Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 4 von 24

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Schach von Wuthenow

Drittes Kapitel. Bei Sala Tarone.

Drittes Kapitel.

 

Bei Sala Tarone.

 

Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der

Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links einbiegend

auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, und die

Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag deutete, that

allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, allerhand Dienstliches

vorschützend, während Alvensleben, Bülow und Sander übereinkamen, noch

eine Stunde zu plaudern.

»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch

einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die Kehle

zuschnürten.«

»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies

dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen stand:

Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da schon

geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite sich ein

Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf öffnete sich's

von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als Alvenslebens Uniform über

den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt hatte, drehte sich innen der

Schlüssel im Schloß, und alle drei traten ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte

den Blaker aus, den der Küfer in Händen hielt, und nur eine ganz im

Hintergrunde, dicht über der Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch

Licht genug, um das Gefährliche der Passage kenntlich zu machen.

»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander,

sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn in

Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen Zitronen- und

Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt waren. »Achtung,«

sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und Nägel. Habe mir gestern erst

einen eingetreten.«

»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen ein

militärischer Verlag.«

Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her, und

unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür

gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht nebeneinander

lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte mit Hülfe von vier

oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große Hinterstube, die gelb gestrichen und

halb verblakt und nach Art aller »Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten

war. Ueberall, an niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene

Ledersophas, mit kleinen und großen Tischen davor, und nur eine Stelle war da,

wo dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen

überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus tagein

auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein Wort) in

einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller hinunterrief, dessen

Fallthür immer offen stand.

Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber

gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger

war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die Wein-

und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber nach Hummer.

Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm gefiel; er schob also

die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste, was ich von einem solchen

hundstäglichen April erwarten kann, sind Maikräuter, Asperula odorata Linnéi.

Denn ich hab auch Botanisches verlegt. Von dem Vorhandensein frischer

Apfelsinen haben wir uns draußen mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für

den Mosel bürgt uns die Firma.«

Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit seinem

Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und Sander

resolvirte kurz: »Also Maibowle.«

Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre gesprochen

worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom Drehstuhl her in

das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit halber Figur aus der

Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger Junge, wurde, wie wenn auf

eine Feder gedrückt worden wäre, sofort sichtbar, übersprang diensteifrig, indem

er die Hand aufsetzte, die letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander,

den er, allem Anscheine nach, am besten kannte.

»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?«

»Gut. Sehr gut.«

»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der

Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?«

»Zu dienen, Herr Sander.«

»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister ist

nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein Brauneberger,

wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt. Apfelsinenschnitten als

bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht Kopfweh. Und nicht zu süß, und

eine Cliquot extra. Extra, sag ich. Besser ist besser.«

Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien

die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen

schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen.

»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie

Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde bleiben.

Und nun grüne Gläser.«

Alvensleben lachte. »Grüne?«

»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß es

gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger beschäftigt, und die,

neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte gehört, die sich, wir mögen es

anfangen wie wir wollen, durch unser Leben hinziehen. Die Farbe des Weins

geht verloren, aber die Farbe des Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das

festliche Gesammtkolorit. Und dies erscheint mir als der wichtigere Punkt.

Unser Essen und Trinken, so weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient,

muß mehr und mehr zur symbolischen Handlung werden, und ich begreife

Zeiten des späteren Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen

mehr bedeuteten, als das Mahl selbst.«

»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich

Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.«

»Die Sie schließlich doch bezahlen.«

»Ah, das erste Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen entdecke.

Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange Nostitz aus der

Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein Ende ....«

Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs,

eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der längste

Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen stammte, seiner

sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede beim Elite-Regiment

Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen kleinen Reste von

Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war. Ein tollkühner Reiter und

ein noch tollkühnerer Kour- und Schuldenmacher, war er seit lang ein

Allerbeliebtester im Regiment, so beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein

anderer war als Prinz Louis, bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten hatte.

Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst

als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf all das,

was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den Carayons

geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz nachsehen wollte, ob

die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck schon wieder schreit, und ob

die Schulmeisterstochter noch so lange flachsblonde Flechten hat, wie voriges

Jahr. Ein reizendes Kind. Ich lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir

steigen dann in den Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte

Glockeninschriften habe. Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme

Alles entziffern läßt. Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten

Stunden.«

»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn neben

einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht bestehn. Und

nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am Ende brünett. Und

blond geht immer vor schwarz.«

»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort. »Es

hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich ebenfalls zu

Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie sie nennen, wird

siebenunddreißig, bei welcher Addition ich wahrscheinlich galant genug bin, ihr

ihre vier Ehejahre halb statt doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der

über kurz oder lang in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine

Geheimnisse zu befragen.«

»Wie das?« fragte Bülow.

»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es

gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn das

Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes, glaub'

ich. C'est le premier pas, qui coûte ....«

»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«

»Sonst nicht gerade mein Fehler.«

»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber

Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. Schach ist

eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr aussetzen mag, wenigstens

manche psychologische Probleme stellt. Ich habe beispielsweise keinen

Menschen kennen gelernt, bei dem alles so ganz und gar auf das Aesthetische

zurückzuführen wäre, womit es vielleicht in einem gewissen Zusammenhange

steht, daß er überspannte Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens

von einer Ehe, wie er sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von

meinem Leben überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn

ein Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »Victoire.«

»Wie das?«

»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter

gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter scheitern. Er

fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt, und erschrickt vor

dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit ihrer

Unnormalität in irgend welche Verbindung gebracht zu sehen. Er ist krankhaft

abhängig, abhängig bis zur Schwäche, von dem Urtheile der Menschen, speziell

seiner Standesgenossen, und würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend

einer Prinzessin oder auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine

Tochter vorzustellen.«

»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«

»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu

behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu sehr auf

dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach nicht dulden.

Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie Victoire, ja, sie liebt diese

noch um ein gut Theil mehr. Es ist ein absolut ideales Verhältniß zwischen

Mutter und Tochter, und gerade dies Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth

gemacht hat und noch macht.«

»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu besondrer

Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie hat den ganzen

Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre Schwächen sind reizend und

liebenswürdig. Und daneben dieser Schach! Er mag seine Meriten haben,

meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein Pedant und Wichtigthuer, und

zugleich die Verkörperung jener preußischen Beschränktheit, die nur drei

Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die Welt ruht nicht sichrer auf den

Schultern des Atlas, als der preußische Staat auf den Schultern der preußischen

Armee«, zweites Hauptstück »der preußische Infanterieangriff ist

unwiderstehlich«, und drittens und letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so

lange das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch

das Regiment Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich

verabscheue solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit

solcher Rodomontaden erkennen wird.«

»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer Besten.«

»Um so schlimmer.«

»Einer unsrer Besten, sag ich, und wirklich ein Guter. Er spielt nicht blos den

Ritterlichen, er ist es auch. Natürlich auf seine Weise. Jedenfalls trägt er ein

ehrliches Gesicht und keine Maske.«

»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für ihn

übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife Vornehmheit, so

langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und darin unterscheidet er sich von

uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er in den Salon tritt, oder vorm Spiegel

steht, oder beim Zubettegehn sich seine saffranfarbenen Nachthandschuh

anzieht. Sander, der ihn nicht liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn

haben.«

»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und

Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius zum

Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen, besagtem

Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche Gutschreibung

mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die Beförderung. Aber

gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und Beförderungen wird es nicht

auffallen, wenn ich die Gefühle dieser Stunde, zugleich aber den von mir

geforderten Entscheid und Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine

Majestät der Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«

»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die

ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen Stiefeln!

Aber meinetwegen, er lebe!«

»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät

getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun Fritz, die

Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche arrangire.«

»In besten Händen,« sagte Nostitz.

Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte vom

Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter im Anzug,

und die ersten großen Tropfen fielen bereits.

»Hâtez-vous.«

Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und auf

nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen.