Schach von Wuthenow

Theodor Fontane · Kapitel 9 von 24

PDF-Seiten

Schach von Wuthenow

Achtes Kapitel. Schach und Victoire.

Achtes Kapitel.

 

Schach und Victoire.

 

Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde,

der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um

auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht davon

weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die gesammte

Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit heimgebracht

hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte, daß im Letzten

immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit beziehungsweise unsre

Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten wir als die Armee, die

Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, immer noch die

friedericianische war.

In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,

entgegen.

Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der

Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom

Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten sich die

»Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren Körben und

Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die Equipagen der

vornehmen Welt, unter diesen die Schachs, die für den heutigen Tag den

Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war. Im selben Wagen mit

ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke, früher Offizier, der, als naher

Anverwandter Schachs, die Honneurs und zugleich den militärischen Interpreten

machte. Frau von Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille

von gleicher Farbe, während von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer

Schleier im Winde flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute

sich der Huld beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich

accentuirten englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.

Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten

Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre

Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,

Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker werdenden

Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und klapperten, die

zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und

Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel begleitete den Anmarsch,

und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem mußte das Herz in patriotisch

stolzer Erregung höher schlagen. Auch die Carayons theilten das allgemeine

Gefühl, und nahmen es als bloße Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der

alte Herr von der Recke sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen

wir uns diesen Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung

eines alten Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die

Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.«

 

Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb in

ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr, ein

Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr als damals,

wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von wohlthuender

politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, Tell erschienen

gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer Zinngießer«, der, wie

Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten, um ein Erhebliches

besser als die hohe Schillersche Muse zu lärmenden Demonstrationen geeignet

war.

Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen Shawl

gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den sie kurz vor ihrer

Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke nur flüchtig gelesen

hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich, als sie von der Revue wieder

zurückgekommen war.

Es war ein Brief von Lisette.

Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie schon

vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt wissen, meine

liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß, mancher Aeußerung in

Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben schenke. Du suchst Dich und mich

zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du Dich in ein Respektsverhältniß zu S.

hineindenkst. Er würde selber lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen, ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den

Arm Deiner Mama nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie

denn auch andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich

lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht kannte,

von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire, hab ein

freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen wichtigen Punkt zu

sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich ein für allemal nicht in ein

Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten

Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich

finde, je mehr ich den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative

stehst, und entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen

gegen ihn fallen lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das

Ritterliche‹, fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben

Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer

Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein würde.

Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von Ehre, oder

man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei gutes Muthes, und halte

Dich ein für allemal versichert, Dir lügt der Spiegel. Es ist nur Eines, um

dessentwillen wir Frauen leben, wir leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber

wodurch wir es gewinnen, ist gleichgiltig.«

Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich leicht

aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie großmüthig. Arme

Worte, die von des Reichen Tische fallen.«

Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.

In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein

zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten es

Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine Neugier

überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den Vorflur hinaus.

Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu thun sei, dann aber

öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.

»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«

»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein

prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch ziemlich

scharf ....«

»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade heftig,

aber wenigstens so, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der Shawl (in den ich

bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese Tisane, von der Beate wahre

Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein als Wallensteins

Tod. Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich

auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«

»Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört. Aber nicht auf lange, nur

gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer Anfrage, mit

der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn Alvensleben schon

gesprochen haben sollte.«

»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama für

gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«

»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an

Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim Prinzen,

cercle intime, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom Theater (von was

andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen, was vielleicht eine

That war.«

»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«

»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens in

den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.«

»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das

Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer

Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«

»Ich wüßte keine liebere Strafe.«

»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....«

»Er will Sie sehen, beide, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie Sie

vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine Einladung

überbringen.«

»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen

werden.«

»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire,

dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger Herr, und

ich lieb ihn de tout mon coeur. Es bedarf keiner Worte darüber. Aber er ist ein

Licht mit einem reichlichen Schatten, oder, wenn Sie mir den Vergleich gestatten

wollen, ein Licht, das mit einem Räuber brennt. Alles in allem, er hat den

zweifelhaften Vorzug so vieler Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in

Liebesabenteuern gleich hervorragend zu sein, oder es noch runder heraus zu

sagen, er ist abwechselnd ein Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei

grundsatzlos und rücksichtslos, sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was

vielleicht das Allerschlimmste ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau

Pauline?«

»Ja.«

»Und ....«

»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als sie

verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu kümmern

und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber Schach, was würd

aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir uns innerhalb unsrer

Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen und Männlein

und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels hin prüfen wollten? Etwa durch

eine Wasser- und Feuerprobe. Die Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt,

gilt, was sie verwirft, ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der

Prinz ist ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«

»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«

»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:

›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der

Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu haben.

Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten vorüber, und

freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und Geschlechts

erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man mir zuerst

huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine Sklavin. Oder doch

abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«

Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über sie

gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder

Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein aufblitzendes

Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer trotzigen Entschlossenheit.

Er versuchte jedoch sich in den leichten Ton, in dem ihr Gespräch begonnen

hatte, zurückzufinden, und sagte: »Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte

wetten, es ist ein Band Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht

mit dem Dichter.«

»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich mehr interessirt.«

»Und wer, wenn ich neugierig sein darf?«

»Mirabeau.«

»Und warum mehr?«

»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer unser

Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein spezieller

Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das schöne Kind,‹ hieß

es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin, hin wie .... wie ....«

»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.«

»Ich will es aber, und würde den Namen meines Gefährten und

Leidensgenossen zu meinem eigenen machen, wenn ich es könnte. Victoire Mirabeau de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt schön

und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es Wunderhold.«

Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit klang

vor.

»Sie dürfen so nicht lachen, Victoire, nicht so. Das kleidet Ihnen nicht, das

verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, – verhäßlicht Sie. Der Prinz hatte

doch Recht, als er enthusiastisch von Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und

der Farbe. Was allein gilt, ist das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper

schafft oder ihn durchleuchtet und verklärt.«

Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost schüttelte

sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre Hand, die eiskalt

war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.

»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst, und

sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben sucht und an

Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie, fassen Sie sich und

glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und Liebe. War ich denn blind? In

dem bittren Wort, in dem Sie sich demüthigen wollten, in eben diesem Worte

haben Sie's getroffen, ein für allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja

Mirabelle, ja Wunderhold!«

Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es

sich in Trotz zu waffnen suchte.

Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.

 

Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire,

die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans Fenster und

sah auf die Straße.

»Was erregt Dich?«

»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«

»Du hörst zu fein.«

Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen der

Frau von Carayon vor.

»Verlassen Sie mich .... Bitte.«

»Bis auf morgen.«

Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von

Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer und

Korridor.

Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs her fiel

ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das Glück war ihm

hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die Treppenbrüstung vorsprang, theilte

den schmalen Vorflur in zwei Hälften, und hinter diesen Pfeiler trat er und

wartete.

Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama.

»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!«

Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es in

ihm. »Das alte Lied.«

Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen

Victoire.

Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und geräuschlos

die Treppe hinunter.