Schach von Wuthenow
Viertes Kapitel. In Tempelhof.
Viertes Kapitel.
In Tempelhof.
Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben
Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern den
Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter einander im
rechten Winkel stehenden auf die Behren- und Charlottenstraße sahen, während
das dritte, thürartige, das ganze, breit abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen
mit einem vergoldeten Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald
es die Jahreszeit erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von
beinah jeder Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte
Straßentreiben, das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein
besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo nicht
blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner Garnison, sondern,
was für die Carayons wichtiger war, auch die Regimenter der Garde du Corps
und Gensdarmes unter dem Klang ihrer silbernen Trompeten an dem Hause
vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit (wo sich dann selbstverständlich die
Augen der Herrn Offiziers zu dem Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer
erst seinen eigentlichen Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden
können.
Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und
gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die glänzenden,
fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger Tage des Hauses
Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne Stutzuhr, ein Geschenk der
Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor allem auch der große, reich vergoldete
Trumeau, der der schönen Frau täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch
eine schöne Frau sei. Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die
Mutter über diesen wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war
doch klug genug, es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu dem
Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha
hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein stattlicheres Bild
vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, der die häuslichen
Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von Carayon war ein kleiner,
schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer einigen in der Nähe von
Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer ihn mit Stolz erfüllenden
Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte. Am
wenigsten aber männliche Schönheit.
Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide
Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war weit
auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte, stand die
Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich dieselbe Schwüle,
die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire blickte von ihrer Arbeit auf
und erkannte den Schach'schen kleinen Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei
Farben am Hut, von denen sie zu sagen liebte, daß es die Schach'schen
»Landesfarben« seien, die Charlottenstraße heraufkam.
»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie
wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer mehr
eine Puppe. Was er nur bringen mag?«
Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen Augenblick
später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in Gamaschen, der
noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, trat ein, um auf einem
silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. Victoire nahm es. Es war an Frau
von Carayon adressirt.
»An Dich Mama.«
»Lies nur,« sagte diese.
»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.«
»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine gnädigste
Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege gebessert, sondern
auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie sie der April uns
Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr mit meinem Wagen vor
Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire zu einer Spazierfahrt
abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre Befehle. Wissen Sie doch wie
glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu können. Bitte Bescheid durch den
Ueberbringer. Er ist gerade firm genug im Deutschen, um ein »ja« oder »nein«
nicht zu verwechseln. Unter Gruß und Empfehlungen an meine liebe Freundin
Victoire (die zu größerer Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.«
»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«
»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?«
»Nun denn also ›ja‹.«
Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt, und ihre
Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele vorläufig im Dunkeln
bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da, so wird er uns auch das
Richtige wählen lassen.«
Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so vieldeutig,«
sagte sie.
»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.«
»Nein; laß es nur.«
Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom.
Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama
nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten solche
Räthselsätze.«
»Du dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und nun höre
mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel, auch schon zu
mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht sprechen darfst, so muß
ich es thun statt Eurer und Euch verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal
um. Sonst verheirathen Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich
verheirathe Dich. Er liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich,
und ihr werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im
französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du siehst,
ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der Kirche die Wahl; mehr
kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich mit in die Ehe bringst, ist nicht
gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten.«
Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst
es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen überraschen, und in
bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich liebst, widerstreitet mir.
Ich mag auch nicht philosophiren. Aber das laß Dir sagen, es liegt alles
vorgezeichnet in uns, und was Ursach scheint, ist meist schon wieder Wirkung
und Folge. Glaube mir, Deine kleine Hand wird das Band nicht knüpfen, das Du
knüpfen möchtest. Es geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und
warum auch? Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur Dich.«
Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise zwölf
Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um drei Uhr
gegessen wurde. Tante Marguerite, das war ihr Name, war noch eine echte
Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige, sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem Munde sprach, das ü dem i
vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die »Kürche« ging, und ihre Rede
selbstverständlich mit französischen Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte.
Sauber und altmodisch gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen
Seidenmantel, und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt hatte:
»Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so ›ich weiß nicht wie‹
sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem Seidenmantel
Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene Handschuhe, die sie
ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf dem obersten Treppenabsatz
anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie fehlen ließ, entbehrten all und jedes
Interesses, am meisten aber dann, wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und
höchsten Personen sprach. Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der
königlichen Familie: la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
Alexandrine, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt fühlte, daß, als
eines Tages die Brandenburger Thorwache beim Vorüberfahren von la princesse
Alexandrine versäumt hatte, rechtzeitig ins Gewehr zu treten und die Trommel
zu rühren, sie nicht nur das allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das
Ereigniß überhaupt ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.
Das war das Tantchen, das eben eintrat.
Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen,
herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr Erscheinen ein
Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu lassen, sie nicht mehr
die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte sofort heraus, wie günstig heute
die Dinge für sie lagen, und begann denn auch in demselben Augenblicke, wo
sie sich gesetzt und die Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich
dem hohen Adel königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung
der »Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre
waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein für
allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte, die doch
immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten Geringschätzung zu
behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte beständig die Namen, und wenn
sie von einer Escapade der Baronin Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein,
daß sie die Gräfin Taube gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch
das heutige Gespräch, Neuigkeiten, unter denen die, »daß der Rittmeister von
Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach einigem
Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das Regiment
Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von Carolath zu
transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten der Tante jedesmal
ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und solche Verlegenheit
kam ihr denn auch heute nicht, als ihr, zum Schluß ihrer Geschichte, mitgetheilt
wurde, daß der Rittmeister von Schenk alias Schach noch im Laufe dieses
Nachmittags erwartet werde, da man eine Fahrt über Land mit ihm verabredet
habe. Vollkommener Kavalier wie er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine
liebe Verwandte des Hauses an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine
Bemerkung, die von Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von
einem unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.
Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier –
l'exactitude est la politesse des rois, würde Bülow gesagt haben – erschien eine
zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der Behrenstraße. Schach, der
selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben, beide Carayons aber grüßten
schon reisefertig vom Balkon her, und waren im nächsten Moment mit einer
ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und Regenschirmen unten am
Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die nunmehr vorgestellt und von
Schach mit einer ihm eigenthümlichen Mischung von Artigkeit und Grandezza
begrüßt wurde.
»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«
»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.
»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.«
In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das Rondel
und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum Kreuzberg
hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte sich
entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in halber
Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes Stadtkind, aufrichtig
entzückt über all und jedes, was sie zu beiden Seiten des Weges sah, und wurde
nicht müde Fragen zu stellen und ihn durch das Interesse, das sie zeigte, zu
beruhigen. Am meisten amüsirten sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-
Gestalten, die zwischen den Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und
entweder eine Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
flatterten und klapperten.
Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der
zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof zu.
Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und her, und am
Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen Dörfer.
Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war, ihren
kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es nichtsdestoweniger
den Führer zu machen, und setzte dabei beide Carayonsche Damen ebenso sehr
durch ihre Namensverwechselungen, wie durch Entdeckung gar nicht
vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.
»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht
unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?«
Victoire schwieg.
»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps de
Logis.«
Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, das
nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt, von den
Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit aufgenommen
wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt alter Prinzessinnen
und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein Dummheits- oder Nicht-
Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt werden zu können. Er
lächelte nur und benutzte das Wort »Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen
war, um Frau von Carayon zu fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß
genommen habe, das in ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs
seinem Sohne, dem Grafen von der Mark errichtet worden sei?«
Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
zugestand, etwas nicht zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er so früh
sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner hochseligen Frau
Mutter um beiden Augen.«
Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark
verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter« geborenen
»lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren wollte, rasch aber
übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also lieber um doch wenigstens
etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende grüne Kuppeldach des
Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten Augenblick in die große,
mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von Tempelhof ein.
Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und
sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur Frau
von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich auf
seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.«
Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem
Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig geworden war, in
dem Hintergarten, unter einem halboffenen Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu
nehmen, ward einer der Ecktische frei, so daß man in Front des Hauses, mit dem
Blick auf die Dorfstraße verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf
sich, daß es der hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und
wenn es auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem
Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
zwitscherten. Und nicht das blos sah man; Equipagen hielten in der Mitte der
Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und Knechte, die mit Pflug
und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der Wagenreihe vorüber. Zuletzt
kam eine Heerde, die der Schäferspitz von rechts und links her zusammenhielt,
und dazwischen hörte man die Betglocke, die läutete. Denn es war eben die
sechste Stunde.
Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch weil
sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und jubelten, als Schach
einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche zur Sprache brachte.
Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante Marguerite freilich, die sich
»vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete, wäre lieber am Kaffeetische
zurückgeblieben, als ihr aber der zu weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth
aufs eindringlichste versichert hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu
fürchten brauche,« nahm sie Victoirens Arm und trat mit dieser auf die
Dorfstraße hinaus, während Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was
noch an dem Staketenzaune saß, sah ihnen nach.
»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte.
Schach sah sie fragend an.
»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante
Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.«
»Wovon?«
»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem eine
Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ›daß Sie der
garstigsten princesse vor der schönsten bourgeoise den Vorzug geben würden.‹
Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist die Carolath auch noch
schön. Un teint de lys et de rose. Sie werden mich eifersüchtig machen.«
Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen
richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste. Denn, wenn
es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen Abend unter
meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine noch größere Freude,
mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu können. Ihre Plaisanterien, die
so kritisch und doch zugleich so voll guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure
Josephine, Sie sind mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit
und Dünkel, espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein
Herz darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten und
Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß Sie nicht
einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie über mich üben.«
Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau
leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie den
scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen verstehen.
Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung heraus.«
»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich hatte
vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich Bülow sah,
und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er nur in Ihre
Gesellschaft?«
»Er ist der Schatten Bülows.«
»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der Gegenstand,
der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn noch übertreffen,
weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ›Sander, wenn er seine
Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau herum.‹ Und
dieser Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein Sancho Pansa ....«
»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?«
»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen widersteht,
zu medisiren, aber dies ist au fond nicht medisiren, ist eher Schmeichelei. Der
gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher Enthusiast, und nun frag ich Sie,
theuerste Freundin, läßt sich von Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist
excentrisch, nichts weiter, und das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer
infernalen Eigenliebe.«
»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich fürchte,
daß er ein Recht hat, es zu sein.«
»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe
haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, und predigt
die billigste der Weisheiten, die Weisheit post festum. Lächerlich. An allem, was
uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht hat, ist, wenn man ihn hört, nicht
der Uebermuth oder die Kraft unserer Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde
man mit einer größeren Kraft unschwer haben begegnen können, wenn man sich
unsrer Talente, will also sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte.
Das unterließ die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter.
Darum Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, diesem
Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt Bülows auf dem
Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich hasse solche
Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe, wie von
lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen Satze, daß die Welt
nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als Preußen auf den Schultern
seiner Armee.«
Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt
wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle gekommen,
von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld hin sich abzweigte.
»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol auf
ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und Gezweig
hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht bestreiten ließ,
und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die Mama durch eine Kopf-
und Handbewegung zu fragen, ob man den hier abzweigenden Fußpfad
einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte zustimmend, und Tante und Nichte
schritten in der angedeuteten Richtung weiter. Ueberall aus dem braunen Acker
stiegen Lerchen auf, die hier, noch ehe die Saat heraus war, schon ihr
Furchennest gebaut hatten, ganz zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld,
das bis an die Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts
aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar musizirte,
während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand.
»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«
»Ja, liebe Tante.«
»Kannst Du Dir denken, ma chère, daß, als ich jung war, die Binsen als
kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf einem
Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen
konnte ....«
»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man
zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.«
»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, des joncs. Und
sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen doch ein
natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas Kienenes.«
»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie widersprach,
und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, in dem das
Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber sah sie, daß ein
halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen Lauf auf sie zukam und
mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der bellend und beißend an der
Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine, mitten im Lauf, einen an einem
Strick und einem Klöppel hängenden Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn
so geschickt wieder auf, daß weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun
konnte. Zuletzt aber blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil
die niedergehende Sonne sie blendete.
»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.
»Ja,« sagte das Kind.
»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns die
Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die Herrschaften da.«
»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die
Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und
Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem sie noch
kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.
Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über verfallene
Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand berührt hatte;
nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben der Kirche war eine
schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. Victoire bückte sich, um
hastig davon zu pflücken, und als Schach und Frau von Carayon im nächsten
Augenblick den eigentlichen Hauptweg des Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen
Victoire entgegen und gab der Mutter die Veilchen.
Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf dem
Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch und trat,
allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und zerfallen, der eben sinkende
Sonnenball aber, der hinter den nach Abend zu gelegenen Fenstern stand,
übergoß die Wände mit einem röthlichen Schimmer und erneuerte, für
Augenblicke wenigstens, die längst blind gewordene Vergoldung der alten
Altarheiligen, die hier noch, aus der katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten.
Es konnte nicht ausbleiben, daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig
erschrak, als sie dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob nicht
vielleicht alte Grabsteine da wären?
»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein abgetretenes,
aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das aufrecht in einen Pfeiler,
dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es war ersichtlich ein Reiteroberst.
»Und wer ist es?« fragte Schach.
»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von Tempelhof.
Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil er wollte, daß er
ihm ähnlich werden sollte.«
Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des
angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen traf.
»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt auch
das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß. Und die
Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.«
All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus den
Lebzeiten des Ritters wisse?«
»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.«
Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende
Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so wahr
ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte Kossäthe Maltusch hat
es noch mit erlebt.«
»Aber was denn, Kind?«
»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß die
Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte Maltusch,
der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater erzählt, er hab es noch
mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch mitunter so gepoltert und gerollt
hätte, wie wenn es drüben über Schmargendorf donnert.«
»Wohl möglich.«
»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr die
Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General, dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da kam einen
Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen wegwischen und neue
für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das Kreidestück. Aber da
sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon weggewischt und neue
Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem Bibelspruch, Kapitel und
Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch und undeutlich, und nur so
grade noch zu lesen. Und als sie nachschlugen, da fanden sie: ›Du sollst Deinen
Todten in Ehren halten und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‹ Und nun
wußten sie, wer die Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und
mauerten ihn in diesen Pfeiler.«
»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich vor
Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, »ich finde
doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.« Und dabei
wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab, und ging mit Frau
von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem Tantchen wetteifern
konnte, wieder dem Ausgange zu.
Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.
»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine Tempelritter-
Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den einen im ›Nathan,‹ aber wenn
unsre Bühne die Kostümfrage nicht zu willkürlich behandelt hat, so müssen die
Tempelritter durchaus anders ausgesehen haben. Hab ich Recht?«
»Immer Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr Herz
und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen wäre.
»Wohl. Aber wenn kein Templer, was dann?« fragte sie weiter und sah ihn
zutraulich und doch verlegen an.
»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder vielleicht
auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen Namen: Achim von
Haake.«
»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?«
»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen, daß
wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren vorgothischen
Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage zurückreichen. So viel ist
glaubhaft.«
»Ich höre so gern von diesem Orden.«
»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten
heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und interessanteste.
Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst, Verleugnung Christi,
Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber groß wie seine Schuld, so groß
war auch seine Sühne, ganz dessen zu geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld voraufgegangener Geschlechter zu büßen
hatte. Das Loos und Schicksal aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie
fehlen und irren, dem Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den
schuldbeladenen Orden, all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in
einem wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der
ihn tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich
überwältigt seine Größe.«
Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen, einen
nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein mönchischer
Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's vermocht als
Templer zu leben und zu sterben?«
»Ja.«
»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die Supra-
Weste der Gensdarmes.«
»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir, es
lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.«
»Um es zu halten?«
Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter
werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem
Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen des
›Schönen‹ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus Neid. Aber
die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer selbstisch ist, ist
undankbar und treulos.«
Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so sehr
sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen ihn gerichtet
haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur jeu d'esprit, eine
Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und doch, alles was sie
gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden war, so gewiß war es doch
auch aus einer dunklen Ahnung heraus gesprochen worden.
Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach hielt,
um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide versäumt hatten,
zu warten.
Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte diese
bis an das Gasthaus zurück.
Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den
Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war das?«
Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen Argwohn heraus, die
selbstgestellte Frage beantwortet hatte.
Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl geworden
und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach Nordwesten hin
umgesprungen war.
Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu
fahren.«
Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während
jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte, ging es
in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück.
Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe
gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren
Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.