Schach von Wuthenow
Neuntes Kapitel. Schach zieht sich zurück.
Neuntes Kapitel.
Schach zieht sich zurück.
»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.
Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's zurechtzulegen,
und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens Brief und las immer
wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte. »Du darfst Dich, ein für
allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus den
entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen Personen, mein ich,
gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor
einer Alternative stehst, und entweder Deine gute Meinung über S., oder aber
Dein Mißtrauen gegen ihn fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch
blieb ihr eine Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie
mit Blut.
Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher in die
Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem Besuch; er sei
sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr gefragt, und ein
Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und Rosen, die das Zimmer
mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die Mama von dem Besuche
vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und übermüthigen Ton anzuschlagen,
aber ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich
zurück, um sich in zugleich glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.
Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben
werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die Damen
der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form, denn er
wußte, daß es so sein werde.
Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber
und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er kam
nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von Carayon kaum
weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen, den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte, war so heftig und aufregend,
daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen wurden und momentan wenigstens
alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem Heimweg kehrte die Verwunderung
über Schachs Benehmen zurück.
Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,
Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er hatte ganz
ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen Plauderstoff zu haben
und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit eines ersten Wiedersehens mit ihr
leichter hinwegzukommen. Er küßte der Frau von Carayon die Hand und wandte
sich dann gegen Victoire, um dieser sein Bedauern auszusprechen, sie bei
seinem letzten Besuche verfehlt zu haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich
fester anzugehören. Er sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit
tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber
nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch
dem Stücke zu.
»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.
»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden spielen.
Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine Strapaze.«
»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein Mißstand,
dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit erheblichen Kürzungen
einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das Stück.«
»Es hat mich nicht befriedigt.«
»Und warum nicht?«
»Weil es alles auf den Kopf stellt. Solchen Luther hat es Gott sei Dank nie
gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin zurückführen,
von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede Zeile widerstreitet dem
Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist Jesuitismus oder Mysticismus,
und treibt ein unerlaubtes und beinah kindisches Spiel mit Wahrheit und
Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde beständig an das Bild Albrechts Dürers
erinnert, wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes
Altarblatt in Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der
Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein
allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von Anfang bis
Ende.«
»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das Stück?«
»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für
Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine war.«
Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und über
seinen faux pas erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem angekündigten
Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von Iffland, vom Dichter
selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten
Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß Fräulein Victoire noch den Abend in
Erinnerung habe, wo er diese Lieder am Klavier begleiten durfte.
All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang, so
fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß es nicht
die Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm unbefangen zu
antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er ging.
Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von
dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und so
wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie mit in die
zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war, blieb auch noch
Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.
»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?«
»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer
gereinigten Kürche.«
»Welchen meinst Du, liebe Tante?«
»Nun den von der chrüstlichen Ehe.«
Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte, dieser
Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also z. B. in der
Lehre vom Abendmahl.«
»O nein, meine liebe Victoire, das weiß ich ganz genau. Mit oder ohne Wein,
das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre prédicateurs in einer
sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, das, mein Engelchen, ist von einer
würklichen importance.«
»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von Carayon.
»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort, »was das
Stück will, und was man um so deutlicher sieht, als die Bethmann würklich eine
sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens viel hübscher, als sie würklich
war. Ich meine die Nonne. Was aber nichts schadet, denn er war ja auch kein
hübscher Mann, und lange nicht so hübsch als er. Ja werde nur roth, meine liebe
Victoire, so viel weiß ich auch.«
Frau von Carayon lachte herzlich.
»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich ein
sehr angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und den
aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll auch einer
sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es habe? Nun? Von la
petite Princesse Charlotte.«