Schach von Wuthenow
Fünfzehntes Kapitel. Die Schachs und die Carayons.
Fünfzehntes Kapitel.
Die Schachs und die Carayons.
Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien Tante
Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im Laufe der
Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja Karrikatüren
erschienen sein?«
Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire fragte: »was
denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren, liebes Kind. Ich weiß es
ganz genau.« Und damit ließ man den Gesprächsgegenstand fallen.
Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott- und
Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung brachten; aber für
den Drittbetheiligten, für Schach, war es ebenso gewiß ein Unglück und eine
Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von Carayon, als deren schönster
Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten konnte, nur die kleinste Vorstellung von
all dem Leid gehabt, das, die ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet
worden war, so würde sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand
genommen, aber ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme
gespendet haben; ohne jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen
vorgefallen war, aigrirte sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von
dem Augenblick an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über
seinen »Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und
unschmeichelhaftesten Ausdrücken.
Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend
noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich Alvensleben bei
den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft peinlich war, zog sich
zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und empfing ihn mit besondrer
Herzlichkeit.
»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich freue,
Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von Dingen hat
sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft blieben, als man
Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal
verdorben.«
»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
ablehnen sollte.«
»Und weshalb?«
»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar vorher abgelehnt hatte.
Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen zu
treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als seinen
Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich wieder zurief:
›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als Schach II. in die Rang- und
Quartierliste kommen‹.«
»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«
»Aber nicht besser.«
»Wer weiß.«
»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon
einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon hörte,
seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«
»Seine Wuthenower Tage?«
»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in sein
altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß
es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie wollte
mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das Gespräch über
allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher Gelegenheit Alvensleben
zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der Haupttagesneuigkeit, von dem
Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste wußte. Wirklich, es war der Frau von
Carayon auch in der zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in
den Sinn gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete
hören zu wollen.
Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, in
Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu machen. Denn
eine Flucht war es.
Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird eintreffen und
über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du wirst sehn, daß Du
Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast,
als recht und billig war.«
Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist eitel
und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends überschraubt. Er
verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er will Einfluß haben und zieht
sich im Stillen irgend einen politischen oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß.
Was mich aber am meisten verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen
Obotritenadel besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas
ganz Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
»Und thut damit nicht mehr, als was alle thun .... Und die Schachs sind doch
wirklich eine alte Familie.«
»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen
Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier überall.
Aber was soll uns das? Oder zum wenigsten was soll es Dir? An mir hätt er
vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, der kleinen
Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du Victoire, Du; Du bist nicht blos
meine Tochter, Du bist auch Deines Vaters Tochter, Du bist eine Carayon!«
Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich doch
selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße Victoire, die
Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater ab und dank ihm von
Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem er mich zur Verzweiflung
gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt hat, eine willkommene Waffe
gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach! Was
ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht und will sie nicht kennen, aber ich
wette diese meine Broche gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze
Geschlecht auf die Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts
übrig bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich diese Leute
kennen!«
»Aber, Mama ....«
»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel und
nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch im
Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder ging.
Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon! Sie hatten ihre Schlösser,
beiläufig wirkliche Schlösser, so blos armselig an der Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern fielen unter der Guillotine, weil
sie treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des
Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten.«
Immer verwunderter folgte Victoire.
»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von Jüngstgeschehenem
sprechen, will nicht sprechen von heute. Denn ich weiß wohl, das von Heutesein
ist immer ein Verbrechen in den Augen derer, die schon gestern da waren,
gleichviel wie. Nein, ich will von alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste
Schach ins Land und an den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog,
und eine lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
die Carayons, ces pauvres et malheureux Carayon, mit vor Jerusalem und
eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an ihren
Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch
Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, dessen erlauchter
Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und endlich König von Cypern
war, da waren wir mit einem Königshause versippt und verschwägert, mit den
Lusignans, aus deren großem Hause die schöne Melusine kam, unglücklichen
aber Gott sei Dank unprosaischen Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir
ganz andere Dinge gesehn haben, will sich dieser Schach abwenden und sich
hochmüthig zurückziehn? Unsrer will er sich schämen? Er, Schach. Will er es
als Schach, oder will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es
denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und
Wuthenow ist eine Lehmkathe.«
»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
Seite hin. Und da find ich es auch.«
Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie
leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine Mama. Und
nur Eines ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte Dich auch lieben!
Schon um Deiner Demuth willen.«
Victoire lächelte.
»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,
beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du bist nicht so verarmt. Und
auch er ....«
Sie stockte.
»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in welch
enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner Schönheit auf
dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin, davon blieb Dir,
und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen Zügen nachzugehen den
Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu verpflichtet ist, so ist er's! Aber er sträubt sich, denn so hautain er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher
Aufmerker. Er hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut
(wir müssen's), so heiß ich das Feigheit und lâcheté. Aber er soll mir Rede stehn.
Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so gewiß er uns
demüthigen wollte.«
Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer
zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.
»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für einen
Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine Veranlassung,
Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu zu
bestreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner Tochter gegenüberstellen. Und so
gestatten Sie mir denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung
des Verlöbnisses, für morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf
diese Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh
nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige Schritte. So
sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu geschweigen, die von
diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht sein würde, mich daran
zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, die Sie, das Mindeste zu sagen,
nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der
Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.
Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.