Versuch einer Kritik aller Offenbarung
Schlussanmerkung.
Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, daß alles, was Spekulation ist, oder
so aussieht, sehr wenig Eindruck auf das menschliche Gemüth mache. Man wird
allenfalls angenehm dadurch beschäfftiget; man läßt sich das Resultat gefallen,
weil man nichts dagegen einwenden kann, würde aber auch nichts arges daraus
haben, wenn es anders ausgefallen wäre; denkt und handelt übrigens in
praktischer Rücksicht wie vorher, so daß der auf Spekulation gegründete Satz
wie ein todtes Kapital ohne alle Zinsen in der Seele zu liegen, scheint, und daß
man seine Anwesenheit durch nichts gewahr wird. So ging es von jeher mit den
Spekulationen der Idealisten und Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und
handelten, wie alle.
Daß gegenwärtige Spekulation, wenn sie auch etwa nicht nothwendig
praktische Folgen aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich behauptet, haben
möchte,) dennoch in Absicht des Interesse nicht so kalt und gleichgültig werde
aufgenommen werden, dafür bürgt ihr wol der Gegenstand, den sie behandelt. Es
ist nemlich in der menschlichen Seele ein nothwendiges Interesse für alles, was
auf Religion Bezug hat, und das ist denn ganz natürlich daraus zu erklären, weil
nur durch Bestimmung des Begehrungsvermögens Religion möglich geworden
ist; daß also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung bestätigt wird, und
daß man sich fast wundern sollte, warum man nicht längst selbst von dieser
Erfahrung aus auf sie kam. Wenn jemand etwa einen andern unmittelbar
gewissen Satz, z. B. daß zwischen zwey Punkten nur Eine gerade Linie möglich
sey, läugnen würde, so würden wir ihn vielmehr verlachen und bedauren, als uns
über ihn erzürnen; und wenn ja etwa der Mathematiker sich dabey ereifern
sollte, so könnte dies nur entweder aus Mißvergnügen über sich selbst
herkommen, daß er ihn seines Irrthums nicht sogleich überführen könne, oder
aus der Vermuthung, daß bey diesem hartnäckigen Abläugnen der böse Wille,
ihn zu ärgern, (mithin doch auch etwas unmoralisches) zum Grunde liege: aber
dieser Unwille würde doch ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden, und
den unausgebildetsten Menschen eben am meisten angreift, wenn jemand das
Daseyn Gottes, oder die Unsterblichkeit der Seele abläugnet; welcher mit Furcht
und Abscheu vermischt ist, zum deutlichen Zeichen, daß wir diesen Glauben als
einen theuren Besitz, und denjenigen als unsern persönlichen Feind ansehen, der
Mine macht, uns in diesem Besitze stören zu wollen. Dieses Interesse verbreitet sich denn verhältnißmäßig weiter, je mehrere Ideen wir auf die Religion
beziehen, und mit ihr in Verbindung bringen können; und wir würden daher uns
sehr bedenken, zu entscheiden, ob vorherrschende Toleranz in einer Seele, in
welcher sie sich nicht auf langes anhaltendes Nachdenken gründen kann, ein
sehr achtungswerther Zug sey. Aus eben diesem Interesse läßt sich auch im
Gegentheile die empfindliche Abneigung erklären, mit der wir gegen
Vorstellungen eingenommen werden, die wir etwa ehedem für heilig hielten, von
denen wir aber bey zunehmender Reife uns überzeugt oder überredet haben, daß
sie es nicht sind. Wir erinnern uns ja andrer Träume unsrer frühern Jahre, wie
etwa des von einer uneigennützigen Hülfsbereitwilligkeit der Menschen, von
einer arkadischen Schäferunschuld u. dergl. mit einem wehmüthig-frohen
Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm träumen konnten; ohnerachtet
das Gegentheil und die Erfahrungen, wodurch wir etwa darüber belehrt worden
sind, uns doch an sich unmöglich angenehm seyn können. Der Täuschungen von
oben angezeigter Art aber erinnern wir uns lange mit Verdruß, und es gehört viel
Zeit und Nachdenken dazu, um auch darüber kalt zu werden; ein Phänomen,
welches man gar nicht der dunkeln Vorstellung des durch dergleichen Ideen
entstehenden Schadens, (indem wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr
Gleichmuth erblicken,) sondern blos daraus zu erklären hat, daß das Heilige uns
theuer ist, und daß wir jede Beimischung eines fremdartigen Zusatzes als
Entweihung desselben ansehen. Dieses Interesse zeigt sich endlich sogar darin,
daß wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit machen, als mit vermeinten
bessern Religionseinsichten, als ob hierin die größte Ehre liege, und daß wir
sie — wenn nicht etwa der gute Ton dergleichen Unterhaltungen verbannt hat,
wiewohl eben das, daß er sie verbannen müßte, eine allgemeine Neigung zu
denselben anzuzeigen scheint, — so gern ändern mittheilen mögen, in der
sichern Voraussetzung, daß dies ein allgemein interessanter Gegenstand sey.
So sicher wir also von dieser Seite seyn dürften, daß gegenwärtige
Untersuchung nicht ganz ohne Interesse werde aufgenommen werden, so haben
wir eben von diesem Interesse zu befürchten, daß es sich gegen uns kehren, und
den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abwägung der Gründe stören könne,
wenn er etwa voraussehen, oder wirklich finden sollte, daß das Resultat nicht
ganz seiner vorgefaßten Meinung gemäß ausfalle. Es scheint also eine nicht ganz
vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz ohne Rücksicht auf die Begründung
des Resultats, und gleich als ob wir nicht einen a priori vorgeschriebnen Weg
gegangen wären, der uns nothwendig auf dasselbe hätte führen müssen, sondern,
als ob es gänzlich von uns abgehangen hätte, wie dasselbe ausfallen solle, zu
untersuchen, ob wir Ursache gehabt hätten, ein günstigeres zu wünschen, oder ob gegenwärtiges etwa überhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns
versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne Rücksicht auf seine Wahrheit,
blos von Seiten seiner Nützlichkeit zu untersuchen.
Aber hier stoßen wir denn zuerst auf diejenigen, welche in der besten
Meinung von der Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der Art könne
überhaupt nichts kluges herauskommen, und es würde besser gewesen seyn,
gegenwärtige ganz zu unterlassen; die alles, was mit der Offenbarung, in
Verbindung steht, überhaupt nicht auf Principien zurückgeführt wissen wollen;
die jede Prüfung derselben scheuen, fürchten, von sich ablehnen. Diese werden
denn doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen, daß sie selbst eine
schlechte Meinung von ihrem Glauben haben, und mögen selbst entscheiden, ob
ihnen die Achtung und Schonung derjenigen besser gefällt, welche die Sache der
Offenbarung schon für völlig abgeurtheilt[TN13] und in allen Instanzen verlohren
ansehen, und meinen, ein Mann, der auf seine Ehre halte, könne einmal mit ihr
sich nicht mehr befassen, es sey sogar ein schlechtes Heldenstück, sie vollends
zu Grunde zu richten, und möge man ja auch wohl aus mitleidiger Schonung,
denen, die nun einmal ihr Herz daran gehängt haben, dies im Grunde
unschuldige Spielwerk wohl gönnen. Doch haben wir, mit diesen es eigentlich
hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich keiner diese Schrift
lesen; sondern nur mit solchen, die eine Prüfung der Offenbarung verstatten.
Gegenwärtige sollte unsrer Absicht nach die strengste seyn, welche möglich
ist. Was haben wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen? wo ist das
Übergewicht?
Verlohren haben wir alle unsere Aussichten auf Eroberungen, sowohl
objektive, als subjektive. Wir können nicht mehr hoffen durch Hülfe einer
Offenbarung in das Reich des Übersinnlichen einzudringen, und von da, wer
weiß welche Ausbeute zurückzubringen, sondern müssen uns bescheiden, uns
mit dem, was uns mit einemmale zu unsrer völligen Ausstattung gegeben war, zu
begnügen. Eben so wenig dürfen wir weiter hoffen andre zu unterjochen, und sie
zu zwingen ihren Antheil an dem gemeinschaftlichen Erbe, oder an dieser neuen
vermeinten Akquisition von uns zu Lehn zu nehmen, sondern müssen, jeder für
sich, uns auf unsre eignen Geschäfte einschränken.
Gewonnen haben wir völlige Ruhe, und Sicherheit in unserm Eigenthume;
Sicherheit vor den zudringlichen Wohlthätern, die uns ihre Gaben aufnöthigen,
ohne daß wir etwas damit anzufangen wissen; Sicherheit vor Friedensstörern
andrer Art, die uns das verleiden möchten, was sie selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir haben beide nur an ihre Armuth zu erinnern, die sie mit uns gemein
haben, und in Absicht welcher wir nur darinn von ihnen verschieden sind, daß
wir sie wissen, und unsern Aufwand darnach einrichten.
Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr gewonnen? — Freilich scheint der
Verlust der gehofften Einsichten in das Übersinnliche ein wesentlicher, ein nicht
zu ersetzender, noch zu verschmerzender Verlust; wenn es sich aber bey näherer
Untersuchung ergeben sollte, daß wir dergleichen Einsichten zu gar nichts
brauchen, ja daß wir nicht einmal sicher seyn können, ob wir sie wirklich
besitzen, oder ob wir auch sogar hierüber uns täuschen, so möchte es leichter
werden, sich darüber zu trösten.
Daß von der Realität aller Ideen vom Übersinnlichen keine objektive
Gewißheit, sondern nur ein Glaube an sie stattfinde, ist nun zur Genüge
erwiesen. Aller bisher entwickelte Glaube gründet sich auf eine Bestimmung des
Begehrungsvermögens, (bey der Existenz Gottes, und der Seelen Unsterblichkeit
auf eine des obern, bey dem Vorsehungs- und Offenbarungsbegriffe auf eine
durch das obere geschehne Bestimmung, des untern,) und erleichtert gegenseitig
wieder diese Bestimmung. Daß weiter keine Ideen möglich sind, an deren
Realität zu glauben eine unmittelbare oder mittelbare Bestimmung durch das
praktische Gesetz uns bewege, ist klärlich gezeigt. Es fragt sich also hier nur
noch, ob nicht ein Glaube möglich sey, der nicht durch eine dergleichen
Bestimmung entsteht, und sie nicht wieder erleichtert. Im ersten Falle muß es
leicht auszumachen seyn, ob der Glaube in concreto wirklich da ist; das muß
sich nemlich aus den praktischen Folgen ergeben, die er, als die
Willensbestimmung erleichternd, nothwendig hervorbringen muß. Im letztern
Falle aber, wo keine dergleichen praktische Folgen möglich sind, scheint es, da
der Glaube etwas blos subjektives ist, schwer, hierüber etwas festes zu
bestimmen, und es hat völlig das Ansehen, daß uns nichts übrig bleibt, als jedem
ehrlichen Manne auf sein Wort zu glauben, wenn er uns sagt: ich glaube das,
oder ich glaube jenes. Dennoch ist es vielleicht möglich auch hierüber etwas
auszumitteln. Es ist nemlich an sich gar nicht zu läugnen, daß man oft andre, und
eben so oft sich selbst überredet, man glaube etwas, wenn man blos nichts
dagegen hat, und es ruhig an seinen Ort gestellt seyn läßt. Von dieser Art ist fast
aller historischer Glaube, wenn er sich nicht etwa auf eine Bestimmung des
Begehrungsvermögens gründet, wie der an das historische in einer Offenbarung,
oder der eines Geschichtforschers von Profession, der von der Achtung für sein
Geschäft, und von der Wichtigkeit, die er in seine mühsamen Untersuchungen
schlechterdings setzen muß, unzertrennlich ist; oder der einer Nation an eine Begebenheit, die ihren Nationalstolz unterstützt. Das Lesen der Begebenheiten
und Handlungen von Wesen, die gleiche Begriffe und gleiche Leidenschaften
mit uns haben, beschäftigt uns auf eine angenehme Art, und es trägt zur
Vermehrung unsers Vergnügens etwas bei, wenn wir annehmen dürfen, daß
dergleichen Menschen wirklich lebten, und wir nehmen dies um so fester an, je
mehr die Geschichte uns interessirt, je mehr sie Ähnlichkeit mit unsern
Begebenheiten oder unsrer Denkungsart hat; wir würden aber, besonders in
manchen Fällen, auch nicht viel dagegen haben, wenn alles bloße Erdichtung
wäre. Ist's auch nicht wahr, so ist es gut erfunden, möchten wir denken. Wie soll
man nun hierüber zu einiger Gewißheit über sich selbst kommen? — Die einzige
wahre Probe, ob man etwas wirklich annehme, ist die, ob man darnach handelt,
oder, im vorkommenden Falle der Anwendung, darnach handeln würde. Über
Meinungen, die an sich keine praktische Anwendung haben, noch haben können,
findet dennoch zu jeder Zeit ein Experiment statt, daß man sich nemlich aufs
Gewissen frage, ob man wol für die Richtigkeit einer gewissen Meinung einen
Theil seines Vermögens, oder das ganze, oder sein Leben, oder seine Freiheit
verwetten wolle, wenn etwas gewisses darüber auszumachen seyn sollte. Man
giebt dann einer Meinung, die an sich keine praktischen Folgen hat, durch Kunst
eine praktische Anwendung. Wenn man auf diese Art jemanden eine Wette um
sein ganzes Vermögen antrüge, daß kein Alexander der Große gelebt habe, so
könnte er vielleicht diese Wette ohne Bedenken annehmen, weil er bei völliger
Redlichkeit dennoch ganz dunkel denken möchte, daß diejenige Erfahrung,
welche dies entscheiden könnte, schlechterdings nicht mehr möglich sey; wenn
man aber etwa eben demselben die gleiche Wette darauf antrüge, daß kein Dalai
Lama existire, mit dem Erbieten, die Sache an Ort und Stelle durch die
unmittelbare Erfahrung zu verificiren, so möchte er vielleicht bedenklicher dabei
werden, und sich dadurch verrathen, daß er mit seinem Glauben über diesen
Punkt nicht völlig in Richtigkeit sey. Wenn man nun über den Glauben an
übersinnliche Dinge, deren Begriff durch die reine praktische Vernunft a priori
nicht gegeben ist, die mithin an sich gar keine praktischen Folgen haben können,
sich eben so eine beträchtliche Wette antrüge, so wäre es sehr leicht möglich,
daß man dadurch, daß man sie von der Hand wiese, entdeckte, man habe bisher
den Glauben an sie nicht gehabt, sondern sich nur überredet, ihn zu haben; wenn
man aber diese Wette auch wirklich annähme, so könnte man noch immer nicht
sicher seyn, ob sich nicht das Gemüth ganz dunkel besonnen habe, es habe hier
noch gar nicht nöthig, sich auf seiner Schalkheit ertappen zu lassen, da bei einer
solchen Wette gar nichts zu wagen sey, weil die Sache (bei dergleichen Ideen) in
Ewigkeit nicht, weder durch Gründe, noch durch Erfahrungen auszumachen sey.
Wenn also auch nicht darzuthun seyn sollte, daß an die Realität von dergleichen Ideen gar kein Glaube möglich sey; so ergiebt sich hieraus doch leicht soviel,
daß es möglich sey, auch nur mit sich selbst in's Reine zu kommen, ob man
diesen Glauben überhaupt habe, welches eben soviel ist, als ob er überhaupt und
an sich nicht möglich wäre. Es ist hieraus zu beurtheilen, ob wir Ursache haben,
über den Verlust unsrer Hoffnung durch eine Offenbarung erweiterte Aussichten
in die übersinnliche Welt zu bekommen, sehr verlegen zu seyn.
In Absicht des zweiten Verlustes bitten wir jeden, sich vor seinem Gewissen
die Frage zu beantworten, zu welcher Absicht er eigentlich eine Religion haben
wolle; ob dazu, um sich über andre zu erheben, und sich vor ihnen aufzublähen,
zur Befriedigung seines Stolzes, seiner Herrschsucht über die Gewissen, welche
weit ärger ist, als die Herrschsucht über die Körper; oder dazu, um sich selbst
zum bessern Menschen zu bilden. — Inzwischen bedürfen wir sie auch mit für
andre, theils um reine Moralität unter ihnen zu verbreiten; aber da darf nur
dargethan seyn, daß dies auf keinem ändern Wege, als dem angezeigten,
geschehen könne, so werden wir ja gern, wenn dies wirklich unser Ernst ist,
jeden andern vermeiden; theils, wenn wir das nicht können sollten, uns
wenigstens der Legalität von ihnen zu versichern, — ein Wunsch, der an sich
völlig rechtmäßig ist. Und in Absicht der Möglichkeit ihn dadurch zu erreichen,
ist denn ganz sicher nichts leichter, als den Menschen, der sich im Dunkeln
überhaupt fürchtet, zu schrecken, ihn dadurch zu leiten, wohin man will, und ihn
zu bewegen, in Hoffnung des Paradieses seinen sterblichen Leib brennen zu
lassen, so sehr man will; wenn aber gezeigt ist, daß durch eine solche
Behandlung der Religion die Moralität nothwendig gänzlich vernichtet werde, so
wird man ja gar gern eine Gewalt aufgeben, zu der man kein Recht hat; da zumal
diese Legalität weit sicherer, und wenigstens ohne schädliche Folgen für die
Moralität durch andre Mittel erreicht wird.
Dies wäre denn die Berechnung unsers Verlusts. Laßt um nun den Gewinn
dagegen halten!
Wir gewinnen völlige Sicherheit in unserm Eigenthume. Wir dürfen ohne
Furcht, daß unser Glaube uns durch irgend eine Vernünftelei geraubt werde,
ohne Besorgniß, daß man ihn lächerlich machen könne, ohne Scheu vor der
Bezüchtigung des Blödsinns und der Geistesschwäche, ihn zu unserer
Verbesserung brauchen. Jede Widerlegung muß falsch seyn, das können wir a
priori wissen: jeder Spott muß auf den Urheber zurückfallen.
Wir gewinnen völlige Gewissensfreiheit, nicht vom Gewissenszwange durch
physische Mittel, welcher eigentlich nicht statt findet; denn äußerer Zwang kann uns zwar nöthigen mit dem Munde zu bekennen, was er will, aber nie, im
Herzen etwas dem ähnliches zu denken; sondern von dem unendlich härteren
Geisteszwange durch moralische Bedrückungen und Vexationen, durch Zureden,
Zunöthigungen, Drohungen, wer weiß welcher schlimmen Übel, die man unterm
Gemüthe anlegt. Dadurch wird nothwendig die Seele in eine ängstliche Furcht
versetzt, und quält sich so lange, bis sie es endlich so weit bringt, sich selbst zu
belügen, und den Glauben in sich zu erheucheln; eine Heuchelei, welche weit
schrecklicher ist, als der völlige Unglaube, weil der letztere den Charakter nur so
lange, als er dauert, verderbet, die erstere aber ihn ohne Hoffnung jemaliger
Besserung zu Grunde richtet, so daß ein solcher Mensch nie wieder die geringste
Achtung oder das geringste Zutrauen zu sich fassen kann. Dies ist die Folge,
welche das Verfahren, den Glauben auf Furcht und Schrecken, und auf diesen
erpreßten Glauben erst die Moralität (eine Nebensache, die wol ganz gut seyn
mag, wenn sie zu haben ist, in Ermangelung deren aber auch wol der Glaube
allein uns durchhelfen kann,) gründen zu wollen, nothwendig haben muß, und
welche er auch allemal gehabt haben würde, wenn man immer konsequent zu
Werke gegangen, und die menschliche Natur von ihrem Schöpfer nicht zu gut
eingerichtet wäre, als daß sie sich so sollte verdrehen lassen.
Nach Maaßgabe dieser Grundsätze würde der einzige Weg — ein Weg, den
offenbar auch das Christenthum vorschreibt — den Glauben in den Herzen der
Menschen hervorzubringen, der seyn, ihnen durch Entwickelung des
Moralgefühls das Gute erst recht lieb und werth zu machen, und dadurch den
Entschluß, gute Menschen zu werden, in ihnen zu erwecken; dann sie ihre
Schwäche allenthalben fühlen zu lassen, und nun erst ihnen die Aussicht auf die
Unterstützung einer Offenbarung zu geben, und sie würden glauben, ehe man
ihnen zugerufen hätte: glaubet!
Und jetzt darf die Entscheidung, wo das Übergewicht sey, ob auf der Seite
des Gewinns, oder der des Verlusts, dem Herzen eines jeden Lesers überlassen
werden, mit Zusicherung des beiläufigen Vortheils, daß ein jeder dieses Herz
selbst aus dem Urtheile, das es hierüber fället, näher wird kennen lernen.
Ansmerkungen zur Transkription:
[TN1] Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im Original ist hier