Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1912
Ahnten die Mütter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, — nicht Eine würde damit unbekannt bleiben wollen.
Seite 279Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres Unsägliches auf Erden — und die Menschen wollen es nicht anders und die Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst würden sie ihr Leben anders einrichten, sonst würden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen versuchen.
Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er leiden müssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in diesem gefährlichen Schöpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt. Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens lägen mehr hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief —
Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt die Tiere Ableger der Menschheit wären, zurückgebliebene Menschheit, voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu frühen Zustand festgehaltene Menschheit?
Jede Schöpfung ist ein Wagnis.
Ich hatte mich in ‚Gott‘ verloren. Aber Gott will nicht, daß wir uns in ihm verlieren, sondern daß wir uns in ihm f i n d e n , das aber heißt, daß wir Christus in uns und damit in ihm finden. Daß du den Christus in ihm, daß du dich als Christus in ihm findest.
1912.
Wer in das, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur fühlend sich versenken, nicht erkennend Seite 280eindringen will, gleicht dem Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.
Der ‚Glaube‘ — und dem entsprechend der Unglaube — an Gott gehört einer gewissen Periode der Menschheit an: er ist — im tiefsten Ernst gesprochen und den Begriff Humor so geistig wie möglich gefaßt — ein Kapitel ihres unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von Gott mögliche Maß von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern Gottesforschung, Gotteswissenschaft.
Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur fünfsinnlichen Beschränkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er w i l l es, — und wer einmal gefühlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der weiß auch, daß vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand berührt. Er weiß, daß alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenwächst, wenn es so weit ist; daß er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Maß seiner Prüfungen voll ist. Denn war auch Kant ein großer Lehrer und Erzieher, wie viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufwärts, bis dahin, wovon es heißt: La Somma Sapienza e il Primo Amore.
Seite 281Man denkt und empfindet heute nicht über die nächsten zehn, hundert, bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere nächsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig bestimmt werden könnten.
Werden wir krank, weil es einem plötzlichen Gewitterregen oder einem herabrutschenden Dachziegel so gefällt? Oder weil unsere Eltern krank waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf daß sie uns von etwas Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa — heile? Vor der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder individuellen aber zugleich viel höheren Weisheit und Erkenntnis, als deren wir uns in unserer gegenwärtigen Wiederverkörperung bewußt sind?
Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser würden nur solche Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist, entschlagen und sich zwingen, das Verständnis einer jeden Erscheinung lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden, innerlichst davon durchdrungen, daß am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos herrschen dürfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, daß ein Kosmos sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut, sicherlich Seite 282schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus zusammengestürzt wäre. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil er einer Katastrophe zum Opfer fällt. Er hat freilich gemeinhin vorher nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewußtsein glaubt — gesetzt es handelt sich nicht um Kinder — so leicht nicht an einen schlechtweg schuldlosen Menschen. Ein höheres Bewußtsein verwirft den Begriff der Schuldlosigkeit ganz, vorbehält jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine dritte Einsicht weiß, daß auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen keine Neugeburt, sondern eine Wiederverkörperung ist, also ein volles Maß von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter auszuwirken hat. Für dies Bewußtsein gibt es keine unschuldigen Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm löst sich alles in von allertiefstem Sinn durch- und überwaltete — wenn auch deshalb nicht weniger tragische — Enwickelung auf.
Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, daß ihnen dies nicht so schwer wie möglich gemacht wird und fallen soll, denn es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes billige Errungenschaften, und wie wäre er sonst auch seines Meisters und seiner Bestimmung würdig.