Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 11 von 24

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Schach von Wuthenow

Zehntes Kapitel. »Es muß etwas geschehn.«

Zehntes Kapitel.

 

»Es muß etwas geschehn.«

 

Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht

auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war, war für,

alles was freisinnig war, gegen das Stück. Selbst im Hause Carayon setzte sich

diese Fehde fort, und während die Mama theils um des Hofes, theils um ihrer

eignen »Gefühle« willen überschwänglich mitschwärmte, fühlte sich Victoire

von diesen Sentimentalitäten abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und

versicherte, daß Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.

Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher sein

durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte sich wieder

viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz spottete, den Radziwills

und Carolaths zu, was er den Carayons entzog. Auch Alvensleben scherzte

darüber, und selbst Victoire versuchte, den gleichen Ton zu treffen. Aber ohne

daß es ihr glücken wollte. Sie träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie

nicht. Noch weniger unglücklich.

Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage beschäftigten,

waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon ihnen nicht

einfiel, sich ernsthaft auf ein Für oder Wider einzulassen. Sie sahen alles

ausschließlich auf seine komische Seite hin an, und fanden in der Auflösung

eines Nonnenklosters, in Katharina von Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und

endlich in dem beständig Flöte spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff

für ihren Spott und Uebermuth.

Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des

Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu

besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter den

Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte, kamen

Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung, und als

einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische Pflicht habe, sich mal

wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein ungeheurer Jubel aus, an dessen

Schluß alle einig waren, »daß etwas geschehen müsse.« Daß es sich dabei

lediglich um eine Travestie der »Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade,

handeln könne, stand von vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die

Meinungen noch auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage

später eine neue Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger

Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.

Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,

waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:

Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler, Graf

Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und nicht zum

letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines, häßliches und

säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft mit dem berühmten

General und beinahe mehr noch durch eine keck in die Welt hineinkrähende

Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen Tugenden abging. Auch

Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach fehlte.

»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.

»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der

kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.«

»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch Akklamation

Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. Flaschen und

Gläser standen die lange Tafel entlang.

»Rede halten: Assemblée nationale ....«

Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem ihm

als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.

»Silentium, Silentium.«

»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem

Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht nur der

Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den Ton gegeben),

Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: es muß etwas geschehn!«

»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«

»Und neu geweiht durch die ›Weihe der Kraft‹, haben wir, dem alten Luther

und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu bewerkstelligen, von dem

die spätesten Geschlechter noch melden sollen. Es muß etwas Großes werden!

Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet, der schreitet zurück. Ein Aufzug also.

So viel steht fest. Aber Wesen und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu

fixiren, und zu diesem Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit,

Ihre Vorschläge der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde sich.«

Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.

»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.«

Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne

wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt Schlittenfahrt.«

Alle sahen einander an, Einige lachten.

»Im Juli?«

»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und

über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste Nonnen; in

dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges bildet, paradiren Luther

und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, während Katharinchen auf der Pritsche

reitet. Ad libitum mit Fackel oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug.

Kostüme werden dem Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe

gesprochen.«

Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich

durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und

beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten Meisterschuß

gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also Schlittenfahrt. Angenommen?«

»Ja, ja.«

»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?«

»Schach.«

»Er wird ablehnen.«

»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als einer

Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie kann man

Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich eine halbe Stunde

lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und sein Normal-Oval in eine

bäurische tête carré verwandeln zu müssen. Aber schließlich wird er Eitelkeit

gegen Eitelkeit setzen, und seinen Lohn darin finden, auf vierundzwanzig

Stunden der Held des Tages zu sein.«

Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter

eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.

»Ah, lupus in fabula.«

»Von Schach?«

»Ja!«

»Lesen, lesen!«

Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz, bei der

muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden Versammlung unsrer

jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig, auch meinen Anwalt

machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt worden, um was es sich aller

Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und diese Mittheilung hat meinen

Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein Geheimniß, daß all das, was man vorhat,

meinem Gefühl widerstreitet, und so werden Sie sich mit Leichtigkeit

herausrechnen können, wie viel oder wie wenig ich (dem schon ein Bühnen-

Luther contre coeur war) für einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir

diesen Mummenschanz in eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine

Fastnachtsfreiheit in Anspruch nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren

Kameraden soll aber durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt

werden, und jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin

nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr Schach.«

»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche Billet

an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten ist größer

in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er will mir antworten,

seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in diesem Augenblicke heißt

es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich bringe den Reformator unter den

Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum Ersten, Zweiten und zum .... Dritten.

Niemand? So bleibt mir nichts übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.«

Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das

Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht mit. Kann

nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus Lutheri im Leibe.«

Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er das

Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz wenigstens seine

Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich, zu pedantisch. Auch

darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut oder bös. Erinnern Sie sich, daß

wir den alten Luther nicht verhöhnen wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn

rächen. Was verhöhnt werden soll, ist das Stück, ist die Lutherkarrikatur, ist der

Reformator in falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht,

Instanz aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche

lassen oder es fällt alles in den Brunnen.«

Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine

kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb von

allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich für die

Lutherrolle zu melden.

Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn

Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg den

Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, die

Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial eingeschrieben,

und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf seinem Schlittensitz ein »jeu entriren« oder

mit dem Klostervogt eine Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel

brach aus, und nachdem noch in aller Kürze der nächste Montag für die

Maskerade festgesetzt, alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden

war, schloß Nostitz die Sitzung.

In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's

regnet?«

»Es darf nicht regnen.«

»Und was wird aus dem Salz?«

»C'est pour les domestiques.«

»Et pour la canaille,« schloß der jüngste Cornet.