Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 12 von 24

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Schach von Wuthenow

Elftes Kapitel. Die Schlittenfahrt.

Elftes Kapitel.

 

Die Schlittenfahrt.

 

Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen. Ein

vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der Stadt, daß die

Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem jener tollen Streiche

brüteten, um derentwillen sie vor andern Regimentern einen Ruf hatten, aber

man erfuhr weder worauf die Tollheit hinauslaufen werde, noch auch für

welchen Tag sie geplant sei. Selbst die Carayonschen Damen, an deren letztem

Empfangsabende weder Schach noch Alvensleben erschienen waren, waren

ohne Mittheilung geblieben, und so brach denn die berühmte »Sommer-

Schlittenfahrt« über Näher- und Fernerstehende gleichmäßig überraschend

herein.

In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen

Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend

prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter vorauf, ganz

also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem Glockenschlage neun an

dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, jagte weiter abwärts erst in

die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die Behren- und Charlottenstraße hinein

und wiederholte diese Fahrt um das ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in

einer immer gesteigerten Eile.

Als der Zug das erste Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das

Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage fiel, eilte

Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand, erschreckt ans Fenster und sah

auf die Straße hinaus. Aber statt des Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete,

hörte sie nur, wie mitten im Winter, ein Knallen großer Hetz- und

Schlittenpeitschen mit Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu

finden im Stande war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und

fragend und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß

Victoire sie fand.

»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«

Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade

zum zweiten Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu bessrer

Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon hinausgetreten waren,

waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr im Zweifel, was das Ganze

bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und was. Erst unzüchtige Nonnen, mit

einer Hexe von Aebtissin an der Spitze, johlend, trinkend und Karte spielend,

und in der Mitte des Zuges ein auf Rollen laufender und in der Fülle seiner

Vergoldung augenscheinlich als Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem

Luther sammt Famulus und auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der

riesigen Gestalt erkannten sie Nostitz. Aber wer war der auf dem Vordersitz?

fragte sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War er es?

Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es nicht war, er war doch

immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er gutgeheißen oder

wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne Welt, wie pietätlos, wie

baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. Ein Gefühl unendlichen Wehs

ergriff sie, das Schöne verzerrt und das Reine durch den Schlamm gezogen zu

sehen. Und warum? Um einen Tag lang von sich reden zu machen, um einer

kleinlichen Eitelkeit willen. Und das war die Sphäre, darin sie gedacht und

gelacht, und gelebt und gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das

Schlimmste von allem, an Liebe geglaubt hatte!

»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und

wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen konnte,

wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der Schwelle des

Balkons nieder.

Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das

Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen wurde.

Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und als die Mutter

ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen wollte, stieß sie sie heftig

zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie der Mama das Flacon aus der Hand

und goß es sich über Hals und Nacken. »Ich bin mir zuwider, zuwider wie die

Welt. In meiner Krankheit damals hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber

wir sollen nicht um unser Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt.

Und wenn er uns zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns

noch .... O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«

Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.

Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum dritten Mal an dem

Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische Gestalten

in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an der Decke zeigte.

Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In Wahrheit

aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und einer Aussprache

mit dem geliebten Kinde.

»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr. Ich

erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist denn

geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich weiß Zeiten, wo

Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es ist etwas andres, was

Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen schon. Aber Du verschweigst mir's,

Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es

sei, was es sei.«

Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von

Thränen entquoll ihrem Auge.

»Beste Mutter!«

Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.