Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 13 von 19

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Prosastücke

Die Wurst.

D i e W u r s t .

 

An was denke ich? An eine Wurst denke ich. Es ist schrecklich. Jünglinge,

Männer, die ihr dem Staate dient, auf die der Staat seine Hoffnung setzt,

betrachtet mich sorgsam und nehmt an mir ein abschreckendes Exempel, denn

ich bin tief gesunken. Ich vermag mich vom Gedanken nicht loszureissen, dass

ich soeben noch eine Wurst besass, die nun für immer dahin ist. Ich zog sie aus

dem Kleiderschrank hervor, und bei dieser Gelegenheit ass ich sie. Mit offenbar

nur allzu aufrichtigem Behagen habe ich verzehrt, was noch vorhanden sein

könnte, wenn ich es nicht vertilgt hätte. Vor wenigen Minuten war die beste

saftigste Wurst noch leibhaftig da, doch jetzt ist durch leider nur allzu voreiliges

Verzehren die wohlschmeckendste Wurst verschwunden, worüber ich untröstlich

bin. Was soeben noch da war, ist fort und niemand bringt es mir jemals wieder.

Ich ass, was ich nimmermehr so schnell hätte essen, was ich mir lieber

nimmermehr so eilig hätte schmecken lassen sollen. Ich habe aufgegessen, was

mir noch jetzt schmecken könnte, wenn ich der Begierde widerstanden hätte. Ich

beklage tief, dass ich der Begierde nicht widerstanden habe und dass ich

verbraucht habe, was vor wenigen Minuten noch frisch und rot zu meiner

Verfügung stand, was aber nun und nimmermehr zu meiner Verfügung stehen

wird, weil ich es voreilig verbrauchte. Ich habe Gebrauch gemacht, wovon ich

noch jetzt Gebrauch machen könnte, wenn nicht vorgefallen wäre, was

vorgefallen ist und was nicht wieder gut zu machen ist. Was dahin ist, könnte

noch ruhig und friedlich da sein, und was auf Nimmerwiedersehen verloren

gegangen ist, könnte Appetit erwecken, doch das Appetit Erweckende ist dahin,

und das beklage ich ehrlich, obschon ich einsehe, dass alles Klagen wenig oder

gar nichts nützt. Was angetastet wurde, könnte unangetastet, was gegessen

wurde, könnte unaufgegessen, was weggeschnappt wurde, könnte

unaufgeschnappt sein, wenn ich vorsichtiger und enthaltsamer gewesen wäre,

aber leider war ich weder enthaltsam noch vorsichtig, und das bedaure ich tief,

obschon ich einsehe, dass Klage und Reue wenig oder gar nichts nützen. Was

verschwunden ist, könnte vorhanden sein und was tot ist, könnte fröhlich leben.

Was grausam zerbissen und zerstückt wurde, könnte ganz sein, aber es ist leider

zerstückt, da hilft keine Klage. Was nicht mehr dient, könnte die besten Dienste leisten, und was weg und fort ist, würde mich noch jetzt mit seiner schönen

Gegenwart erfreuen, wenn ich das Beklagenswerte nicht getan hätte, was ich mit

leider nur zu viel Grund bedaure. Was, wie gesagt, fort ist, brauchte, wie gesagt,

nicht bereits abhanden gekommen zu sein, wenn ich widerstandsfähiger und

stärker gewesen wäre und bösen Neigungen entsagt hätte. Schlimme Begierden,

ihr habt mich meiner Wurst beraubt. Ich habe gekostet, was als Kost noch

fernerhin zu kosten wäre, wenn ich es ungekostet und ungenossen liegen

gelassen hätte, worüber ich, wie ich bereits mehrfach sagte, trostlos bin, was ich

nur immer wiederholen kann. Ich brachte mir eine Schlappe durch Probieren

einer nur zu vorzüglichen Kost bei, die nun ausgekostet und ausprobiert ist, weil

ich nicht enthaltsam gewesen bin, was ich bereue. Reue nützt nichts; sie macht

den Wurst-Verlust eher grösser als kleiner, ich will daher versuchen, auf Reue zu

verzichten, was aber jedenfalls sehr schwer ist, weil die Ursache, reuig zu sein,

stark und gross ist. Ich habe mir eine Niederlage zugezogen, weil ich nicht

aufgespart habe, was ich unbedingt hätte aufbewahren und in Acht nehmen

sollen, was ich aber leider nicht in Acht nahm, obschon ich es kaum glaube, da

ich immer des Glaubens war, dass ich stark und widerstandsfähig sei, worin ich

mich aber scheinbar irrte, was mich schmerzt, obschon, wie gesagt, Reue

offenbar gar nichts nützt. O, diese Wurst, ich schwöre, sie war herrlich.

Wunderbar geräuchert war sie, und mit entzückenden Speckmocken war sie

gespickt, und eine durchaus stattliche, annehmbare Länge hatte sie, und einen

Duft hatte sie, so milde, so bestrickend, und eine Farbe hatte sie, so rot, so zart,

und gekracht hatte sie, als ich sie zerbiss, ich höre noch jetzt beständig, wie sie

krachte, und saftig war sie, etwas Saftigeres habe ich in meinem ganzen Leben

nie gegessen, und dieses Saftige und Schmackhafte könnte noch jetzt

schmackhaft und saftig sein, das Rote und Zarte noch jetzt rot und zart, das

Wohlriechende noch jetzt wohlriechend, das Vorzügliche und Appetitliche noch

jetzt vorzüglich und appetitlich, das Längliche und Runde noch jetzt rund und

länglich, das Geräucherte noch jetzt geräuchert und das Speckgespickte noch

jetzt mit Speck gespickt, wenn ich Geduld gehabt hätte. Ich könnte es noch jetzt

krachen hören, wenn ich es nicht schon krachen gemacht hätte, und zu beissen

gäbe es noch jetzt, was ich leider allzu schnell zerbiss.