Versuch einer Kritik aller Offenbarung
§. 6[TN7]. Materiale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer Deduktion desselben.
nicht eben den unendlichen Geist annahmen; und unter uns das Volk, das sie für
Wirkungen der Zauberer, Gespenster, und Kobolde erklärt.
A posteriori ist es also schlechthin unmöglich, eine Erscheinung für
Offenbarung theoretisch anzuerkennen.
Eben so unmöglich ist ein theoretischer Beweis a priori. Man hat nur die
Erfordernisse eines solchen Beweises zu nennen, um seine Unmöglichkeit und
seine Widersprüche zu zeigen. Es müßte nemlich aus dem durch theoretische
Naturphilosophie a priori gegebnen Begriffe von Gott die Nothwendigkeit
gezeigt werden, daß in Gott der Begriff einer gewissen empirisch-bestimmten
Offenbarung, und der Entschluß, ihn darzustellen, vorhanden sey.
Wir müssen, demnach die Möglichkeit, von der Seite der Form in diesen
Begriff einzudringen, und, wenn sich kein andrer Weg zeigen sollte, die reale
Möglichkeit des Begriffes selbst aufgeben. — Aber wir kamen oben, von der
Seite seiner Materie, von dem Begriffe der Religion aus, auf ihn. Wir haben also
noch vermittelst einer materialen Erörterung zu versuchen, was uns durch eine
formale nicht gelang.
Durch die gezeigte Unhaltbarkeit dieses Begriffs von Seiten seiner Form,
wird zugleich alles, was nicht Religion betrifft, von welcher allein er noch seine
Bestätigung erwartet, aus seinem Umfange ausgeschlossen, da zuvor über den
möglichen Inhalt einer Offenbarung nichts zu bestimmen war. Wir fügen also
diesem Begriffe noch das Merkmal hinzu, daß das in einer Offenbarung bekannt
gemachte religiösen Inhalts seyn müsse, und hiermit ist denn die Bestimmung
dieses Begriffs vollendet.
§. 6[TN7].
Materiale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung
einer Deduktion desselben.
Alle religiösen Begriffe lassen sich nur a priori von den Postulaten der
praktischen Vernunft ableiten, wie oben §. 3. durch die wirkliche Deduktion
derselben gezeigt worden. Da nun der Offenbarungsbegriff eine gewisse Form
solcher Begriffe zum Gegenstande haben soll, und nicht von Seiten seiner Form, (nemlich als Begriff) mithin, wenn seine reale Möglichkeit sich soll sichern
lassen, nur von Seiten seines Inhalte deducirt werden kann, so haben wie seinen
Ursprung im Felde der reinen praktischen Vernunft aufzusuchen. Er muß sich a
priori von Ideen dieser Vernunft deduciren lassen, wenn auch nicht ohne
Voraussetzung aller Erfahrung, dennoch blos mit Voraussetzung einer Erfahrung
überhaupt, und zwar ohne etwas von ihr entlehnt oder gelernt zu haben, sondern
um einer gewissen Erfahrung — die aber nicht als Erfahrung nach theoretischen,
sondern als Moment der Willensbestimmung nach praktischen Gesetzen
beurtheilt wird, und bei der es nicht um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der
gemachten Beobachtung, sondern um ihre praktischen Folgen zu thun
ist — selbst das Gesetz nach praktischen Grundsätzen vorzuschreiben. Es ist hier
nicht wie im Felde der Naturbegriffe, wo wir bei Deduktion, eines Begriffs a
priori, zeigen können und müssen, daß ohne ihn entweder Erfahrung überhaupt,
wenn er rein ist, oder eine gewisse bestimmte Erfahrung, wenn er nicht rein ist,
gar nicht möglich sey: sondern, da wir im Felde der Vernunft sind, können und
dürfen wir nur zeigen, daß ohne den Ursprung eines gewissen Begriffs a priori
keine vernunftmäßige Anerkennung einer gewissen Erfahrung für das, für was
sie sich giebt, möglich sey. Dies ist hier um so nöthiger, da dieser Begriff von
einem Wege aus, der in dieser Rücksicht schon verdächtig ist, uns wer weiß
welche Erkenntnisse im Felde des Übersinnlichen verspricht, und aller
Schwärmerei Thor und Thüre zu öffnen droht, wenn er nicht a priori ist, und wir
ihm also Gesetze vorschreiben können, an welche wir alle seine a posteriori
möglichen Anmaaßungen halten, und sie nach denselben beschränken können.
Es muß also gezeigt werden, daß dieser Begriff vernunftmäßig nur a priori
möglich sey, und daß er also die Gesetze des Princips, durch welches es möglich
ist, anerkennen müsse; oder, wenn er das nicht sey, und seine Befugnisse
gänzlich und allein a posteriori zu erweisen Anspruch mache, gänzlich falsch
und erschlichen sey, und daß von dieser Untersuchung sein ganzes Schicksal
abhange. Sie ist also der Hauptpunkt dieser Kritik.
Gesetzt nun aber auch, die Möglichkeit seines Ursprungs a priori, als einer
Vernunftidee, ließe sich durch eine Deduktion darthun; so bliebe immer noch
auszumachen, ob er a priori gegeben, oder gemacht, und erkünstelt sey; und wir
gestehen, daß der sonderbare Weg, den er aus der Ideen — in die Sinnenwelt,
und aus dieser wieder in jene nimmt, ihn des letztem wenigstens sehr verdächtig
mache. Sollte sich dies bestätigen, so gäbe es freilich vor's erste kein gutes
Vorurtheil für ihn; da es schon bekannt ist, daß die Vernunft im Felde des
Übersinnlichen zwar in's Unermeßliche schwärmen, und dichten; aber daraus,
daß es ihr möglich war sich etwas zu denken, noch nicht einmal die Möglichkeit folgern könne, daß dieser Idee überhaupt etwas entspreche. Es bleibt aber doch
noch ein Weg übrig, diese Idee aus den leeren Träumen der Vernunft
herauszuheben, wenn sich nemlich in der Erfahrung, und zwar — da hier von
einem praktischen Begriffe die Rede ist, — ein empirisch gegebnes praktisches
Bedürfniß zeigt, welches jenen Begriff, der a priori freilich nicht gegeben war, a
posteriori, zwar nicht giebt aber doch berechtiget. Diese Erfahrung ergänzt dann,
was zur Rechtmäßigkeit dieses Begriffs a priori fehlte; sie liefert das vermißte
Datum. Daraus nun folgt noch nicht, daß der Begriff selbst a posteriori sey,
sondern nur, daß sich a priori nicht zeigen lasse, ob er nicht überhaupt ganz leer
sey.
Diese Einschränkung bestimmt denn auch die wahre Beschaffenheit der
Deduktion dieses Begriffs a priori. Es soll nemlich durch dieselbe nicht
dargethan werden, daß er wirklich a priori da sey, sondern nur, daß er a priori
möglich sey; nicht daß jede Vernunft ihn nothwendig a priori haben müsse,
sondern daß sie ihn, wenn ihre Ideenreihe ohngefähr nach dieser Richtung
hingeht, haben könne. Das erstere wäre nur möglich, wenn ein Datum der reinen
Vernunft a priori angezeigt werden könnte, wie z. B. bei der Idee von Gott, vom
absoluten Weltganzen, u. s. w. die nothwendige Aufgabe der Vernunft war, zu
allem Bedingten das schlechthin Unbedingte zu suchen, welches die Vernunft
nöthigte, auf diesen Begriff zu kommen. Da aber ein solches Datum a priori sich
nicht vorfindet, so darf und kann die Deduktion desselben nur seine Möglichkeit
als [17] Idee , und insofern er das ist, zeigen. — Keine historische Deduktion also
der Entstehung dieses Begriffs unter der Menschheit, welche es auch noch so
wahrscheinlich machte, daß er zuerst durch wirkliche Fakta in der Sinnenwelt,
die man aus Unwissenheit übernatürlichen Ursachen zugeschrieben, oder durch
geflissentlichen Betrug, entstanden sey; selbst kein unwiderlegbarer Beweis, daß
keine Vernunft ohne jenes empirisch gegebne Bedürfniß je auf diese Idee
gekommen seyn würde, wenn ein solcher möglich wäre, würde dieser Deduktion
widersprechen. Denn im ersten Falle wäre der Begriff in concreto freilich ganz
unrechtmäßig entstanden, welches aber der Möglichkeit, sich einen
rechtmäßigen Ursprung desselben in abstracto zu denken, nicht den geringsten
Eintrag thun kann: im zweiten wäre jenes empirische Datum zwar die
Gelegenheitsursache gewesen, auf ihn zu kommen; wenn er aber durch den
Inhalt der gemachten Erfahrung nur nicht bestimmt ist, (und eine Deduktion a
priori muß die Unmöglichkeit hiervon zeigen) so wäre sie nicht sein Princip
gewesen. Ein andres ist die Gültigkeit dieses Begriffs, d. i. ob sich vernünftiger
Weise annehmen lasse, daß ihm etwas außer uns korrespondiren werde; diese
kann freilich nur empirisch deducirt werden, und erstreckt sich mithin nicht weiter, als das Datum gilt, aus dem sie deducirt wird. Laßt uns dies durch ein