Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Christian Morgenstern · Kapitel 60 von 120

PDF-Seiten

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Kapitel 1911

Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in ihrem Schoße ruht; geht dies nicht länger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise zu vernichten.

 

Seite 126Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst vollkommene déluge après nous.

 

1911

Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: Das Züchtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße gewesen, der — könnte jemand zu sagen versucht sein — wird so leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem späteren Erdenleben).

 

Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das ‚rote Tuch‘ in dem Etwas. Nie wird gegen ‚etwas‘ vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde, so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander anrennen.

 

1912

Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht ‚wählt‘, wird leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich Seite 127nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im Parlament der Menschheit sitzen?

 

Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der Wahlurne.

 

An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten, das heißt es lieben, das allein heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen — Verfall wollen und mitbewirken.

 

Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen Seite 128werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.

 

Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling ereiferten sich unter anderem über die ‚Extravaganzen‘ der Heilsarmee. Sie hatten noch immer nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und daß es unter Umständen mehr bedeuten kann, der ‚dumme August‘ in der Manege als der Baron in der Loge zu sein.

 

Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit — auch an ihnen — verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren Seite 129Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der unsterblichen Individualität, die in ihnen verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, wird vieles Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.