Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Christian Morgenstern · Kapitel 49 von 120

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Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Kapitel 1908

‚Er gibt Frieden‘ (schreibt Amiel) ‚und das Gefühl des Unendlichen,‘ Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß der Begriff des Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur solange gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende gedacht wird. Wer ‚Gott‘ siehet, stirbt.

 

Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.

 

Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.

 

Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die Worte alle ‚gleich‘ gewertet werden.

Seite 105Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben — vor oder nachher geborenen — Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und der andre hörte: Schneehaufen.

 

1908

Die gleichen Worte sind einander n i c h t gleich. Es gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro — cessus.

Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.

 

Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes Wort ist von vornherein ein — höchst individuelles — U r t e i l . Man glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.

 

Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns als — Mutter empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere ewigen — Mütter schauen und verehren dürfen.

 

In dem lateinischen Wörtchen ‚duo‘ ist nur das deutsche Du sichtbar enthalten; das ‚Ich‘ ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Seite 106Wer konversiert, der s p r i c h t nicht.

 

Zitate sind Eis für jede Stimmung.

 

Impressionismus — Eindrucktum.

 

Groß betrachtet ist alles Gespräch nur — Selbstgespräch.

 

Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja — diese Worte selbst.

 

Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite ‚die die‘ lese, so kann mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne Wort ‚welche‘ geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher und derselbe!