Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 13 von 24

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Schach von Wuthenow

Zwölftes Kapitel. Schach bei Frau von Carayon.

Zwölftes Kapitel.

 

Schach bei Frau von Carayon.

 

Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und

sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen ruhig-

glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen, Kind. Ich kenn

ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art aller schönen Männer, aber

von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und einer untadligen Gesinnung.«

In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der alte

Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.«

Frau von Carayon nickte zustimmend.

»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire.

»Weil Du's geträumt?«

»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit weiß

ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er erscheinen wird.

Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine Neuigkeit vorliegt, über

die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer intimen Unterhaltung mit mir aus

dem Wege. So kam er nach der Aufführung des Stücks, und heute kommt er

nach der Aufführung der Schlittenfahrt. Ich bin doch begierig, ob er mit dabei

war. War er's, so sag ihm, wie sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber

nicht.«

Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut,

viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die Tochter und ging

über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer wartete.

Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand zu

küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen

verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf einen

der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein Fußkissen heran, und

nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.

»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen

gefunden hat oder nicht.«

»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend, und

Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«

»Ein Gefühl, das ich theile.«

»So waren Sie nicht mit von der Partie?«

»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu

müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure Josephine,

kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und seinen Verfasser

sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch heut. Ernste Dinge fordern

auch eine ernste Behandlung, und es freut mich aufrichtig, Victoiren auf meiner

Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?«

»Zu Bett.«

»Ich hoffe nichts Ernstliches.«

»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem

sie gestern Abend befallen wurde.«

»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem

Herzen.«

»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem Degoût

über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die Zunge; sie

brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß an, ein Geheimniß,

das Sie kennen.«

Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.

»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine Hand

nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah: »lieber

Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen oder gar eine

Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten verhaßt sind, gehört

auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in der Welt gelebt, kenne die

Welt, und habe manches an meinem eignen Herzen erfahren. Und wär ich

heuchlerisch genug, es vor mir und andern verbergen zu wollen, wie könnt ich es

vor Ihnen?«

Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre Stirn

berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: »Freilich es giebt

ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch von der Linken, die nicht

wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten, daß das Heute nicht wissen soll,

was das Gestern that. Oder wohl gar das Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu

diesen Virtuosinnen des Vergessens. Ich leugne nichts, will es nicht, mag es

nicht. Und nun verurtheilen Sie mich, wenn Sie können.«

Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte.

»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil

preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung oder

Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für Josephine (Verzeihung,

Sie haben eben selbst den alten Namen wieder heraufbeschworen) so darf ich

doch nicht darauf verzichten, der Anwalt der Frau von Carayon zu sein, ihres

Hauses und ihres Namens.«

Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu. »Noch

einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen habe.

Victoire hat mich gebeten, über alles zu schweigen, nichts zu verrathen, auch

Ihnen nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für eine halbe Schuld (und ich

rechne hoch, wenn ich von einer halben Schuld spreche) will sie die ganze

tragen, auch vor der Welt, und will sich in jenem romantischen Zuge, der ihr

eigen ist, aus ihrem Unglück ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem

Hochgefühl des Opfers, in einem süßen Hinsterben für den, den sie liebt, und für

das, was sie lieben wird. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so

bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu willen zu

sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich erfülle, deren

Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, und ich habe nicht

Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten Tochter zur Liebe meine

gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu bringen. Mit andern Worten, ich

habe nicht Lust ins Kloster zu gehen oder die dem Irdischen entrückte

Säulenheilige zu spielen, auch nicht um Victoirens willen. Und so muß ich denn

auf Legitimisirung des Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war

es, was ich Ihnen zu sagen hatte.«

Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu sammeln,

erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben seine natürliche

Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich nicht zu entziehen.

Wenn ihm das, was er jetzt wisse, bereits früher bekannt geworden sei, würd er

um eben die Schritte, die Frau von Carayon jetzt fordere, seinerseits aus freien

Stücken gebeten haben. Er habe den Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben,

und von einer solchen langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe

momentan eine gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit,

daß er sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen

Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter, das sei die

beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen Glücks.«

All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich

auch mit einer bemerkenswerthen Kühle.

Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen, sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war weder

die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg, erwiderte sie

spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr von Schach, ganz

besonders auch für das, was sich darin an meine Person richtete. Daß Ihr ›ja‹

rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen können, empfinden Sie wohl am

eignen Herzen. Aber gleichviel, mir genügt das ›Ja‹. Denn wonach dürst ich

denn am Ende? Nach einer Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will

mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann

erst unsren Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten – denn

ein wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante

Margueritens willen – nun so geb ich Ihnen carte blanche, Sie sind dann wieder

frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in Haß und Liebe, denn

es ist dann einfach geschehen, was geschehen mußte.«

Schach schwieg.

»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden wir

uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die Kranke wartet

jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.«

Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach

in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gesprochen

worden wäre.