Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 8 von 24

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Schach von Wuthenow

Siebentes Kapitel. Ein neuer Gast.

Siebentes Kapitel.

 

Ein neuer Gast.

 

All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der denn

auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über beauté céleste und

beauté du diable beginnen wollte, als er, vom Korridor her, unter dem

halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm wohlbekannten kleinen

Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren erscheinen und gleich danach

eintreten sah.

»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »Mieux vaut tard que

jamais. Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an Süßigkeiten noch da

ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen zu wollen. Sie finden noch

tutti quanti, lieber Dussek. Keine Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie

haben die Wahl. Asti, Montefiascone, Tokayer.«

»Irgend einen Ungar.«

»Herben?«

Dussek lächelte.

»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter guter

Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, die Tugend

selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch die der

Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹ selten eine

Antwort schuldig.«

»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der,

nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.

»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?«

»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, ›die ganze

Stadt‹, so mein ich das Theater.«

»Das Theater ist die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun weiter.«

»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und

Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. Das also, hieß

es, seien die neuen Zeiten, das sei das bürgerliche Regiment, das sei der Respekt

vor den preußischen ›belles lettres et beaux arts.‹ Eine ›Huldigung der Künste‹

lasse man sich gefallen, aber eine Huldigung gegen die Künste, die sei so fern

wie je.«

»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber da

Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der Retardirung

nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist, Thatsachen. Um was

handelt es sich?«

»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war, nicht

erhalten.«

Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: »Parturiunt

montes nascetur ridiculus mus.«

Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der

Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen, Sander.

Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen wen anders ist

die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum überhaupt.«

Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht, lieber

Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?«

»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche

Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir

freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden

mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an, und die

›Weihe der Kraft‹, für deren Aufführung der Hof sich interessirt, sollte den

Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit geben. Iffland ist Maçon (auch

das ließ uns hoffen), die Loge nahm es energisch in die Hand, und die Königin

war gewonnen. Und nun doch gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen;

aber nein, meine Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der

Strohhalm, an dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach

wie vor von der alten Seite her. Chi va piano va sano, sagt das Sprüchwort. Aber

im Lande Preußen heißt es ›pianissimo.‹«

»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?«

»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören.

Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das

Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger

Ausnahme der neronischen Zeiten. Und die könnten doch kein Vorbild sein. Das

half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein oder auch nur seinen

Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache vorläufig ad acta

verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen. Neue Zeit und alte Vorurtheile.«

»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß

Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das das

Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und stecken

selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen neuen freien

Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und eifersüchtig in die

bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit schaffen Sie's nicht. An die

Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß

eine Gleichgiltigkeit gegen alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt

haben. Wer Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer

Orden ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung

einer wahren Epidemie ....«

»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs

Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig an, daß

die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten nach Westen immer

weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung von Westen nach Osten

hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr immer neue Multiplikationen,

und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24 Klassen wie das Linnésche

System.«

Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es müsse

durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie beispielsweise der

Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu dieser Form der Quincaillerie

hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt kaum einen Grad der Klugheit,

der davor schützt. Sie werden doch alle Kalkreuth für einen klugen Mann halten,

ja mehr, für einen Mann, der, wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres Thuns

und Trachtens durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,

während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins Schubfach

und schrie: ›Da liege, bis du schwarz wirst.‹ Eine Farbenänderung, die sich denn

auch mittlerweile vollzogen hat.«

»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen

gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe den

schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,‹ gefällt mir noch besser.

Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat. Es giebt auch

Auszeichnungen, die nicht als Auszeichnung ansehn zu wollen, einfach

Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral Sidney Smith, berühmter

Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter aller Orden, legte doch Werth auf

ein Schaustück, das ihm der Bischof von Acre mit den Worten überreicht hatte:

›Wir empfingen dieses Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de

Lion, und geben es, nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der, heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und Narr,

setz ich hinzu, der sich einer solchen Auszeichnung nicht zu freuen versteht.«

»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,«

erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, lieber Bülow,

und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel nicht halb so schwarz ist,

als er gemalt wird.«

Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick einer

der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der Rauchtisch arrangirt

und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf, und führte seine Gäste, während

er Bülows Arm nahm, auf den an den Eßsaal angebauten Balkon. Eine große,

blau und weiß gestreifte Marquise, deren Ringe lustig im Winde klapperten, war

schon vorher herabgelassen worden, und unter ihren weit niederhängenden

Fransen hinweg, sah man, flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme

der Stadt, flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren

eben ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in

das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung angebrochen

und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man Platz und setzte

die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder nach Gefallen wählte.

Dussek allein, weil er die Musikpassion des Prinzen kannte, war phantasirend an

dem im Eßsaale stehenden Flügel zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den

Kopf zur Seite wandte, die jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden

Tischgenossen und ebenso die Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren

Thonpfeifen aufflogen.

Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber

sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht stehenden

neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit Alvensleben bemerkte,

»daß er einige der in den Text eingestreuten Gesangsstücke während dieser

letzten Tage kennen gelernt habe. Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im

Salon der liebenswürdigen Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese

habe gesungen und Schach begleitet.«

»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt

öfter als den. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von beiden

Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt sich, mich

neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich, mein ich, unschwer

werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des schönen Fräuleins vom

Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller Kinderbälle, des Vorzugs

genoß, eine ganz besondre Schaustellung erwachsener und voll erblühter

Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, ›voll erblühter‹, so sag ich noch wenig.

In der That, an keinem Ort und zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der

bewußt oder unbewußt auf Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch

herrscht, doppelt und dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen,

ein Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber

gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß

Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten Erscheinung in

ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein Thema für unsren

Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber Sander, ist mir zu solchem

Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts für ungut; er ist Ihr Freund.«

»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick bereit

wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei dieser

Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus einem

allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen Grunde. Denn

wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer Königlichen Hoheit,

eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die Freundschaften am besten

ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt alles im Leben, und sind recht

eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«

»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz, »daß

Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. Mais révenons

à notre belle Victoire. Sie war unter den jungen Damen, die durch lebende Bilder

das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt,

eine Hebe dar, die dem Zeus eine Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich

davon spreche, tritt mir das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum

fünfzehn, und von jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint.

Aber sie zerbrechen nie. ›Comme un ange‹, sagte der alte Graf Neale, der neben

mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach als eine

Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die Bekanntschaft

der Damen erneuern zu können.«

»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder

erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig

angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den

Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser Reiz der

Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur Momente, wo die

seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen Schönheitsschleier über sie wirft,

und den Zauber ihrer früheren Tage wiederherzustellen scheint.«

»Also restitutio in integrum,« sagte Sander.

Alles lachte.

»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone, während

er sich ironisch gegen Sander verbeugte.

Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft Ihnen

nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken wollten. Aber

weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der allervaguesten Begriffe.

Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern, die wir in erster Reihe Sr. Majestät

dem Kaiser Alexander und in zweiter unsrem Freunde Bülow verdanken? Alles

ist schön und nichts. Ich persönlich würde der beauté du diable jederzeit den

Vorzug geben, will also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des ci-

devant schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«

»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es bleibt

mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der beauté du

diable an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein hat einen witzig-

elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein Widerspruch erscheint, und

doch keiner ist, unter allen Umständen aber als ihr charakteristischer Zug gelten

kann. Meinen Sie nicht auch, Alvensleben?«

Alvensleben bestätigte.

Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen liebte,

fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer lebhafter werdend

fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich wüßte nicht, was einer beauté

du diable besser anstehn könnte. Sie fassen den Begriff offenbar zu eng, meine

Herren. Alles was Ihnen dabei vorschwebt, ist nur eine Spielart der

alleralltäglichsten Schönheitsform, der beauté coquette: das Näschen ein wenig

mehr gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig rascher,

die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit erschöpfen Sie

die höhere Form der beauté du diable keineswegs. Diese hat etwas

Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage weit hinausgeht.

Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind auf ein Innerliches

gestellt, und das Innerliche, das in unserer Frage den Ausschlag giebt, heißt

Energie, Feuer, Leidenschaft.«

Nostitz und Sander lächelten und nickten.

»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ›was ist Schönheit?‹

Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen

verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug bedeuten.

In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen und noch

wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei Morgarten und

Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die häßlichen Bauern

triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet, nur das Herz. Wer liebt, wer

die Kraft der Liebe hat, ist auch liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es

anders wäre. Gehen Sie die Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist

alltäglicher, als eine schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und nicht etwa nach dem Satze toujours perdrix. O nein, es hat dies viel

tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die lymphatisch-

phlegmatische beauté, die beauté par excellence. Sie kränkelt hier, sie kränkelt

da, ich will nicht sagen immer und nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der

Fälle, während meine beauté du diable die Trägerin einer allervollkommensten

Gesundheit ist, jener Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist

mit höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon

als die Natur, die durch die größten und gewaltigsten Läuterungsprozesse wie

durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar Grübchen in der Wange sind das

Reizendste von der Welt, das hat schon bei den Römern und Griechen gegolten,

und ich bin nicht ungalant und unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit

einen Respekt und eine Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem

Pärchen von Alters her gebührt. Das paradoxe ›le laid c'est le beau‹ hat seine

vollkommne Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem

anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre meine

theure Pauline hier, wie sie's leider nicht ist, sie würde mir zustimmen, offen und

nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale captivirt zu sein.«

Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen Ausdruck

des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die Honneurs des Hauses

machte, heute nicht anwesend zu sehn. Als aber Niemand das Schweigen brach,

fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen, und damit dem Wein und unsrem Leben

der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch wieder auf und wiederhole, daß es mich

glücklich machen würde, die Carayon'schen Damen in dem Salon meiner

Freundin empfangen zu dürfen. Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem

Kreise der Frau von Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche

machen. Sie Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«

Beide verneigten sich.

»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es

persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen einen

ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten geistigen

Austausches entgegen.«

Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden,

würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem Moment

auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies mit der Hand

auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben Lichte stehenden

Horizont.

Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen

flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen standen

schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.

Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war der

Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah, vom

Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen schon in

Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend was bis in die

Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die Höhe derselben erreicht

hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und verlängerten die Front derer, die

hier schon still und regungslos und die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen,

wie vor Anker lagen. Nur das Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So

verging eine geraume Zeit. Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe

des Balkons, und reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.

»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der

Sinumbralampe.«

»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.

»Und warum?«

»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und ›sine umbra‹.«

Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum

Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in

Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind

weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter Traditionen

und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen scheinen.«

Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl durch

die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, und

segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war. Nur der

Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er seinen Dank

wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden wolle.

Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen, deren

Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war.