Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 9 von 19

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Prosastücke

Schüler und Lehrer.

S c h ü l e r u n d L e h r e r .

 

Ein Lehrer, den seine Schüler um seines lebhaften Wesens willen

hochachteten und lieb hatten, ertappte eines Tages in der Stunde einen von

denselben bei einer Schlingelei, worüber er ausserordentlich zornig wurde. Der

Schüler, der das Unglück hatte, seines Lehrers Unmut in so hohem Mass auf sich

zu lenken, war bis dahin der Lieblingsschüler des Mannes gewesen, den er

unvorsichtigerweise tief gekränkt hatte, aber von nun an war er in des Lehrers

Augen ein Abscheuling, den derselbe Tag für Tag vor der ganzen Klasse

grausam herabsetzte und erbärmlich verprügelte, eine Behandlung, die der

Erzürnte dem armen Jungen versprach pünktlich und getreulich fortzusetzen.

Zweifellos hatte der Lehrer einen persönlichen Hass auf ihn geworfen, und der

Erwachsene ging hierin dem Kleinen gegenüber zu weit. Der Knabe, der sich so

urplötzlich aus dem weichen Sitz des Wohlwollens auf die harte Bank der

Ungnade herabgeworfen und sich so unvermutetermassen vom gepriesenen

Schüler in einen notorischen Bösewicht verwandelt sah, wusste sich nicht zu

helfen. Nachdem er indessen durch Wochen so tapfer als er vermochte, das

traurige Los eines gesunkenen Bevorzugten und die damit verbundene grausame

und verachtungsvolle Behandlung ertragen hatte, griff er eines Tages, vom

Bedürfnis gedrängt, eine Veränderung der schier unerträglichen Lage

herbeizuführen, zur Feder und schrieb an seinen grimmigen Verfolger und

Peiniger Folgendes: »Ich kann mich, da ich meinen lieben Eltern kein

Geständnis machen darf, weil ich ihnen nicht zu den vielen Sorgen, die sie

haben, noch eine neue bereiten will, an niemand anderes als an Sie selber

wenden, um zu versuchen, ob es mir möglich sei, wieder einige Gunst von Ihnen

zu erlangen. Vielleicht wird dieser Brief Sie veranlassen, aufzuhören, mich mit

Schmach zu bedecken. Da ich, wie ich bereits sagte, meinen Eltern mein Leid

nicht klagen kann, so klage ich es Ihnen. Da ich diejenigen nicht bitten will,

mich in Schutz zu nehmen, die mich lieben, so trage ich die Bitte dem vor, der

mich hasst und an mir seinen Zorn auslässt. Also bitte ich den um Schutz, dem

ich schutzlos preisgegeben zu sein scheine und ersuche den um Schonung, der,

weil er sich durch mein Betragen beleidigt fühlt, schonungslos mit mir verfährt.

Ich habe den Mut, wie Sie sehen, dem mein Leid zu klagen, der es mir zufügt und dem meinen Schmerz anzuvertrauen, der ihn verursacht. An der Schule habe

ich keine Freude mehr.« Der Lehrer, dem der Inhalt des Briefes allerlei zu

betrachten und zu bedenken gab, verhielt sich gegenüber dem Schüler von da an

wieder milder.