Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 6 von 24

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Schach von Wuthenow

Fünftes Kapitel. Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.

Fünftes Kapitel.

 

Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.

 

Berlin, den 3. Mai. Ma chère Lisette.

Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob ich es

anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die mir so ganz

eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der Deinige. Gesund,

wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen Wissens- und Bildungsmaß,

das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig vermeidet. Wobei ein »Zuviel«

das vielleicht noch gefährlichere ist. Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die

Forderung zu stellen »Du sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe

das beinah täglich bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und

liebenswürdigen Gatten wenig Dank, daß er über Politik und französische

Zeitungen die Visiten und Toiletten vergißt.

Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein

Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert Seen

und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat könne Dich

leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann immer der Anfang zu

Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und davor, so hab ich mir

sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich sehe zu meiner herzlichen

Freude, daß Du auch dieser Gefahr entgangen bist, und daß die Birken, die Dein

Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien und keine Trauerbirken sind. A propos über

das Birkenwasser mußt Du mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen,

die mich immer neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis

diesen Augenblick versagt geblieben ist.

Und nun soll ich Dir über uns berichten. Du frägst theilnehmend nach all und

jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester Prinzessin und

neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir gerade davon erzählen,

denn es sind keine drei Tage, daß wir (wenigstens von diesen Verwechslungen)

ein gerüttelt und geschüttelt Maß gehabt haben.

Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von Schach mit uns machte, nach

Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte, weil es ihr

Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in unsrem Hause sehn.

Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie, beim Anblick einiger

Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht nur beständig auf Ausrottung

des Aberglaubens drang, sondern sich mit eben diesem Anliegen auch

regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser im Konsistorium säße. Und da

leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend oder Untugend habe, mir alles gleich

leibhaftig vorzustellen) während des Schreibens die Feder hin, um mich erst

herzlich auszulachen. Au fond freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im

ersten Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und

wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was Bülow so

sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied der Meinungen.

Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow

anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser

Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn

schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht fehlt.

Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn. Hätt ich es

nicht gelernt, wie könnt ich leben, ich, die ich so gern lebe! Eine Schwäche, die

(wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben sollen, von denen man es am

wenigsten begreift.

Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir

davon zu erzählen.

Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem Dorf

in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war arrangirt, und

zwar durch mich. Ich ließ beide zurück, weil ich eine Aussprache (Du weißt

welche) zwischen beiden herbeiführen wollte. Solche stillen Abende, wo man

über Feld schreitet, und nichts hört als das Anschlagen der Abendglocke, heben

uns über kleine Rücksichten fort und machen uns freier. Und sind wir erst das,

so findet sich auch das rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde,

weiß ich nicht, jedenfalls nicht das, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten

wir in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben,

und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und führte

mich. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir ebenso wohlthat, als

er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der Erinnerung geblieben, und

giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir wieder am Eingange des Dorfes

waren, wurd er schweigsamer, und wartete auf die Mama. Dann bot er ihr den

Arm, und so gingen sie durch das Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die

Wagen hielten und viele Leute versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich

gewesen sei, mit mir und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In

seiner Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm unmöglich,

sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein spöttisches Lächeln

verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er ist, so schwach und abhängig

ist er in diesem einen Punkte. Vor niemandem in der Welt, auch vor der Mama

nicht, würd ich ein solches Bekenntniß ablegen, aber Dir gegenüber mußt ich es.

Hab ich Unrecht, so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht

habe, so halte mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert,

daß ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit

unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß Männer nicht

eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir scheint dies übertrieben.

Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet Schach eine Ausnahme. Ich hasse

das Wort »ritterlich« und habe doch kein anderes für ihn. Eines ist er vielleicht

noch mehr, diskret, imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte

sich mir das erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen

wünsche, so würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu

ihm hinein zu finden.

Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich

meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die beste

Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich empfinde dies

jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm dieser überlegen ist,

so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei fällt mir mitunter auf, wie der

Groll, der sich in unserm Freunde regt, ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja,

selbst Esprit verleiht. Gestern hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst,

den Bülowschen Sancho Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen

ergeben sich von selbst, und ich find es nicht übel.

Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit

unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur. Außer von

Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen, die von den

Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes ausgepriesen werden.

Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist aufs neue, daß wer den

Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. Schach ist empört über dies

anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und wendet sich wieder seinen alten

Liebhabereien zu, Kupferstichen und Rennpferden. Sein kleiner Groom wird

immer kleiner. Was bei den Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den

Grooms die kleinen Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich

ablehnend gegen beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch

eingeschnürten Füßchen, und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner

theuren Lisette. Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem

theuren Manne, der nur den einen Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama

grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, vergiß in

der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht ganz Deine, wie Du weißt

auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte Victoire.