Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 14 von 24

PDF-Seiten

Schach von Wuthenow

Dreizehntes Kapitel. »Le choix du Schach.«

Dreizehntes Kapitel.

 

»Le choix du Schach.«

 

In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging alles

besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden konnte, wozu

sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags an Frau von Carayon

schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth schuldig, schützte, wie schon

während des Gesprächs selbst, Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in

allen diesen Erklärungen einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein

Rechtsgefühl, dem er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als

zu sagen gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied

absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und

Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß einer

herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein, und als die

Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese letztre nicht ohne

Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten, ihrem armen Kinde die

Hoffnung, und mit dieser Hoffnung auch die verlorene Frische zurückzugeben.

Die Kranke strahlte, fühlte sich wie genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie

hübsch Du bist, Victoire.«

Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm

unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte. Manches

Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich, lebhaft wie sie sei,

hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts Ernstliches und Erhebliches

versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach, aus Freude Leid erblühe, so kehre

sich's auch wohl um. Sie sehe wieder hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was

sie persönlich zum Opfer bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die

Bedingung für das Glück ihrer Tochter sei.

Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war ersichtlich von

einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in seinem Briefe von Victoire

sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem Gefühle (dessen entsann er sich) einen

besonders lebhaften Ausdruck gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner

Freundin jetzt aufs neue gemahnte, das war mehr, das hieß einfach Hochzeit,

Ehe, Worte, deren bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit!

Und Hochzeit mit wem? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich

auszudrücken beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so

fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des

Prinzen, ich schwärme nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren nicht

feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und wenn ich mich auch

persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so bekehr ich doch nicht die

Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und Witz der Kameraden verfallen, und

das Ridikül einer allerglücklichsten ›Land-Ehe‹, die wie das Veilchen im

Verborgenen blüht, liegt in einem wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe

genau, wie's kommt: ich quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow,

ackre, meliorire, ziehe Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer

allerehelichsten Treue. Welch Leben, welche Zukunft! An einem Sonntage

Predigt, am andern Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist en trois,

immer mit demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste

Stadt, vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich

erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er mustert

mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: ›wie mir's gehe?‹ Und

dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, was doch drei Jahr aus einem

Menschen machen können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht werden es dreißig.«

Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer

Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des Sprechens bei

Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ ihn wieder fallen.

»Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ Ich entsinne mich noch, so

schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde? Wollte sie's? O pfui, Schach,

verunglimpfe nicht das süße Geschöpf. Alle Schuld liegt bei Dir. Deine Schuld

ist Dein Schicksal. Und ich will sie tragen.«

Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.

Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem

Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten Freundin

gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß auch nur eine

kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau von Carayon getrübt

hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach zeigte sich einverstanden mit

allem: in einer Woche Verlobung, und nach drei Wochen die Hochzeit.

Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das junge Paar eine Reise nach Italien

antreten, und nicht vor Ablauf eines Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr,

von einem früheren Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer

und freundlicher Erinnerung war. Und war auch das Gut inzwischen in Pacht

gegeben, so war doch noch das Schloß da, stand frei zur Verfügung, und konnte

jeden Augenblick bezogen werden.

Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag über

dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die vorausgegangen

war.

Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit seinem

ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte daselbst, ein

brennender Wunsch geblieben; der erfüllte sich nun, und kehrten sie dann

zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der geplanten doppelten

Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil ziehen. Victoire hing an

Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er dann Urlaub und fuhr oder ritt

hinüber. Und dann gingen sie durch die Felder und plauderten. O, sie plauderte

ja so gut, und war einfach und espritvoll zugleich. Und nach abermals einem

Jahr, oder einem zweiten und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es

todt und vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch

leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmsplatz

und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, die doch schließlich

nicht blos seine, sondern auch ihre Heimath bedeuteten. Alles war überstanden

und das Lebensschiff an der Klippe des Lächerlichen nicht gescheitert.

Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.

Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht

um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen Siegel

ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für ein amtliches

Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem Oeffnen, um die

Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam es? von wem? Er

prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß es überhaupt kein

Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und nun erbrach er's und

ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit der Unterschrift: Le choix du

Schach. Er wiederholte sich das Wort, ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst

zurecht finden zu können und empfand nur ganz allgemein und aufs

Unbestimmte hin etwas von Angriff und Gefahr. Und wirklich, als er sich

orientirt hatte, sah er, daß sein erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter

einem Thronhimmel saß der persische Schach, erkennbar an seiner hohen

Lammfellmütze, während an der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten

standen und des Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und

vornehm Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der persische Schach aber war einfach unser Schach und zwar in

allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend

anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe, wenigstens

ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit aller Leichtigkeit

erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger als eine Karrikatur. Sein

Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der Stadt herumgesprochen und einer

seiner Neider und Gegner, deren er nur zu viel hatte, hatte die Gelegenheit

ergriffen, seinem boshaften Gelüst ein Genüge zu thun.

Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es war

ihm, als würd er vom Schlage getroffen.

Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder

vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht

abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.

Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe

wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache.

Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine gute

Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die Linden

einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um hier ein paar

Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden aber ein Gespräch

und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte nonchalant und wenn

nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene. Schach sah ihm nach, und sann

und überlegte noch, was die Suffisance des einen und die verlegenen Gesichter

der andern bedeutet haben mochten, als er, einige Hundert Schritte weiter

aufwärts, einer ungewöhnlich großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor

einem kleinen Bilderladen stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch

schienen zu fragen »was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die

Zuschauermenge herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte

genug. An dem Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich

niedrig normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben.

Also eine Verschwörung.

Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und

kehrte in seine Wohnung zurück.

Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben

erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen Damen

gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen, schließ ich sie

diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge nachzugehn. Sie wissen ja

alles, und hören das Berliner Gras wachsen. Ich meinerseits bin empört. Nicht

Schachs halber, der diesen ›Schach von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er

ist wirklich so was), aber der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an,

und an ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr

B.«

Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte, setzte

sich an sein Pult und antwortete: »Mon Général! Ich brauche dem Ursprunge

nicht nachzugehen, er ist mir nachgegangen. Vor etwa vier, fünf Tagen erschien

ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich mich dazu verstehen

würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand zu nehmen. Als ich sah,

um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren drei Blätter, darunter auch le

choix du Schach. Der bei mir erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber

er sprach, alles gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß

ich seine Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz

R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und

stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird mit einer

Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen sein. Er ist

nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es nie. Die Sache möchte

hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig hervorheben, die Carayons mit

hineingezogen wären. Um ihretwillen beklag ich den Streich, dessen

Gehässigkeit sich in diesem einem Bilde schwerlich erschöpft haben wird. Auch

die beiden andern, deren ich Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen.

Alles in diesem anonymen Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist

auch der Einfall, das Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine

Wirkung nicht verfehlen, und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. Tout à

vous. S.«

In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow

ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen. Intermittirend

wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die beiden andern Blätter,

und wurden, wie das erste, von jedem Vorübergehenden gekauft oder wenigstens

begafft und besprochen. Die Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer

cause celèbre geworden, trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte

wußte. Schach, so hieß es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der

unschönen Tochter zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei

Muthmaßungen, ohne dabei das Richtige zu treffen.

Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel

blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »la gazza ladra« oder die »diebische Schach-Elster,«

und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von ungleichem Werthe musternd,

den unscheinbareren aus der Schmuckschale nimmt.

Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von

Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel und wie

um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß Victoire, gut

getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der persischen Mütze des

ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt. Und darunter stand:

»Schach – matt.«

Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur zu gut erreicht. Schach

ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm auch

umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde.

So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,

seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin verließ. Er ging

auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er all die Zeit über nicht

betreten hatte) verabschiedet zu haben.