Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Christian Morgenstern · Kapitel 68 von 120

PDF-Seiten

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Kapitel 1906

Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.

 

 

Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.

 

1906

Tugend — im gemeinen Sinne, nicht als virtù — ist sehr oft nur ein Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt, weshalb sie für Menschen, für die kein Grund vorliegt ein außergewöhnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit einiger Schönheit durchs Leben zu kommen.

 

Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz über die Menschen kommen, wenn sie erkennen, daß sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich hätten lieben können.

 

Seite 143Als Dank — pour un sourire de printemps. Als Dank — pour un sourire de vie.

 

Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt, mit der die Masse der Menschen ihr tägliches Arbeitslos trägt, der wird sie namenlos achten müssen, diese ‚Menge‘, trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen uns nur zu oft über sie erheben: sie kann doch nie brüderlich genug geliebt werden. Und jedenfalls soll sie beständig in unseren Gedanken wohnen, auch in denen, die ihr etwa zürnen.

 

Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und unveräußerlich die göttliche Würde.