Schach von Wuthenow
Elftes Kapitel. Die Schlittenfahrt.
Elftes Kapitel.
Die Schlittenfahrt.
Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen. Ein
vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der Stadt, daß die
Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem jener tollen Streiche
brüteten, um derentwillen sie vor andern Regimentern einen Ruf hatten, aber
man erfuhr weder worauf die Tollheit hinauslaufen werde, noch auch für
welchen Tag sie geplant sei. Selbst die Carayonschen Damen, an deren letztem
Empfangsabende weder Schach noch Alvensleben erschienen waren, waren
ohne Mittheilung geblieben, und so brach denn die berühmte »Sommer-
Schlittenfahrt« über Näher- und Fernerstehende gleichmäßig überraschend
herein.
In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen
Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter vorauf, ganz
also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem Glockenschlage neun an
dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, jagte weiter abwärts erst in
die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die Behren- und Charlottenstraße hinein
und wiederholte diese Fahrt um das ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in
einer immer gesteigerten Eile.
Als der Zug das erste Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das
Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage fiel, eilte
Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand, erschreckt ans Fenster und sah
auf die Straße hinaus. Aber statt des Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete,
hörte sie nur, wie mitten im Winter, ein Knallen großer Hetz- und
Schlittenpeitschen mit Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu
finden im Stande war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und
fragend und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß
Victoire sie fand.
»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«
Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade
zum zweiten Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu bessrer
Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon hinausgetreten waren,
waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr im Zweifel, was das Ganze
bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und was. Erst unzüchtige Nonnen, mit
einer Hexe von Aebtissin an der Spitze, johlend, trinkend und Karte spielend,
und in der Mitte des Zuges ein auf Rollen laufender und in der Fülle seiner
Vergoldung augenscheinlich als Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem
Luther sammt Famulus und auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der
riesigen Gestalt erkannten sie Nostitz. Aber wer war der auf dem Vordersitz?
fragte sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War er es?
Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es nicht war, er war doch
immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er gutgeheißen oder
wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne Welt, wie pietätlos, wie
baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. Ein Gefühl unendlichen Wehs
ergriff sie, das Schöne verzerrt und das Reine durch den Schlamm gezogen zu
sehen. Und warum? Um einen Tag lang von sich reden zu machen, um einer
kleinlichen Eitelkeit willen. Und das war die Sphäre, darin sie gedacht und
gelacht, und gelebt und gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das
Schlimmste von allem, an Liebe geglaubt hatte!
»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und
wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen konnte,
wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der Schwelle des
Balkons nieder.
Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das
Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen wurde.
Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und als die Mutter
ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen wollte, stieß sie sie heftig
zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie der Mama das Flacon aus der Hand
und goß es sich über Hals und Nacken. »Ich bin mir zuwider, zuwider wie die
Welt. In meiner Krankheit damals hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber
wir sollen nicht um unser Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt.
Und wenn er uns zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns
noch .... O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«
Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.
Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum dritten Mal an dem
Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische Gestalten
in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an der Decke zeigte.
Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In Wahrheit
aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und einer Aussprache
mit dem geliebten Kinde.
»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr. Ich
erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist denn
geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich weiß Zeiten, wo
Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es ist etwas andres, was
Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen schon. Aber Du verschweigst mir's,
Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es
sei, was es sei.«
Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von
Thränen entquoll ihrem Auge.
»Beste Mutter!«
Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.