Versuch einer Kritik aller Offenbarung

Johann Gottlieb Fichte · Kapitel 12 von 24

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Versuch einer Kritik aller Offenbarung

§. 6[TN7]. Materiale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer Deduktion desselben.

nicht eben den unendlichen Geist annahmen; und unter uns das Volk, das sie für

Wirkungen der Zauberer, Gespenster, und Kobolde erklärt.

 

A posteriori ist es also schlechthin unmöglich, eine Erscheinung für

Offenbarung theoretisch anzuerkennen.

 

Eben so unmöglich ist ein theoretischer Beweis a priori. Man hat nur die

Erfordernisse eines solchen Beweises zu nennen, um seine Unmöglichkeit und

seine Widersprüche zu zeigen. Es müßte nemlich aus dem durch theoretische

Naturphilosophie a priori gegebnen Begriffe von Gott die Nothwendigkeit

gezeigt werden, daß in Gott der Begriff einer gewissen empirisch-bestimmten

Offenbarung, und der Entschluß, ihn darzustellen, vorhanden sey.

 

Wir müssen, demnach die Möglichkeit, von der Seite der Form in diesen

Begriff einzudringen, und, wenn sich kein andrer Weg zeigen sollte, die reale

Möglichkeit des Begriffes selbst aufgeben. — Aber wir kamen oben, von der

Seite seiner Materie, von dem Begriffe der Religion aus, auf ihn. Wir haben also

noch vermittelst einer materialen Erörterung zu versuchen, was uns durch eine

formale nicht gelang.

 

Durch die gezeigte Unhaltbarkeit dieses Begriffs von Seiten seiner Form,

wird zugleich alles, was nicht Religion betrifft, von welcher allein er noch seine

Bestätigung erwartet, aus seinem Umfange ausgeschlossen, da zuvor über den

möglichen Inhalt einer Offenbarung nichts zu bestimmen war. Wir fügen also

diesem Begriffe noch das Merkmal hinzu, daß das in einer Offenbarung bekannt

gemachte religiösen Inhalts seyn müsse, und hiermit ist denn die Bestimmung

dieses Begriffs vollendet.

 

§. 6[TN7].

 

Materiale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung

einer Deduktion desselben.

 

Alle religiösen Begriffe lassen sich nur a priori von den Postulaten der

praktischen Vernunft ableiten, wie oben §. 3. durch die wirkliche Deduktion

derselben gezeigt worden. Da nun der Offenbarungsbegriff eine gewisse Form

solcher Begriffe zum Gegenstande haben soll, und nicht von Seiten seiner Form, (nemlich als Begriff) mithin, wenn seine reale Möglichkeit sich soll sichern

lassen, nur von Seiten seines Inhalte deducirt werden kann, so haben wie seinen

Ursprung im Felde der reinen praktischen Vernunft aufzusuchen. Er muß sich a

priori von Ideen dieser Vernunft deduciren lassen, wenn auch nicht ohne

Voraussetzung aller Erfahrung, dennoch blos mit Voraussetzung einer Erfahrung

überhaupt, und zwar ohne etwas von ihr entlehnt oder gelernt zu haben, sondern

um einer gewissen Erfahrung — die aber nicht als Erfahrung nach theoretischen,

sondern als Moment der Willensbestimmung nach praktischen Gesetzen

beurtheilt wird, und bei der es nicht um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der

gemachten Beobachtung, sondern um ihre praktischen Folgen zu thun

ist — selbst das Gesetz nach praktischen Grundsätzen vorzuschreiben. Es ist hier

nicht wie im Felde der Naturbegriffe, wo wir bei Deduktion, eines Begriffs a

priori, zeigen können und müssen, daß ohne ihn entweder Erfahrung überhaupt,

wenn er rein ist, oder eine gewisse bestimmte Erfahrung, wenn er nicht rein ist,

gar nicht möglich sey: sondern, da wir im Felde der Vernunft sind, können und

dürfen wir nur zeigen, daß ohne den Ursprung eines gewissen Begriffs a priori

keine vernunftmäßige Anerkennung einer gewissen Erfahrung für das, für was

sie sich giebt, möglich sey. Dies ist hier um so nöthiger, da dieser Begriff von

einem Wege aus, der in dieser Rücksicht schon verdächtig ist, uns wer weiß

welche Erkenntnisse im Felde des Übersinnlichen verspricht, und aller

Schwärmerei Thor und Thüre zu öffnen droht, wenn er nicht a priori ist, und wir

ihm also Gesetze vorschreiben können, an welche wir alle seine a posteriori

möglichen Anmaaßungen halten, und sie nach denselben beschränken können.

Es muß also gezeigt werden, daß dieser Begriff vernunftmäßig nur a priori

möglich sey, und daß er also die Gesetze des Princips, durch welches es möglich

ist, anerkennen müsse; oder, wenn er das nicht sey, und seine Befugnisse

gänzlich und allein a posteriori zu erweisen Anspruch mache, gänzlich falsch

und erschlichen sey, und daß von dieser Untersuchung sein ganzes Schicksal

abhange. Sie ist also der Hauptpunkt dieser Kritik.

 

Gesetzt nun aber auch, die Möglichkeit seines Ursprungs a priori, als einer

Vernunftidee, ließe sich durch eine Deduktion darthun; so bliebe immer noch

auszumachen, ob er a priori gegeben, oder gemacht, und erkünstelt sey; und wir

gestehen, daß der sonderbare Weg, den er aus der Ideen — in die Sinnenwelt,

und aus dieser wieder in jene nimmt, ihn des letztem wenigstens sehr verdächtig

mache. Sollte sich dies bestätigen, so gäbe es freilich vor's erste kein gutes

Vorurtheil für ihn; da es schon bekannt ist, daß die Vernunft im Felde des

Übersinnlichen zwar in's Unermeßliche schwärmen, und dichten; aber daraus,

daß es ihr möglich war sich etwas zu denken, noch nicht einmal die Möglichkeit folgern könne, daß dieser Idee überhaupt etwas entspreche. Es bleibt aber doch

noch ein Weg übrig, diese Idee aus den leeren Träumen der Vernunft

herauszuheben, wenn sich nemlich in der Erfahrung, und zwar — da hier von

einem praktischen Begriffe die Rede ist, — ein empirisch gegebnes praktisches

Bedürfniß zeigt, welches jenen Begriff, der a priori freilich nicht gegeben war, a

posteriori, zwar nicht giebt aber doch berechtiget. Diese Erfahrung ergänzt dann,

was zur Rechtmäßigkeit dieses Begriffs a priori fehlte; sie liefert das vermißte

Datum. Daraus nun folgt noch nicht, daß der Begriff selbst a posteriori sey,

sondern nur, daß sich a priori nicht zeigen lasse, ob er nicht überhaupt ganz leer

sey.

 

Diese Einschränkung bestimmt denn auch die wahre Beschaffenheit der

Deduktion dieses Begriffs a priori. Es soll nemlich durch dieselbe nicht

dargethan werden, daß er wirklich a priori da sey, sondern nur, daß er a priori

möglich sey; nicht daß jede Vernunft ihn nothwendig a priori haben müsse,

sondern daß sie ihn, wenn ihre Ideenreihe ohngefähr nach dieser Richtung

hingeht, haben könne. Das erstere wäre nur möglich, wenn ein Datum der reinen

Vernunft a priori angezeigt werden könnte, wie z. B. bei der Idee von Gott, vom

absoluten Weltganzen, u. s. w. die nothwendige Aufgabe der Vernunft war, zu

allem Bedingten das schlechthin Unbedingte zu suchen, welches die Vernunft

nöthigte, auf diesen Begriff zu kommen. Da aber ein solches Datum a priori sich

nicht vorfindet, so darf und kann die Deduktion desselben nur seine Möglichkeit

als [17] Idee , und insofern er das ist, zeigen. — Keine historische Deduktion also

der Entstehung dieses Begriffs unter der Menschheit, welche es auch noch so

wahrscheinlich machte, daß er zuerst durch wirkliche Fakta in der Sinnenwelt,

die man aus Unwissenheit übernatürlichen Ursachen zugeschrieben, oder durch

geflissentlichen Betrug, entstanden sey; selbst kein unwiderlegbarer Beweis, daß

keine Vernunft ohne jenes empirisch gegebne Bedürfniß je auf diese Idee

gekommen seyn würde, wenn ein solcher möglich wäre, würde dieser Deduktion

widersprechen. Denn im ersten Falle wäre der Begriff in concreto freilich ganz

unrechtmäßig entstanden, welches aber der Möglichkeit, sich einen

rechtmäßigen Ursprung desselben in abstracto zu denken, nicht den geringsten

Eintrag thun kann: im zweiten wäre jenes empirische Datum zwar die

Gelegenheitsursache gewesen, auf ihn zu kommen; wenn er aber durch den

Inhalt der gemachten Erfahrung nur nicht bestimmt ist, (und eine Deduktion a

priori muß die Unmöglichkeit hiervon zeigen) so wäre sie nicht sein Princip

gewesen. Ein andres ist die Gültigkeit dieses Begriffs, d. i. ob sich vernünftiger

Weise annehmen lasse, daß ihm etwas außer uns korrespondiren werde; diese

kann freilich nur empirisch deducirt werden, und erstreckt sich mithin nicht weiter, als das Datum gilt, aus dem sie deducirt wird. Laßt uns dies durch ein