Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1897
Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, daß der Dichter nicht — gleich dem Musiker — den Teilen seiner Werke hinzufügen darf, in welchem Tempo er sie genommen wissen will.
Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem Fenster), das mit seinem freien Ende im Wasser liegt, so daß es für den stärksten Windstoß zu schwer wird, es als Fahne auszurollen: Bild für ein Künstlerschicksal.
1897
Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!
1901
Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen großen Menschen, die das Ja- und Amen-Lied im Herzen tragen, das Drama des Mittags, der Sonnenhöhe, ‚da alle Dinge rund und vollkommen‘ geworden sind.
Was soll uns Tragödie heißen und als tiefste Erregung von der Bühne herab gelten? Die Darstellung des wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine tragische Erscheinung ist, weil in allem menschlich Großen neben der großen Freude auch der große Schmerz wohnt, weil in jedem ungemeinen Schicksal das Ja und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen erklingt, weil der große Mensch eine Abbreviatur des Seite 61ganzen Weltgeheimnisses ist. Die Tragödie ist der tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von Zeit zu Zeit erschüttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst in all dem uns überbrausenden Alltag.
1905
Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unmännlich, besonders aber Dichten und Musizieren. Daher Nietzsches Vorliebe für Horaz als einen sehr männlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor allem als Mathematiker, Goethes: recht sehr als Staatsminister zu gelten.
Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr Geheimnis ist, daß sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben, das sich mit ihnen vermählt, zum Kunstwerk machen, indem sie es zu einem Bilde abtönen und feierlich umrahmen. Betritt die schlimme römische Sinnenfängerin Gesù, wann immer du willst, oder die ehrwürdige Ara Coeli oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, Gesten, Mienen, welche gehaltenen und tiefen Ausdrücke des Individuums, welche stets bedeutenden B i l d e r ! Gewiß, alles, was die Menschen zu einem bestimmten Zwecke sammelt, vereinigt sie so mit sich zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der Bahnhof, die Kaserne, das Schiff, eine Straße, ein Kornfeld im Herbst — aber wohl nichts bietet so die Gewähr eines künstlerisch abgeschlossenen und abgerundeten natürlichen Lebensgemäldes, wie die Kirche, nichts distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Glück vom kunstarmen Alltag wie sie.
Seite 62Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle Dinge vom Standpunkt des Malers aus zu betrachten.
Für Porträtmaler.
Wer einen Menschen recht erfassen will, muß ihn sehen, wenn er vom Schlaf aufwacht, mit wirrem Haar, die Züge und Glieder noch halb gelöst, noch halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne Namen, ohne Beruf — wenn auch mit all dem Bedeutenden, wodurch ihn das Leben bereichert hat. Zudem gibt es nichts, das malerischer wäre, als ein Mensch in Trikot oder langem, fließendem Hemd, ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim Abtrocknen nach dem Bade, beim Kämmen und Bürsten der Haare. Auch gebe ich allen Bildhauern und Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen geräumigen Krug mit beiden Armen unter die geöffnete Brause emporhalten zu lassen. Es ergeben sich da durch die zunehmende Schwere des Krugs eine Reihe interessanter und charakteristischer Phasen, von der ungezwungensten Pose bis zur angespanntesten.