Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Christian Morgenstern · Kapitel 14 von 120

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Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Kapitel 1906

Die Verschwendung der Natur ist zu groß. Und das ist das Bitterste: Unsere anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie namenlose gleichgültige Vögel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer prallen, um ohnmächtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan, verschwendet wie das Wesen das sie gebar.

 

Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand gewühlten Mulde beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindrücke meines Lebens ins Gedächtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, Seite 45und was hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den mächtigen Gewölberesten rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich stärker erhob, flog wohl auch ein größerer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein unheimliches und erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit, dem der gefährdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer Kultur, das vielleicht noch währen wird, wenn der Petersdom das seinige anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren ewigen Steinschlägen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen scheinen.

 

Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen Berge.

 

Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem sich zugleich Gegenstände unseres Zimmers spiegeln.

 

1906

Wie können Baumwipfel wie ein Mädchen aussehen, ja mehr noch: seinen ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so.

Ich habe heute ein paar Blumen für dich n i c h t gepflückt, um dir ihr — Leben mitzubringen.

 

Ich höre einen Vogel fortwährend ‚Chi—rur—gie‘ flöten.

 

Seite 46Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schön sind in ihrer jungen Natürlichkeit und Zärtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen kann reizender aussehen, als wenn das Männchen dem Kameraden mit seinem Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den Rücken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedürfnis. Und welches Wohlgefühl des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die sonnendurchwärmte Waldluft einsaugen mit ihren vielfältigen Reizen, von denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse für alle die kleinen und großen Töne, die eine Landschaft fortwährend erfüllen und beleben.

 

Gebell eines ‚Achtung‘-Hundes:

Nervosität durch Geschrei von Kindern

Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman) Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)

Beschimpfung (da nichts erfolgt)

Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)

Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)

(er teilt die Sache der Außenwelt mit)

Quittungen über vieles

Rivalität }

mit andern Hunden

Solidarität

Grundloser Unwille

Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.

 

Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und jede vermögen unter Seite 47Umständen alle Phasen von der ärmlichsten Häßlichkeit bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.