Schein und Sein: Nachgelassene Gedichte

Wilhelm Busch · Kapitel 63 von 67

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Schein und Sein: Nachgelassene Gedichte

Am Vorabend von Rosens Geburtstag.

 

Lauschend am Fenster sitzt der Poet. –

Draußen die Blumen und Pflänzchen

Halten ihr Abendkränzchen

Auf dem Gartenbeet.

Der Mond in Silberlivree,

Leise geschäftig,

Kredenzt den Thau, den Blüthenthee,

Anregend und kräftig.

Und von Kelch zu Kelche

Geht ein Geflüster:

Also morgen ist er!

 

Frau Ehrenpreis (Veronika).

 

Ja, morgen feiert sie

Ihren werthen Entsprießungstag –

 

Taubnessel (mit dem Hörrohr).

 

Hä was? Hä welche?

 

Frau Ehrenpreis (lauter).

 

– – Drüben im Garten die schöne Frau Rose – –

 

Taubnessel.

 

Ah! mit den zwei Knospen die!

 

Frau Ehrenpreis.

 

– – die tadel- und dornenlose – –

 

Distel (für sich).

Wer's glauben mag!

 

Frau Ehrenpreis.

 

– Von Duft und Glanz umwoben.

 

Distel.

 

Man weiß, man weiß!

Die gute Frau Ehrenpreis

Muß immer loben.

Und doch hat unser Röschen, das feine

Allerlei kleine

Grillen und Räupchen

Unter dem zierlichen Häubchen.

 

Gänseblümchen.

 

Oh wie reizend!

 

Distel.

 

Bald steht sie da so mildiglich

Und senkt die Blätter,

Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich,

Je nach dem Wetter.

 

Gänseblümchen.

 

Oh wie reizend!

 

Klatschrose.

 

Ja reizend, das wollt ich meinen!

Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn,

Den Rittersporn und den Baldrian

Dort wachsen und erscheinen.

 

Gänseblümchen.

Oh wie reizend!

 

Klatschrose.

 

Ja reizend, ganz recht!

Und dann dieser Musenknecht,

Dieser Dichter –

 

Distel.

 

Der Versetrichter –

 

Klatschrose.

 

– mit den langen Locken –

 

Distel.

 

– mit dem Loch im Socken.

 

Gänseblümchen.

 

Oh wie reizend!

 

Klatschrose.

 

Alltäglich kläglich mit Gefühl

In ihrer Nähe

Entlockt er seinem Saitenspiel

Lieblich Getön

Und singt so schön –

 

Distel.

 

– wie 'ne Mantelkrähe.

 

Klatschrose.

 

Zum Beispiel, noch gestern – –

 

Lilie (sanft).

Geliebte Schwestern! –

 

Frau Ehrenpreis.

 

Ihr Muster der Milde!

Ihr Tugendgebilde!

 

Lilie.

 

Wen sollte der festliche Tag nicht rühren!

Ich denke doch – –

 

Levkoje, Tulpe, Päonie, Flox etc.

 

Ja ja, wir alle gratuliren!!

 

Frau Ehrenpreis.

 

Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte,

Ein hochgeschickter –

Fräulein Federnelke –

 

Federnelke.

 

Oh, bitte!

 

Distel (für sich).

 

Blaustrumpf, verrückter!

 

Frau Ehrenpreis.

 

– – Federnelke, die wundersame,

So lautet ihr holder botanischer Name.

Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen

Und schreibt und dichtet ein Billet,

Duftend, geistvoll und nett.

Das möge dann die dienende Biene,

Unsere süße geflügelte Schleckerkathrine,

Hinschwebend im frühesten Morgenwind, Dem hohen Geburtstagskind

Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen.

 

Gänseblümchen.

 

Oh wie reizend!

 

Federnelke (schreibt und liest).

 

»Veredelte Rose und Nachbarin!

»Nehmet dies Brieflein gnädig hin,

»Sintemalen dasselbe geschrieben

»Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben.

»Verleihe der Himmel Euer Gnaden

»Beständig ein sanftes Sonnenlicht

»Und frischen Thau und meinetwegen

»Auch hie und da ein wenig Regen,

»Nur Sturmwind nicht,

»Denn dieser thut der Schönheit Schaden.

»Ergebenst mit Herz und Honigmund

»Das Blumenkränzchen: Tugendbund.«

 

Gänseblümchen.

 

Oh wie reizend!

 

Federnelke.

 

Ich denke, es macht sich so!

 

Alle.

 

Bravo bravissimo!

 

Mond.

 

Noch 'n Täßchen Thee gefällig?

 

Levkoje.

Ich trank schon drei.

 

Flox.

 

Ich fünf.

 

Tulpe.

 

Ich acht.

 

Päonie.

 

Mein Mieder kracht!

 

Alle.

 

Gute Nacht, gute Nacht!

 

(Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet, nachdem er noch einen Blick

in die Nacht hinaus gebohrt, schließt leise das Fenster.)