Schach von Wuthenow
Neunzehntes Kapitel. Die Hochzeit.
Neunzehntes Kapitel.
Die Hochzeit.
Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten sich
die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen großen
Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel der
Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von Jahren
heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies erschien
thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte Konsistorialrath
Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit beizuwohnen, und saß, dem
Brautpaare gegenüber, neben der Frau von Carayon; unter den anderweit
Geladenen aber waren, außer dem Tantchen und einigen alten Freunden aus der
Generalfinanzpächterzeit her, in erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu
nennen. Auf letzteren hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der
Einladungsliste beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck
bestanden, weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei
Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war, ein
Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von dieser Seite her nicht
erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in Berlin, und hätte
wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre.
Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der
herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath gesprochen
und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu bezeichnenden
Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses, dann der Trauung
der Frau von Carayon und drittens (und zwar unter Citirung des ihr mit auf den
Lebensweg gegebenen Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht,
endlich aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den
»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich begeben
wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der Stimmung
gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich schließlich auch das zu
Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid und einem hohen
Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen zweiten Toast auf das
Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen mit dem Dessertmesser an die
Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt geblieben, und kam erst zur Geltung,
als Frau von Carayon erklärte: Tante Marguerite wünsche zu sprechen.
Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann
ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer anfänglichen
Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath hat so schön und so
lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, das über dem Felde geht
und Aehren sammelt, was auch der Text war, worüber am letzten Sonntag in der
kleinen Melonenkürche gepredigt wurde, die wieder sehr leer war, ich glaube
nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber als Tante der lieben Braut, in welcher
Beziehung ich wohl die älteste bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf
dem Wohle des jungen Paares zu trinken.«
Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft
entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen, was
sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei kleinen
Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie hab es alles
vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach Tempelhof und
den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es wohl gesehen, daß
Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten Veilchenstrauß auch noch
einen kleinen Strauß in der Hand gehalten hätte, den habe sie dem lieben
Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der Kürchenthüre präsentiren wollen.
Aber als er dann gekommen sei, habe sie das kleine Bouquet wieder
weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür auf ein Kindergrab gefallen, was
immer etwas bedeute, und auch diesmal etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie
gegen dem Aberglauben sei, so glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei
abnehmendem Mond. Und der ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr,
als wär es gestern gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so
hätte man doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die
besten Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß
die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre.
Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ seinen
Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu können, und als
bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons umhergereicht und
allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare Fee, Selbst dein Wehe
thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen Schrift unerachtet, entziffert und
verlesen worden waren, erhob man sich von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über
das Ruth-Thema, von Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden,
Neckereien, die der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee
servirt wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so
bedeutungsvoll.«
Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar
nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand des
Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender Gelegenheit,
dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach sich Freundlichkeit und
ein Hang nach Versöhnung aus.
In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern
begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine zweite
Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der Schale nahm: »Auf
ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.«
Und sie ging ihm dahin vorauf.
»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz
nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen
Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten Minuten,
und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch manches von
der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter kokettiren, aber ein
Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Ueber Victoire
kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde machen: sie liebt Sie zu sehr, um
es zu können oder zu wollen. Und Sie, lieber Schach, werden sich dieser Liebe
würdig zeigen. Sie werden ihr nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur
Demuth und Hingebung ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein
Versprechen von Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.«
Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und
tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam aus
dem zierlichen kleinen Löffel.
»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen wieder.
Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war in Tagen, die
nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr als ich es für möglich
gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen Tagen hab ich harte Worte
gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit Victoiren sprach, und noch
härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel
und bestimmbar gescholten, und habe Sie, was das Schlimmste war, der
Undankbarkeit und der lâcheté geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme
mich einer Stimmung, die mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen
konnte.«
Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt sie's
nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen gesagt und
gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser Beichte. Nun erst ist
alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen wieder frei ins Auge sehen.
Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns ohnehin schon vermißt haben.«
Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? On revient toujours à
ses premiers amours. Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend aussprechen
kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.«
Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und
sagte: »Nun, was war es?«
»Eine Liebeserklärung.«
»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr?
Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen Tochter
geben.«
Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben
und Nostitz ihnen gesellten.
In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob
er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er sammelte
sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor hinaus, wo der
kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire war ihm bis an die
Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein halber Tagesschein
flimmerte.
»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging.
Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte leise:
»Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«
Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks nicht,
auch in diesem Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder hinauf, umarmte
sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und küßte sie.
»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«
Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel die
Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter.
Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener
sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an diesem
seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres bewilligt
worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die Wilhelmsstraße einbog, gab
es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß von unten her verspürt worden
wäre.
»Damm,« sagte Groom. »What's that?«
»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter Feldwebel.«
»Oh no, Baarsch. Nich stone. 't was something .... dear me .... like shooting.«
»Schuting? Na nu.«
»Yes; pistol-shooting ....«
Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs
Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem Herrn
beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, ein dichter
Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der Ecke, nur wenig
zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das Pistol. Entsetzt warf
der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und jammerte: »Heavens, he is dead.«
Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine
Wohnung hinauf.
Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil er's
aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine
diplomatische Natur wie alle Bauern.