Prosastücke
Schüler und Lehrer.
S c h ü l e r u n d L e h r e r .
Ein Lehrer, den seine Schüler um seines lebhaften Wesens willen
hochachteten und lieb hatten, ertappte eines Tages in der Stunde einen von
denselben bei einer Schlingelei, worüber er ausserordentlich zornig wurde. Der
Schüler, der das Unglück hatte, seines Lehrers Unmut in so hohem Mass auf sich
zu lenken, war bis dahin der Lieblingsschüler des Mannes gewesen, den er
unvorsichtigerweise tief gekränkt hatte, aber von nun an war er in des Lehrers
Augen ein Abscheuling, den derselbe Tag für Tag vor der ganzen Klasse
grausam herabsetzte und erbärmlich verprügelte, eine Behandlung, die der
Erzürnte dem armen Jungen versprach pünktlich und getreulich fortzusetzen.
Zweifellos hatte der Lehrer einen persönlichen Hass auf ihn geworfen, und der
Erwachsene ging hierin dem Kleinen gegenüber zu weit. Der Knabe, der sich so
urplötzlich aus dem weichen Sitz des Wohlwollens auf die harte Bank der
Ungnade herabgeworfen und sich so unvermutetermassen vom gepriesenen
Schüler in einen notorischen Bösewicht verwandelt sah, wusste sich nicht zu
helfen. Nachdem er indessen durch Wochen so tapfer als er vermochte, das
traurige Los eines gesunkenen Bevorzugten und die damit verbundene grausame
und verachtungsvolle Behandlung ertragen hatte, griff er eines Tages, vom
Bedürfnis gedrängt, eine Veränderung der schier unerträglichen Lage
herbeizuführen, zur Feder und schrieb an seinen grimmigen Verfolger und
Peiniger Folgendes: »Ich kann mich, da ich meinen lieben Eltern kein
Geständnis machen darf, weil ich ihnen nicht zu den vielen Sorgen, die sie
haben, noch eine neue bereiten will, an niemand anderes als an Sie selber
wenden, um zu versuchen, ob es mir möglich sei, wieder einige Gunst von Ihnen
zu erlangen. Vielleicht wird dieser Brief Sie veranlassen, aufzuhören, mich mit
Schmach zu bedecken. Da ich, wie ich bereits sagte, meinen Eltern mein Leid
nicht klagen kann, so klage ich es Ihnen. Da ich diejenigen nicht bitten will,
mich in Schutz zu nehmen, die mich lieben, so trage ich die Bitte dem vor, der
mich hasst und an mir seinen Zorn auslässt. Also bitte ich den um Schutz, dem
ich schutzlos preisgegeben zu sein scheine und ersuche den um Schonung, der,
weil er sich durch mein Betragen beleidigt fühlt, schonungslos mit mir verfährt.
Ich habe den Mut, wie Sie sehen, dem mein Leid zu klagen, der es mir zufügt und dem meinen Schmerz anzuvertrauen, der ihn verursacht. An der Schule habe
ich keine Freude mehr.« Der Lehrer, dem der Inhalt des Briefes allerlei zu
betrachten und zu bedenken gab, verhielt sich gegenüber dem Schüler von da an
wieder milder.