Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 3 von 24

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Schach von Wuthenow

Zweites Kapitel. »Die Weihe der Kraft.«

Zweites Kapitel.

 

»Die Weihe der Kraft.«

 

Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit

anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach und

sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht Friede sein

kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und nun rathen Sie,

lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen Besuch zu machen? Eine

Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns zugewiesen.«

»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.

»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist eine

etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert haben, sind keine

mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es geht ins Litterarische

hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen, daß uns Herr Sander das

Räthsel lösen wird.«

»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr Zutrauen

vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund heraus, eine

gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.«

»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und so

sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr

bedauert.«

»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung

entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter der

Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten einen

Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen einen

Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen aus seiner

geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von seinem letzten Orden

erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte citiren, die Serenissimus über

das jüngste Kind seiner Muse geäußert hat. Vielleicht auch Serenissima, was

immer das denkbar Albernste bedeutet.«

»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die den

Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,« sagte Schach

spitz.

»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,

auch auf diesem Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie bezweifeln,

ist wenigstens nach meinen Erfahrungen thatsächlich vorhanden, und zwar, wie

Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu Nicht-Gunsten von Serenissimus. In

der Welt der kleinen Leute steht das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die

verlegene Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde Schlechte-

Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas Versöhnendes. Und nun

spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines Landes in all und jedem, in

Großem und Kleinem, also natürlich auch in Aestheticis. Wer über Leben und

Tod entscheidet, sollte der nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden können?

Ah, bah! Er mag sprechen was er will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai.

Ich habe solche zehn Gebote mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem

was es heißt: regarder dans le Néant.«

»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das

Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also

zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den

›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen zu

lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir Frauen sind, und daß wir als

solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit wenig Gefallen

zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar nicht gesehen zu haben.«

»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit

nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten Tagen

schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines Stückes

beizuwohnen.«

»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst nicht

länger mehr zu zweifeln ist.«

»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens alle

beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.«

»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das Stück

gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des Jesuitismus guckt

überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten aber ist

es mir, daß sich Iffland dafür interessirt, Iffland, ein Freimaurer.«

»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,« erwiderte

Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit unsern

Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen dann jedesmal

den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das entscheidet.«

»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt Luthers

auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«

Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,

meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem Herzen. Es

sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer Dorfkirche saß, und mein

alter Vater neben mir, der alle Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem

Altar da hing unser Martin Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte

darauf gelegt, ein lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß

dies ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu

mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen

Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator, aber

auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen und

unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und Andacht

aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus einer Hinterthür

treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den ich übrigens schätze, nicht

blos als Künstler, sondern auch als Mann von Grundsätzen und guter preußischer

Gesinnung.«

»Pectus facit oratorem«, versicherte Sander, und Victoire jubelte. Bülow

aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in seinen Stuhl

zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart strich: »Es wird Sie

nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.«

»O, gewiß nicht,« lachte Sander.

»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen

Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu machen

gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen einfach zuwider

ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....«

»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.

»Auch nicht Luthers!«

»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....«

»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie mir,

Herr von Schach, auch er ist in der Decadence, wie so viel anderes mit ihm, und

über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der Welt ihn halten können.«

»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören,« erwiderte

Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an ihrer Spitze,

vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?«

»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht wir es, die dies Episodenthum

schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne, die Geschichte schafft

es. Und dabei wird sich ein wunderbarer Zusammenhang zwischen der Episode

Preußen und der Episode Luther herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne,

daß ich die Tage Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der

Herzog nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die

Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt;

jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein Kirchenstaat; er schließt eine

Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so müssen beide zu

einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und warum? Weil beide

gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es sind Kleinexistenzen, beide

bestimmt in etwas Größerem auf- oder unterzugehen. Und zwar bald. Hannibal

ante portas.«

»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns

Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden

gebracht habe.«

»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf die

Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. Der

nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende Dinge, vor

allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein alter ego der lutherische.

Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was bedeuten sie? welche Missionen

erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck

und Aufgabe, das ist alles. Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der

Welt geleistet? Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König

Friedrich Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle

Moral, die den Satz erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden, warum

hat er nicht gefressen?‹«

»Gut, gut. Aber Luther ....«

»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die

Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es dem

norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat. Aber was hat er

denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und Hexenprozesse,

Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für Jahrtausende. Jener

Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt, wird auch eine Weltkirche

folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden und im Zusammenhange stehen,

so die großen noch viel mehr. Ich werde mir den Bühnen-Luther nicht ansehen,

weil er mir in dieses Herren Zacharias Werner Verzerrung einfach ein Ding ist,

das mich ärgert; aber ihn nicht ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es

Entheiligung sei, das ist mehr als ich fassen kann.«

»Und wir, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn uns

ansehen, trotzdem es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und wenn bei Iffland

die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei uns die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens

sind ein paar der eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern.

Victoire, Du könntest uns das ein' oder andere davon singen.«

»Ich habe sie kaum durchgespielt.«

»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität ist

mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches poetisches

Suchen und Tappen.«

Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach

seinen Mitteln.«

Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er

begleitete.

 

Die Blüthe, sie schläft so leis und lind

Wohl in der Wiege von Schnee;

Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind

Du blühendes Kind«

Und das Kind es weint und verschläft sein Weh

Und hernieder steigen aus duftiger Höh

Die Schwestern und lieben und blühn

 

Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr Sander,

wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,« antwortete dieser.

»Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die Blüthe, die vorläufig noch

schläft, wird doch wohl mal erwachen.«

 

Und kommt der Mai dann wieder so lind,

Dann bricht er die Wiege von Schnee,

Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind

Du welkendes Kind.«

Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh

Und steigt hinauf in die leuchtende Höh

Wo strahlend die Brüderlein blühn.

 

Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich Victoiren

und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die Reihe kam,

bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.

Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang

beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war

durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er wiederholte,

während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür hinaufblickte: »wo

strahlend die Brüderlein blühn.«

Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte.

Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb

dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.