Schach von Wuthenow
Vierzehntes Kapitel. In Wuthenow am See.
Vierzehntes Kapitel.
In Wuthenow am See.
Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen
entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See nach
rechts und links hin überblickende Schloß Wuthenow lag. In den Häusern und
Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den Ställen her hörte man
noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute Brüllen einer Kuh.
Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg
ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte. Rechts lagen
die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren Heugeruch die Luft
erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein alter, weißgetünchter und von
einer schwarzgetheerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau, dem erst
Schachs Mutter, die »verstorbene Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen
Blitzableiter und eine prächtige, nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete
Terrasse, das Ansehen allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt
freilich, unter dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und
Schach hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
Schönheit des Bildes.
Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem
flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem danebenstehenden
Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben Augenblick ein Bellen
und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus seiner Hütte fuhr und mit
seiner Kette nach rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte.
»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,
begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf die
Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.
Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige.
Schach stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen
der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb verschlafene Stimme: »Wat
is?«
»Ich, Krist.«
»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«
»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.«
Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während er
den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«
Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,
während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en beten.«
Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und
hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig, ein
erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar Holzpantinen
klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel zurückgeschoben,
und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen hatte,
stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor manchem Jahr und Tag, als der alte
»Gnädge-Herr« gestorben war, den durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und
Respektstitel auf seinen jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit
Krist das erste Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See
gemacht hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.
»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns
Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers ick
wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' koam'
künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' wat.‹ Awers as de Fruenslüd' sinn!
Wat seggt se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se, ›Regen bedüt et. Un dat's man
gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹«
»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während der
Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins Schloß führte.
»Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.«
Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen mit
Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte verbreiterte sich
dieser und bildete nach links hin eine geräumige Treppenhalle, während nach
rechts hin eine mit Goldleisten und Rokokoverzierungen reich ausgelegte
Doppelthür in einen Gartensalon führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der
verstorbenen Frau Generalin von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen
alten Dame gedient hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider,
und als Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung
geöffnet hatte, trat man ein.
Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem
Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit nach Hause
gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter nahm jetzt Krist vom
Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die seit lange schon in den
Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der verstorbenen Gnädigen zum Siegeln
ihrer Briefe gedient hatten. Die Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre
todt, und da Schach, von jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte
noch alles den alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den
Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der
Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür
zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der Generalin)
und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und Orangen und
ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz. In dem ganzen
Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine stickige Schwüle.
»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die
da.«
»Wullen's sich denn hier hen leggen, junge Herr?«
»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«
»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns doavunn vertellen deih!
Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi. ›Jott,
jnädge Herr,‹ seggt ick denn ümmer, ›ick gloob de Huut geit em runner‹. Awers
denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte: ›Nei, Krist, uns' Huut sitt
fast.‹«
Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff er
zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, der in
einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das sich Schach als
Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten herauszubringen.
Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das Vergebliche solcher
Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von guter Laune: »Störe den
Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als er's gesprochen hatte, fiel ihm der
Doppelsinn darin auf, und er gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche
in großen Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten
Gruft der Familie standen.
Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.
»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält er
aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es brennen ....
Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun gute Nacht, Krist. Und
schließe von außen zu, daß sie mich nicht wegtragen.«
»Ih, se wihren doch nich ....«
Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von außen her
zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und bleiern auf seines
Herrn überreiztes Gehirn.
Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz, empfand
er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und kitzle, und als ein sich
Drehen und Wenden und selbst ein unwillkürliches und halbverschlafenes
Umherschlagen mit der Hand nichts helfen wollte, riß er sich endlich auf und
zwang sich ins Wachen zurück. Und nun sah er, was es war. Die beiden eben
verschweelenden Lichter, die mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch
stickiger gemacht hatten, hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer
gelockt, und nur über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel.
Einen Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich
überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren, die
zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben stießen
und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.
Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um
die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu verdoppeln
und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An Schlaf war nicht
mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster und sprang hinaus, um,
draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.
Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene
Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in meist
dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei Sommerblumen
blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen. Man sah leicht, daß
eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte, trotzdem Krist zu seinen
vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners zählte; die Zeit indeß, die seit dem
Tode der Gnädigen vergangen war, war andrerseits eine viel zu kurze noch, um
schon zu vollständiger Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den
Charakter eines wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch
zugleich auch erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in
immer volleren Zügen einsog.
Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er einen
Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen hin. Er wollte
dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit guter Manier hinter sich
bringen. Aber diese Zeit wollte nicht schwinden, und als er wieder nach der Uhr
sah, war erst eine Viertelstunde vergangen.
Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge zu,
die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die Gänge nach
obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt ihn eine Weile den
abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum in Schritten
auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu Nischen und
Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren standen: Götter und
Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale vorübergegangen war, ohne sich
auch nur im geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung
nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute sich besonders aller derer,
denen die Köpfe fehlten, weil sie die dunkelsten und unverständlichsten waren,
und sich am schwersten errathen ließen. Endlich war er den Laubengang
hinunter, stieg ihn wieder hinauf und wieder hinunter und stand nun am
Dorfausgang und hörte daß es zwei schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge
halb? War es halb drei? Nein, es war erst zwei.
Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter
fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels
herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun sah er hinauf, und sah
die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und Cypressenpyramiden eingefaßt,
bis dicht an den See hinunterführte. Nur ein schmal Stück Wiese lag noch
dazwischen, und auf eben dieser Wiese stand eine uralte Eiche, deren Schatten
Schach jetzt umschritt, einmal, vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es
war ersichtlich, daß ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis
gemahnte, denn er murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!
Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse herantrat,
war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf diesen See
hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine höchste Wonne
gewesen.
»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu, der die
tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends schien ein
Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg, an dessen Ende
das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang benutzt hatte, wenn
sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen Besuch zu machen. Auch
Ruder und Stangen fanden sich, während der flache Boden des Boots, um einen
trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem Binsenstroh überdeckt war.
Schach sprang hinein, löste die Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche
Ruderkünste zu zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser
war so seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder einlegen. Eine
tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und Schach hörte nichts als
ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war er in dem großen und eigentlichen See,
durch den der Rhin fließt, und die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem
Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung
bog er jetzt ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln begann.
Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er
schlief ein.
Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die
Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er nahm
also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft ein, um aus der
Strömung heraus und an die verpaßte Stelle zurückzukommen, und freute sich
der Anstrengung die es ihn kostete.
Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im
Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See warfen. Auf
dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die Morgenbrise
benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach vorüber. Ein
Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl, denn er fühlte
deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei minderte. »Nahm er es
nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit und Uebelwollen. Und wer
kann sich dem entziehn! Es kommt und geht. Eine Woche noch, und die Bosheit
hat sich ausgelebt.« Aber während er so sich tröstete, zogen auch wieder andre
Bilder herauf, und er sah sich in einem Kutschwagen bei den prinzlichen
Herrschaften vorfahren, um ihnen Victoire von Carayon als seine Braut
vorzustellen. Und er hörte deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter,
der schönen Radziwill, zuflüsterte: »Est-elle riche?« »Sans doute.« »Ah, je
comprends.«
Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und bewegtes Leben
herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder gurrten, ein paar Kibitze
flogen auf, und eine Wildente, die sich neugierig umsah, tauchte nieder, als das
Boot plötzlich in Sicht kam. Eine Minute später, und Schach hielt wieder am
Steg, schlang die Kette fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes
Umwegs die Terrasse hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten
Mutter Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
Grünfutter zu bringen.
»Tag, Mutter Kreepschen.«
Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall gelassen
hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören sollte) jetzt von der
Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu sehn.
»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?«
»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«
»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«
»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
Und der eine Fensterflügel war auf.«
»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch jed-
een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet nich! Un
mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un nich en Oog
to.«
»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr mir wohl
was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«
»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst. Versteiht
sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks; man blot de oll Zick,
de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie schabernacksch so'n oll' Zick'
is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss
is, denn wohrd se falsch. Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben
se woll, wat se denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi
de Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl. Mien oll
Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in. Awers keen
Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un ook wat dato. De
oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.«
Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher Geruch
herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum herrührte, das die
Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die Sophaecken gesteckt hatte.
Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte den Haken ein, und war nun erst im
Stande, sich all der Kleinigkeiten zu freun, die die »gute Stube« schmückten.
Ueber dem Sopha hingen zwei kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem
Leben des Großen Königs darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und
»Bon soir, Messieurs« unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte
herum hingen zwei dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen
Schleifen daran, während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit
Zittergras stand. Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit
rothem Dach, in dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen
gehaust und seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es
leer, und der Wagen hatte stille Tage.
Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
wurde »daß drüben alles klar sei.«
Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager so
beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und Fenster standen
auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller Staub war von Tisch
und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später erschien auch schon Krists
Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen Korb gelegt, und als Schach eben
den Deckel von der kleinen Meißner Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe
her die Kirchenglocken herauf.
»Was ist denn das?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.«
»Justement sieben, junge Herr.«
»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.«
»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et
anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um
twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den dritten
Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um achten. Un
ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen Ollschen von dröwen
abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und dat's ümmer um seb'n.«
»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«
»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll
Bienengräber.«
»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.«
»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un nu
brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.«
»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen und mal
wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat, mir und den
andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen, dran ein
Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich nicht
aufpaßte.«
»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.«
Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und
versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.
Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln
schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über seine
Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür zu treten und
sah von hier aus über das Rondeel und die Buchsbaumrabatten und weiter
dahinter über die Baumwipfel des Parkes fort, bis sein Auge schließlich auf
einem sonnenbeschienenen Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des
Hügels, über eine mit Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese
hinschritt.
Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter, um, von dem
herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte Bienengräber zu
sagen habe.«
Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war, wollte
Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für manches gute
Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem Boot über den See hin
zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles sagen, ihm beichten, und
seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort wissen. Das Alter sei allemal
weise, und wenn nicht von Weisheits-, so doch bloß schon von Alters wegen.
»Aber,« unterbrach er sich mitten in diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich
seine Antwort? hab ich diese Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in
mir selbst? Kenn ich nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu
gehorchen.«
Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines Zwiegesprächs
fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf.
Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und doch
schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.
Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle trugen
sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. Das hier war der General, der
bei Malplaquet die große Redoute nahm, und das hier war das Bild seines
eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment Itzenplitz, der den Hochkirchner
Kirchhof mit vierhundert Mann eine Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel
er, zerhauen und zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen
hingen die Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter.
Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in die
Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die Schläge. »Zwölf.
Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären es zwölf Jahre .... Wie
wird es sein? Alltags die Kreepschen, und Sonntags Bienengräber oder der
Radenslebensche, was keinen Unterschied macht. Einer wie der andre. Gute
Leute, versteht sich, alle gut .... Und dann geh ich mit Victoire durch den Garten,
und aus dem Park auf die Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer
und ewig und ewig und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln
blühn. Und dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber
vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt in einem
fort: ›Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und meine Schloßherrin
erröthet und wünscht sich das Schwesterchen auch. Und endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ an der ersten Station, die die
›stroherne Hochzeit‹ heißt. Ein sonderbares Wort. Und dann ist auch allmählich
die Zeit da, sich malen zu lassen, malen zu lassen für die Galerie. Denn wir
dürfen doch am Ende nicht fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als
Rittmeister ein, und zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber
hab ich eine Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie
den Ausdruck zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.‹ Oder soll ich ihm
geradezu sagen: ›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!«