Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1907
Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach Westeuropa zurück.
Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich einem Feuer zu — einem Steppenbrand —, das über die Ebene wandert. Und jetzt frißt und wühlt es sich schleichend durchs knisternde Gras — und jetzt fährt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg — und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen Stoß gleich einer Säule zum Himmel und übergießt Himmel und Erde mit übergewaltigem, erschütterndem Glanz.
Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein Menschenleben gräbt sich sein Strombett und damit muß man zufrieden sein. Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht weiter gegangen. Mauthner unterschätzt das Dynamische im Genie.
Seite 77Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich den Verstand verlieren müßte, daß man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich ist das nur ein neues Kompromiß — denn anständigerweise müßte man allerdings nach ihrer Lektüre abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was wir anständig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, daß der Autor seinen Verstand behalten hat, wird genügen, den Leser zum gleichen zu veranlassen; es sei denn — daß er nur so beweisen zu können meinte, daß er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus Ehrgeiz, aus ‚Willen zur Macht‘ wahnsinnig zu werden geradezu — wünschte.
Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben können.
1907
Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.
Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus nicht so Eindruck machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und gleichgültig prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue Behauptung zunächst — ärgert.
Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen könnte. Ibsen war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern Seite 78werden erst kommen: Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und über ihm in schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer ‚Freiheit‘ auch von sich selbst — …
(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)
Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So oft man auf ihm wandert, stürzt man in den Abgrund.
Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen, dem sind sie nie geboren worden.
Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und Höhe, wenn nicht eine so große Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen wäre. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt als sie.
Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.
Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit Seite 79doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.
Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorwärts. Das macht, sie reden ohn' Unterbruch.
Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergroßes Stück Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.
In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen — und wie alles Große grausam ist — grausamen — Triumph.
Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß, der unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen meint, wird sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja im Großen nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung. Hier will ja irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer Selbstschönheit …
Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held ein Held mehr. Das gefällt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, Seite 80und überschütten die Welt mit dem überlegenen Lachen des — Kammerdieners.
Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir ist, so hat man ein Bild für den Stil des Essayisten N. Könnte man sein Buch wie eine Flasche schütteln, so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen. Da man es aber nicht schütteln kann, hat man ein dickes und schwerfälliges Getränk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk, nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte Kefir, aber weniger angenehm genießbar als der geschüttelte.