Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1913
Von wie vielen geistigen Überwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon gelesen und gehört, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und — Götter Seite 283haben für ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl auch erlebt worden! Und doch fällt in der Stunde eines schweren Schicksals alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges Leben während langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat es nicht mit seinem Innenleben verknüpft, verbunden, vermählt, er war zu wenig re—ligiös. Er wuchs nicht zusammen mit jenem Höheren. Und so hat er jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm — und steht jetzt so arm wie am Anfang, ja ärmer als zuvor.
‚Hat die Religion eine Zukunft?‘ So gut, wie derjenige, der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen sein wird.
Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz führt zu Gott, alles, was darunter, in Maja.
1913
So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die Urpflanze zu wiederholen und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.
‚Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen Himmel Geister und Götter herumspuken?‘
Seite 284‚Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und überall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier in dieser Tanne oder dort in jenem Berge ‚herumspukt‘. Weder Tanne noch Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder, Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.‘
Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt, so scheint alles in schöner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die älteste wie die neuste Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen, nämlich auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach dem Bilde der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren Normaltypus für alle Zeiten und Länder festgesetzt hat.
Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch verwandelt sich fortwährend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Maße, wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn langsam wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht seiner vollen Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das Bewußtwerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst, als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen kosmischen Hierarchie. Seite 285Daß die Welt eine — richtig verstanden — Gedachtheit Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil u n s e r e Gedanken so blaß und schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.
Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schönste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.
Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche Schöpfung? Dieser Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen Grundgedanken? Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?
Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung aus dem Nichts ist! — ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und Stufenfolgen von Helfern desselben — noch weit zu dem Gedanken, daß hinter allem und jedem — Geist steckt und nicht bloß alleiner, unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendfältig gearteter, gestufter Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze und Mineral mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als ein Schritt zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne, nein, zur Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer geben — müsse, in jene Geisterwelt offenen Sinnes hineinzudringen …