Schach von Wuthenow
Erstes Kapitel. Im Salon der Frau von Carayon.
Schach von Wuthenow
Erzählung
aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
von
Theodor Fontane
Vierte Auflage.
Berlin W
F. Fontane & Co.
1901
Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten.
Erstes Kapitel.
Im Salon der Frau von Carayon.
In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige Freunde
versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des Tages auch die
treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte. Von den Offizieren des
Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser Abende fehlten, war nur
einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und hatte neben der schönen Frau
vom Hause Platz genommen unter gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern
darüber, daß gerade der fehle, dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.
Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite,
saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in diesem
Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung innerhalb
desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige Jahre jüngere von
beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem abenteuernden Leben in
England und den Unionsstaaten in die Heimat zurückgekehrt, allgemein als das
Haupt jener militärischen Frondeurs angesehen wurde, die damals die politische
Meinung der Hauptstadt machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war
von Bülow. Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide
Füße weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem
Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde sagten, nur
sprechen um Vortrag zu halten, und – er sprach eigentlich immer. Der starke
Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr Daniel Sander, im
Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens in allem was
Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein Gesicht, das
ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm der in der Taille
knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche sein Embonpoint
zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte.
Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher
beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht nur
ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich wieder
hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als »Morgengabe«
mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte diese »Morgengabe«,
weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was man nicht habe, bei
welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch beschäftigt gewesene
Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick zuwarf, während Alvensleben
der schönen Frau die Hand küßte.
»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort,
»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser Freund
Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn von Bülow
von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, was er von
Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander von unsern
Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie nicht groß sind.«
»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles was
zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht preußisch
regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen reichten wir allenfalls
aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.«
»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich danach
hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.«
»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer
ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner seit
lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von Jugend auf
über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß alles das, was mir
England so zuwider macht, in diesem welfischen Stammlande doppelt
anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die Zuchtruthe, die wir ihnen bringen.
Unsere preußische Wirthschaft ist erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den
gepriesenen Staat Friedrichs des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die
schon faul sei, bevor sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, Eines haben
wir wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn Jahren
einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen Geschicke derselben
nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen müssen. In Hannover
aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe Kalenbergs und der
Lüneburger Haide. Nomen est omen. Es ist der Sitz der Stagnation, eine
Brutstätte der Vorurtheile. Wir wissen wenigstens, daß wir nichts taugen, und in
dieser Erkenntniß ist die Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen
bleiben wir hinter ihnen zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen
müssen. Daß wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist
nichts; der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade
für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht, als
selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich von der
unangenehmen Seite.«
Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen
worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu dem
Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß ich die
Polen liebe, sogar de tout mon coeur.« Und dabei beugte sie sich aus dem
Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle man jetzt deutlich
erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der Mutter geglichen haben
mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um seine frühere Schönheit
gekommen war.
Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es nicht sah, oder, wenn er es sah,
als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte nur: »o ja, die
Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum lieben Sie sie.«
»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.«
»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück könnte
man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller Damenherzen
ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die glänzendste
Kriegsgeschichte.«
»Und wer rettete ....«
»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar
Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der Kapuziner
stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht. Etwas vom Islam
ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu Hause gewesen, und
Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder Haremwirthschaft ohne großen
Schaden ertragen ....«
Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein
Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der Angemeldete
gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die Hand, verneigte sich
gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit Herzlichkeit, Bülow und
Sander aber mit Zurückhaltung.
»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....«
»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte seinen
Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und nur an Schachs
mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen, daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen Ereignisses oder aber einer
politisch unerfreulichen Nachricht in den Salon eingetreten sein müsse.
»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue
Stürme ....«
»Nicht das, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin Haugwitz,
bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem Grafen und
seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt mein Benehmen. Eben
begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem Palais eine Volksmasse zu
sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende. Dabei wuchs der Lärm und
zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem Tisch vorbei, daran wir saßen.
Ein Haar breit und die Gräfin wurde getroffen. Wovon sie aber wirklich getroffen
wurde, das waren die Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich
erschien der Graf selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen
Augenblick den Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert
werden konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«
»Und speziell uns wird man für diese Geschehnisse verantwortlich machen,«
unterbrach Alvensleben, »speziell uns von den Gensdarmes. Man weiß, daß wir
diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der wir schließlich nichts
haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß, wie wir dazu stehen, auch bei
Hofe weiß man's, und man wird nicht säumen, uns diese Zusammenrottung in
die Schuh zu schieben.«
»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter
Anklage von Hochverrath und Krawall.«
»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung
dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht fort, Sander.
Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen, als der König und
seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum politisiren sie? Ob eine
Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber wenn sie politisirt, so politisire sie
wenigstens richtig. Endlich sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen
wir da, wo wir von Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät
den Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere
Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist, und denen
doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und recht wenig
nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich, gefallen sich plötzlich in
einer ebenso naiven wie gefährlichen Oppositionslust, und fordern durch ihr
keckes Thun und ihre noch keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten
Imperators heraus. Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die
Herren vom Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch die
moralischen Urheber dieses Krawalles, sie haben die Stimmung dazu gemacht.«
»Nein, diese Stimmung war da.«
»Gut. Vielleicht war sie da. Aber wenn sie da war, so galt es, sie zu
bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen wir
unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir sind mit
vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst die Summe, so
sind wir verloren.«
»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen, Herr
von Bülow.«
»Was ich beklage.«
»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und meine
Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären dürfen, denn
die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan obenauf. Wir stehen
jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am Tische Frankreichs und
lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers Tische fallen. Aber auf wie lange?
Der Staat Friedrichs des Großen muß sich wieder auf sich selbst besinnen.«
»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist dies
Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich, das uns
dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich frage Sie?«
»Sie mißverstehen mich.«
»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.«
»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens wollen Sie mich
mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische Bündniß,
weil es ein Bündniß ist, auch nicht deshalb, weil es nach Art aller Bündnisse
darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck zu doubliren. O, nein;
wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren jede Politik bedarf; auch der große
König hat sich dieser Mittel bedient und innerhalb dieser Mittel beständig
gewechselt. Aber nicht gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war
unverrückt: ein starkes und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr
von Bülow, ist das, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer
Zustimmung so sehr erfreut, ist das ein starkes und selbstständiges Preußen? Sie
haben mich gefragt, nun frag ich Sie.«