Schach von Wuthenow
Einundzwanzigstes Kapitel. Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.
Rom, 18. August 1807. Ma chère Lisette.
Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus dem
Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich mit
Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine
Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet.
Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu
warten.
Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und
glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du hast
Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann.
»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest vor
einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette, wie lösen
sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt, und in
die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer eignen
Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er sei, so versichern die Leute,
der schöne Schach gewesen, und ich, das Mindeste zu sagen, die nicht-schöne
Victoire, – das habe den Spott herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu
bieten, dazu habe er nicht die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor
dem Leben in den Tod gegangen.
So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch
ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen ist, als
nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem andern Licht. Er wußte
sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich erlahmt und erlischt, und war im
Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott zu bekämpfen, im Fall er nicht
erlahmen und nicht erlöschen wollte. Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem
Kampf, oder wenigstens nicht so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme,
die die Stimme seiner eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen Kampf umsonst kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen
die Welt, nicht siegreich gegen sich selber sein würde. Das war es. Er gehörte
durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu den Männern,
die nicht für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir schon, bei früherer
Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der überhaupt in mehr als
einer Beziehung einen Wendepunkt für uns bedeutete. Heimkehrend aus der
Kirche, sprachen wir über Ordensritter und Ordensregeln, und der ungesucht
ernste Ton, mit dem er, trotz meiner Neckereien, den Gegenstand behandelte,
zeigte mir deutlich, welchen Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen – all
seiner Liaisons unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen – war
sicherlich nicht die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die Sehnsucht
meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir schwer, ja fast
unmöglich ist, ihn mir au sein de sa famille vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh
ihrer hier täglich) läßt sich eben nicht als Ehemann denken. Und Schach auch
nicht.
Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und
empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber
schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und
Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr äußerliche Dinge,
woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, wenn ich ihn in
seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder unterliegen sah, so fühlt ich
nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von hervorragender geistiger Bedeutung,
noch von superiorem Charakter sei; zugegeben das alles; und doch war er
andererseits durchaus befähigt, innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und
zu herrschen. Er war wie dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu
sein, und würde diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu
seiner persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler
anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug genug, um
immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein prinzlicher Liebling und
Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja, hätt ihn, bei meinen anspruchslosen
Gewohnheiten, aus all und jeder Karrière herausgerissen und ihn nach
Wuthenow hingezwungen, um mit mir ein Spargelbeet anzulegen oder der
Kluckhenne die Küchelchen wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein
kleines und beschränktes Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein
großes gestellt, aber doch auf ein solches, das ihm als groß erschien.
Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich
zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und vielleicht hat er
mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an mich gerichteten Zeilen, so
wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles Weh, was er mir bereitet hat, durch sein
Leben und sein Sterben, er wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.
Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein,
meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und vermeinte kein
Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat. Und nun hab ich es
gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert, und alles Weh in Wonne
verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die blauen Augen auf. Seine Augen.
Nein, Lisette, viel Schweres ist mir auferlegt worden, aber es federt leicht in die
Luft, gewogen neben meinem Glück. –
Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein
Wunder ist es mir erhalten geblieben.
Und davon muß ich Dir erzählen.
Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer
ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der Kirche
Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten Rundbogenbau, wo sie
den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, eine hölzerne Wickelpuppe mit
großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von Ringen, wie sie dem
Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von unzähligen Müttern verehrt
worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, noch eh ich seiner Fürsprache
sicher war, und dieses Zutrauen muß den Bambino gerührt haben. Denn sieh, er
half. Eine Krisis kam unmittelbar, und der Dottore verkündigte sein ›va bene‹;
die Wirthin aber lächelte, wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte.
Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie
davon hörte, zu all dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde mich vor der
›alten Kürche‹ warnen, und mit mehr Grund, als sie weiß.
Denn nicht nur alt ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll, und kühl
und schön.
Sein Schönstes aber ist sein Name, der ›Altar des Himmels‹ bedeutet. Und
auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.