Prosastücke
Die italienische Novelle.
D i e i t a l i e n i s c h e N o v e l l e .
Ich habe starke Ursache, mich zu fragen, ob eine Geschichte gefallen wird,
die von zwei Leuten oder Leutchen, nämlich von einem reizenden netten
Mädchen und von einem in seiner Art mindestens ebenso netten braven guten
jungen Mann berichtet, die im schönsten und innigsten Freundschaftsverhältnis
zu einander standen. Die zärtliche und leidenschaftliche Liebe, die sie
gegenseitig fühlten, glich an Hitze der Sommersonne und an Reinheit und
Keuschheit dem dezemberlichen Schnee. Ihr beidseitiges liebenswürdiges
Vertrauen schien unerschütterlich, und die feurige unschuldige Neigung wuchs
von Tag zu Tag wie eine wundervolle farben- und duftreiche Pflanze. Nichts
schien den allerholdesten Zustand und das allerschönste Zutrauen stören zu
können. Alles wäre schön und gut gewesen, wenn nur der brave gute liebe und
junge Mann die italienische Novelle nicht so gut gekannt hätte. Die exakte
Kenntnis jedoch von der Schönheit, Pracht und Herrlichkeit der italienischen
Novelle machte ihn, wie der aufmerksame Leser sogleich erfahren wird, zum
Schafskopf, raubte ihm für eine Zeitlang die Hälfte des gesunden Verstandes und
veranlasste, zwang und nötigte ihn eines Tages, morgens oder abends, um acht,
zwei oder sieben Uhr zu seiner Geliebten mit dumpfer Stimme zu sagen: »Du,
höre, ich habe dir etwas zu sagen, etwas, das mich schon die längste Zeit drückt,
plagt und foltert, etwas, das uns Beide vielleicht unglücklich machen wird. Ich
darf es dir nicht verschweigen, ich muss, ich muss es dir sagen. Nimm allen
deinen Mut und alle deine Festigkeit zusammen. Es kann sein, dass dich die
Kunde von dem Schrecklichen und Furchtbaren tötet. O ich möchte mir tausend
schallende Ohrfeigen geben und mir das Haar ausraufen.« Das arme Mädchen
rief angstvoll aus: »Ich kenne dich nicht mehr. Was quält, was peinigt dich. Was
ist es Schreckliches, das du mir bis dahin verheimlicht und das du mir
anzuvertrauen hast. Heraus mit der Sprache auf der Stelle, damit ich weiss, was
ich zu fürchten und was ich irgendwie noch zu hoffen habe. An Mut, das
Härteste zu dulden und das Äusserste zu ertragen, fehlt es mir nicht.« – Die so
redete, zitterte freilich vor Angst am ganzen Körper, und das Unbehagen
verbreitete eine tödliche Blässe über ihr liebreizendes, sonst so frisches und
hübsches Gesicht. »Vernimm«, sagte der junge Mann, »dass ich leider nur ein zu gründlicher Kenner der italienischen Novelle bin und dass eben diese
Wissenschaft unser Unglück ist.« – »Wieso das, um Gotteswillen?«, fragte die
Bedauernswürdige, »wie ist es möglich, dass Bildung und Wissenschaft uns
trostlos machen und unser Glück zerstören können?« Worauf es ihm beliebte, zu
erwidern: »Weil der Stil in der italienischen Novelle an Schönheit, Saft und
Kraft einzig dasteht, und weil unsere Liebe keinen derartigen Stil aufzuweisen
hat. Dieser Gedanke macht mich trostlos, und ich vermag an kein Glück mehr zu
glauben.« Beide guten jungen Leute liessen zirka zehn Minuten lang oder etwas
länger den Kopf und das Köpfchen hängen und waren völlig rat- und
fassungslos. Nach und nach gewannen sie jedoch die Zuversicht und den
verlorenen Glauben wieder zurück, und sie kamen wieder zur Besinnung. Sie
rafften sich aus Trauer und Entmutigung auf, schauten einander freundlich in die
Augen, lächelten und gaben sich die Hand, schmiegten sich eng zusammen,
waren glücklicher und vertraulicher als je zuvor, indem sie sagten: »Wir wollen
nach wie vor trotz allen stilvollen und prachtvollen italienischen Novellen
Freude und Genuss aneinander haben und uns zärtlich lieben, so wie wir einmal
sind. Wir wollen genügsam und zufrieden sein und uns um keine Vorbilder
kümmern, die uns nur den Geschmack und das natürliche Vergnügen rauben.
Schlicht und ehrlich aneinanderhängen und warm und gut sein ist besser als der
schönste und vornehmste Stil, der uns gestohlen sein kann, nicht wahr.« Mit
diesen fröhlichen Worten küssten sie sich auf das innigste, lachten über ihre
lächerliche Mutlosigkeit und waren wieder zufrieden.