Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1910
Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: — Geistige Austern. Seite 91Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Büchern — verkennen.
Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die napoleonische Natur deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr Müller also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons — nicht liebt.
1910
Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.
Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen Erkenntnismitteln den Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er ward damit der letzte große deutsche Philosoph — ante Christum natum. Er war, um in seiner Manier zu reden, der letzte — Ante-Christ.
1911
Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der ‚Bildung‘. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.
1912
Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht und was — nicht nur wie — gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in höherem Sinne unfruchtbar. Ich wäge meine Worte, Seite 92denn wenn je einer, habe ich Nietzsche e r l e b t . Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch, worin er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner Größe als Mensch; nicht in der, ach nur allzu zeitgemäßen, Art seiner Philosophie. Die war Abendröte, nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die — Nacht.