Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1911
Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht die Geschichte der Menschheit anders an.
1911
Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und immer weiter befruchtet? Ist irgend ein großer Mensch, dem wir etwas verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein fortschreitendes Lehren und Lernen?
Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persönlichkeit — aufhören?
Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, müssen auch ihre Götter sich mit und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer überhaupt göttliche Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre Götzen verehren.
Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur: ein Gott o p f e r t s i c h für seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich für Seite 276s e i n e W e l t. Für seinen eigenen ungeheuren tragischen Schöpfungsprozeß, Schöpfungskomplex. Oder, um die Majestät dieses Unausdenkbaren zu mildern: für den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist für den Gott, dem die Entwickelung seiner Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen steht, die von ihm selbst so verhängte und heraufgeführte Art und Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die Tragik eines Weltenschöpfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist — stark und unaufhörlich wie die Sonne —, dessen Wille es ist, selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer, durch Äonen und Äonen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, daß Sein Leid über alle Leiden der Welt das Leid all dieser Leiden übertrifft, — denn noch wie anders leidet ein Gott als ein Mensch —? Sollten wir nicht dieses Leiden des Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth?
Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung, jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance Seite 277bis zur höchsten Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als dem der allmählichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe geläuterten Vernunft.
Das ist das Fruchtbarste an großen Menschen, daß ihr Anblick den, der sie langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein beschämt. — Eine Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein — Gott für ihn sein müßte, wenn er sich wirklich in ihn versenkte.
Kein größerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu haben. Nie gut h a b e n soll er es — außer höchstens, daß ihm die Kraft zu weiteren Kämpfen wachse —; denn sonst ‚bekäme‘ er es nie ‚gut‘; dann nämlich, wenn er, nach Äonen und unzähligen Wandelungen, seinen Kosmos absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Söhne mehr zu neuem Schaffen gereift steht.
Wen Gott lieb hat, den züchtigt, den — züchtet er. Und so ward er die Welt, Sich Selbst zur — Zucht.
Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie muß es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und verarbeiten.
Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist längst da. Aber sie mußte eine Weile beiseite gelassen werden — die Seite 278ganze europäische Zivilisation geht auf dies Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erfüllt, jetzt darf sie, als eine unermeßliche Wohltat, in den Gang der westlichen Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt möglich ist, zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten, erleuchten, erlösen.
Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's bloß ein.)
Was reden wir von den alten Ägyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von u n s alten Ägyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Böhme bei der Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden abwesend?
Die Menschen sind heute so weit gesunken, daß sie sich ‚genieren‘ vom Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus, Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verpönt, wie in andern Hemd, Hose, Strümpfe; es gehört nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie nicht völlig zu ignorieren. Nur der ‚weiß‘ heute zu ‚leben‘, der in der Tat nicht mehr weiß, was leben heißt.