Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Kapitel 1909
Unsere Zeit, welche die interessanten ‚Aberglauben‘ früherer Zeitalter selbstbewußt entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs weniger abergläubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der Betrachtung bedürfen, wenn spätere Geschlechter eingesehen haben werden, daß dem Menschen, unbeschadet aller begreiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundsoptiken, als letzte Hintergrundstimmung doch nur Eines ziemt: Bei Gott kein Ding für unmöglich zu halten.
1909
Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen ‚heutigen‘ Geist nur einmal von oben sehn könntet. Eure Wissenschaft, eure Kunst, euer tägliches Leben! Nicht um dies alles gering schätzen, o nein, nichts weniger als gering, sondern um es r i c h t i g schätzen zu lernen. Eine Menschheit, die zu sich selbst und ihrem Treiben noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif, so erwachsen sie sich auch sonst gebärden mag.
In und trotz aller Geschäftigkeit — wieviel Verschlafenheit, wieviel Verträumtheit! Das wacht oft ein ganzes Leben lang nicht auf. Rüttelst du aber zu unsanft, so magst du leicht einen Stoß vor die Brust bekommen, wie von einem Schlaftrunkenen, den man vorzeitig stört. Tröste dich mit diesem, ‚vorzeitig‘. Seite 136Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl auch noch nicht, m u ß wohl noch — schlafen.
Hüte dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer — Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das heißt heute, so hilft dir kein Todesgott vor dem endlichen ‚Theater über Dir‘, an dem der Philister sich sättigen muß, soll er von dir überhaupt etwas haben.