Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1907
Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der Menschen immer wieder zu Falle bringen. Man muß ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein muß, dahinauf sich ein namenlos geängstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und verleumden muß, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter Märchen auf offene Wunden legen müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen, das die Kulturen bisher hervorbrachten.
Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick, aber der aus jeder und gar jeder Bürgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der verfluchte Bürger, der Seite 144irre, friedlose, von jeder Gewißheit enterbte, das personifizierte Grauen vor dem Unfaßbaren, der aus Tiefe wahnsinnig werdende Mensch — das wäre der Untergang selbst. ‚Oberflächlich aus Tiefe‘ — Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln!
Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage einstweilen zurückgestellt und versucht es augenblicklich zunächst mit der Sachlichkeit. (Vergleiche z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)
1907
Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.
Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich fühlen und nennen. Und am Ende wird er sagen: Wer weiß sich mit hunderttausend Stricken gefesselter als ich?
Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt: das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am dritten Ort — aber auch am vierten und fünften? — Und wir selbst, die wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends angreifbar, nirgends verwerflich?
Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander erklären und abschätzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er nur schreiben gelernt hat.
Seite 145Man soll über einen wahrhaft großen Menschen nicht reden. Denn worüber man bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an, wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen unionibus mysticis aber kann man nur — schweigen oder doch nur in Momenten großer innerer Kraft zeugen.
Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum ist Gottes Einfalt, ist einfältig gewordene Gottheit. In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.
Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht ‚Lob‘. Tadeln, ja ganz ablehnen können und doch immer noch ehren, das heißt fühlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß, so wenig ich eine Blume in ihren inneren Organen verletzen möchte, so wenig möchte ich Dich — verletzen! das ist es.
Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege — und sei es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz verstoßender — zur Freiheit strebt.
Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer — welch grober Gedankengang! Als ob —
O, wie erniedrigt doch die ‚Konversation‘, wie verführt sie uns fortwährend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich darauf schämen, die nichts als höheres Geschwätz sind, das mit unserm Seite 146wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und Schwäche aufdeckt.
Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, — aber man muß mit diesem Bedürfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede, ausschließlich g e l i e b t sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes Leben in Beschlag nehmen, aber dafür kein Leben der Kameradschaft, sondern ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie ewige Musik oder ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur Kameradschaft, sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und unberechenbar, die Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis zu jedem möglichen Grade unegoistisch, sie ist der höchste Zustand zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und süß Werden deiner selbst.
Wann wird dies sein? Wann wird das sein? — Wann wir es uns verdient haben werden.
Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen wie im Guten.
Wer nicht auch böse sein kann — kann der wirklich tief sein?
Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch nur um deines Behagens willen im Gefängnis sitzt, Seite 147und daß auf deiner Seite viel dazu gehört, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.