

 

Obwohl das Haus einem Schlupfwinkel für Räuber und Verbrecher glich, trat

ich dennoch ohne das geringste Zögern und mit guter Zuversicht hinein, denn

ich musste mir sagen, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Die verhärtete,

eisenfeste, hoffnungsarme Seele war auf alles Schreckliche und Hässliche nur zu

lang schon gefasst. Nicht von Ferne erwartete ich mehr irgend etwas Gutes und

etwas Schönes. Kälte ringsumher und Kälte mitten im eigenen Herzen. Ich stieg

das armselige, verwüstete, finstere Treppenhaus empor, auf einem Treppenabsatz

kauerte ein armes junges Mädchen, dessen Haar ich mit der Hand streifte. Die

Treppe war in ihrer ächzenden, stöhnenden, krachenden Verlottertheit furchtbar,

denn mir war es, indem ich sie betrat, als sei sie die letzte aller Treppen, die

Treppe, die zur Vernichtung, zur Verzweiflung, zum verzweiflungsvollen

Selbstmord führen müsse. Trotzdem stieg ich empor, und ich erinnere mich, dass

mir das elende Herz vor Bangigkeit zum Zerspringen klopfte und dass ich nach

jedem kleinen Schritt innehielt, um mit angespannter Sorgfalt in all die Leere

und in all die grausame kalte Finsternis hinein zu horchen und zu lauschen, aber

es bewegte, regte, rührte sich in all der Entlegenheit und Einsamkeit nicht das

Mindeste. Alles war totenstill im schrecklichen Haus der Armut. Im Bauche

eines schlummernden Ungetümes konnte es nicht lautloser und stiller sein.

 

Über die Wohnungstüre, an die ich endlich im Dunkel tappte, muss ich noch

besonders reden, denn sie war nicht wie irgend eine andere beliebige Türe, sie

war offen! Sonst sind Türen sorgfältig verschlossen, ja sogar manchmal oder

vielmehr häufig, ängstlich zugeriegelt. Diese Türe hier war nur nachlässig

angelehnt, so als verlohne sich in der ganzen Welt in Zukunft infolge

überhandnehmender Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit keinerlei Treue und

behutsame Aufmerksamkeit und Sorgfalt mehr und so, als sei in Zukunft im

menschlichen Leben alles, alles gänzlich gleichgültig, und so, als sei alles, alles

lebensüberdrüssig, müd, abgestumpft, ruchlos, kalt und gleichgültig, und so, als

sei es gleich geworden, ob noch ein Leben vorhanden sei oder ob alles tot, nackt

und zerrissen sei, und ferner so, als sei jede feinere, zartere Gemütsbildung ein

Ding der Undenkbarkeit und etwas völlig Nebensächliches und Überflüssiges

geworden, und zuletzt so, als freute sich die geknickte, zertretene und

entmenschte Menschheit gar noch über ihre Verwahrlosung, über ihre

Zerstückelung und über die Verwüstung. Wüste hier und Wüste dort, doch das macht nichts. Es ist ja jetzt alles, alles, alles gleichgültig ... So ungefähr redete

die wüste, müde, traurige Türe, die ich nicht zu öffnen brauchte, weil sie bereits

offen war. Eine solche Türe hindert niemanden, in eine Wohnung einzudringen,

und so drang ich denn in den Korridor hinein, Schritt für Schritt, äusserst

behutsam und vorsichtig, und bei jedem Schritte fleissig lauschend.

 

Vorhin die elende, traurige Treppe, dann die Türe, die nicht minder arm und

elend war, und jetzt der dumpfe kalte Korridor, der ebenso arm, öd und elend

war wie Treppe und Türe, ich selbst angestrengt auf das hervortretende

Schrecknis lauschend, auf dessen Erscheinen ich gefasst war, weil ich mir sagte,

dass an solchem Ort nichts anderes als Schreckliches zu erwarten sei, mein

Dastehen in der entsetzlichen Erwartung dessen, was jetzt kommen musste: Ich

darf wohl sagen, dass es einigen Mut brauchte, um den sinkenden,

zusammenstürzenden Mut noch einigermassen aufrecht zu halten und in dieser

Öde auszuharren, in diese Wüste und Öde weiter einzudringen. Plötzlich jedoch

zitterte ein süsser zarter Lichtschein aus einer Ritze mir entgegen, und ich

glaubte eine schöne hohe gelinde Liebesmelodie zu vernehmen von weit, weit

her und doch auch wieder aus allernächster Nähe. Ich öffnete eine Türe und

stiess einen Schrei des Entzückens, der entzückenreichen Überraschung aus. In

einem lichten schönen warmen Zimmer oder Gelass sass eine Frau, und ich

kannte sie von früheren Zeiten her und jetzt tönte von allen Seiten her frohe

Freuden- und Trostmusik. Wie von allen offenen blauen Himmeln herab rauschte

und rieselte das goldene, heitere Konzert, und Wälder, Wiesen und Felder

schienen mir mit einmal nah, ich sah alle schönen, guten, befriedigenden lieben

Farben, und die schöne Frau, die wie ein Engel aussah, lächelte mich freundlich

und liebreich an, als sie mich elenden armen Wanderer, Umhergetriebenen

erblickte. Alles war plötzlich wieder gut, eine sonnige, wonnige Jugendkraft

stürzte über mein Wesen, und ich vergass mit einmal allen Gram, und alles

Elend, aller Unglauben waren mit einmal dahin. Ja doch, das war der

wunderbare, wenngleich düstere Ort, wo ich die herrliche Verlassene

wiederfand, der Ort der Einsamkeit, wo ich die schöne Verlassene wiedersah.

Das war sie, die himmlische Ausgestossene, die wunderbare Verfehmte, die

himmlisch schöne Einsame und Verlassene. Ich eilte, hinreissendem Antrieb

gehorchend und mich zu der schönen Bewegung beglückwünschend, zu ihr hin,

zu der Frau, die hier in der Verstossenheit und in der Verfehmtheit hauste und

kniete vor ihr nieder, und die Entzückende schaute mich gütig an. – Sie tat nicht

fremd. Ich war ihr gut. Ich war ihr recht. Sie zeigte sich über meine Gegenwart

erfreut, und das freute mich unendlich.