Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 16 von 24

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Schach von Wuthenow

Fünfzehntes Kapitel. Die Schachs und die Carayons.

Fünfzehntes Kapitel.

 

Die Schachs und die Carayons.

 

Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts

von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien Tante

Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im Laufe der

Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja Karrikatüren

erschienen sein?«

Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen

zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire fragte: »was

denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren, liebes Kind. Ich weiß es

ganz genau.« Und damit ließ man den Gesprächsgegenstand fallen.

Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott- und

Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung brachten; aber für

den Drittbetheiligten, für Schach, war es ebenso gewiß ein Unglück und eine

Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von Carayon, als deren schönster

Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten konnte, nur die kleinste Vorstellung von

all dem Leid gehabt, das, die ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet

worden war, so würde sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand

genommen, aber ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme

gespendet haben; ohne jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen

vorgefallen war, aigrirte sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von

dem Augenblick an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über

seinen »Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und

unschmeichelhaftesten Ausdrücken.

Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend

noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich Alvensleben bei

den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft peinlich war, zog sich

zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und empfing ihn mit besondrer

Herzlichkeit.

»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich freue,

Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von Dingen hat

sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft blieben, als man

Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal

verdorben.«

»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich

ablehnen sollte.«

»Und weshalb?«

»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar vorher abgelehnt hatte.

Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen zu

treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als seinen

Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich wieder zurief:

›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als Schach II. in die Rang- und

Quartierliste kommen‹.«

»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«

»Aber nicht besser.«

»Wer weiß.«

»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon

einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon hörte,

seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«

»Seine Wuthenower Tage?«

»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht

davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in sein

altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß

es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«

»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie wollte

mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das Gespräch über

allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher Gelegenheit Alvensleben

zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der Haupttagesneuigkeit, von dem

Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste wußte. Wirklich, es war der Frau von

Carayon auch in der zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in

den Sinn gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete

hören zu wollen.

Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges

nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, in

Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu machen. Denn

eine Flucht war es.

Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht

oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.

»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird eintreffen und

über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du wirst sehn, daß Du

Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast,

als recht und billig war.«

Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.

»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist eitel

und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends überschraubt. Er

verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er will Einfluß haben und zieht

sich im Stillen irgend einen politischen oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß.

Was mich aber am meisten verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen

Obotritenadel besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas

ganz Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«

»Und thut damit nicht mehr, als was alle thun .... Und die Schachs sind doch

wirklich eine alte Familie.«

»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen

Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier überall.

Aber was soll uns das? Oder zum wenigsten was soll es Dir? An mir hätt er

vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, der kleinen

Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du Victoire, Du; Du bist nicht blos

meine Tochter, Du bist auch Deines Vaters Tochter, Du bist eine Carayon!«

Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.

»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich doch

selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße Victoire, die

Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater ab und dank ihm von

Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem er mich zur Verzweiflung

gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt hat, eine willkommene Waffe

gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach! Was

ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht und will sie nicht kennen, aber ich

wette diese meine Broche gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze

Geschlecht auf die Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts

übrig bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle

devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich diese Leute

kennen!«

»Aber, Mama ....«

»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel und

nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch im

Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder ging.

Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon! Sie hatten ihre Schlösser,

beiläufig wirkliche Schlösser, so blos armselig an der Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern fielen unter der Guillotine, weil

sie treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des

Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten.«

Immer verwunderter folgte Victoire.

»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von Jüngstgeschehenem

sprechen, will nicht sprechen von heute. Denn ich weiß wohl, das von Heutesein

ist immer ein Verbrechen in den Augen derer, die schon gestern da waren,

gleichviel wie. Nein, ich will von alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste

Schach ins Land und an den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog,

und eine lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen

die Carayons, ces pauvres et malheureux Carayon, mit vor Jerusalem und

eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an ihren

Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch

Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, dessen erlauchter

Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und endlich König von Cypern

war, da waren wir mit einem Königshause versippt und verschwägert, mit den

Lusignans, aus deren großem Hause die schöne Melusine kam, unglücklichen

aber Gott sei Dank unprosaischen Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir

ganz andere Dinge gesehn haben, will sich dieser Schach abwenden und sich

hochmüthig zurückziehn? Unsrer will er sich schämen? Er, Schach. Will er es

als Schach, oder will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es

denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und

Wuthenow ist eine Lehmkathe.«

»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern

Seite hin. Und da find ich es auch.«

Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie

leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine Mama. Und

nur Eines ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte Dich auch lieben!

Schon um Deiner Demuth willen.«

Victoire lächelte.

»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,

beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du bist nicht so verarmt. Und

auch er ....«

Sie stockte.

»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in welch

enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner Schönheit auf

dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin, davon blieb Dir,

und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen Zügen nachzugehen den

Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu verpflichtet ist, so ist er's! Aber er sträubt sich, denn so hautain er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher

Aufmerker. Er hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut

(wir müssen's), so heiß ich das Feigheit und lâcheté. Aber er soll mir Rede stehn.

Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so gewiß er uns

demüthigen wollte.«

Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer

zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.

»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein

Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für einen

Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine Veranlassung,

Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu zu

bestreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner Tochter gegenüberstellen. Und so

gestatten Sie mir denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung

des Verlöbnisses, für morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf

diese Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh

nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige Schritte. So

sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu geschweigen, die von

diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht sein würde, mich daran

zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, die Sie, das Mindeste zu sagen,

nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«

Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der

Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.

Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.