Versuch einer Kritik aller Offenbarung
§. 2. Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion überhaupt.
ohne ein mögliches Ziel in den Augen zu haben, zu gehen; und ihren Ausspruch
zu erwarten, ohne ihn ihr in den Mund zu legen.
§. 2.
Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion
überhaupt.
Sich mit dem Bewußtseyn eigner Thätigkeit zur Hervorbringung einer
Vorstellung bestimmen, heißt Wollen; das Vermögen sich mit diesem
Bewußtseyn der Selbstthätigkeit zu bestimmen, heißt das Begehrungsvermögen:
beides in der weitesten Bedeutung. Das Wollen unterscheidet sich vom
Begehrungsvermögen, wie das Wirkliche vom Möglichen. — Ob das im Wollen
vorkommende Bewußtseyn der Selbstthätigkeit uns nicht vielleicht täuschen
möge, bleibt vor der Hand ununtersucht, und unentschieden.
Die hervorzubringende Vorstellung ist entweder gegeben, insofern nemlich
eine Vorstellung gegeben seyn kann, die ihrem Stoffe nach, wie aus der
theoretischen Philosophie als ausgemacht und anerkannt vorausgesetzt wird;
oder die Selbstthätigkeit bringt sie auch sogar ihrem Stoffe nach hervor, wovon
wir die Möglichkeit oder Unmöglichkeit vor der Hand noch ganz an ihrem Orte
gestellt seyn lassen.
I.
Der Stoff einer Vorstellung kann, wenn er nicht durch absolute Spontaneität
hervorgebracht seyn soll, nur der Receptivität, und dieses nur in der
Sinnenempfindung gegeben seyn; — denn selbst die a priori gegebnen Formen
der Anschauung, und der Begriffe müssen, insofern sie den Stoff einer
Vorstellung ausmachen sollen, der Empfindung, in diesem Falle der innern,
gegeben werden; — folglich steht jedes Object des Begehrungsvermögens, dem
eine Vorstellung entspricht, deren Stoff nicht durch absolute Spontaneität
hervorgebracht ist, unter den Bedingungen der Sinnlichkeit, und ist empirisch. In
dieser Rücksicht also ist das Begehrungsvermögen gar keiner Bestimmung a
priori fähig; was Object desselben werden soll, muß empfunden seyn, und sich
empfinden lassen, und jedem Wollen muß die Vorstellung der Materie des
Wollens (des Stoffs der hervorzubringenden Vorstellung) vorhergegangen seyn.
Nun aber ist mit dem bloßen Vermögen, sich durch die Vorstellung des Stoffs
einer Vorstellung zur Hervorbringung dieser Vorstellung selbst — zu bestimmen,
noch gar nicht die Bestimmung gesetzt, so wie mit dem Möglichen noch nicht
das Wirkliche gesetzt ist. Die Vorstellung nemlich soll nicht bestimmen, in
welchem Falle sich das Subject blos leidend verhielte, — bestimmt würde, nicht
aber sich bestimmte — sondern wir sollen uns durch die Vorstellung bestimmen,
welches »durch« sogleich völlig klar seyn wird. Es muß nemlich ein Medium
seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung, gegen welche das
Subject sich blos leidend verhält, von der ändern durch Spontaneität, deren
Bewußtseyn der ausschließende Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey;
und dieses Medium nennen wir den Trieb.
Was von der einen Seite das Gemüth in der Sinnenempfindung als blos
leidend afficirt, ist der Stoff oder die Materie derselben; nicht ihre Form, welche
ihr vom Gemüthe durch seine Selbstthätigkeit gegeben wird[2]. Der Trieb ist
also, insofern er auf eine Sinnenempfindung geht, nur durch das Materielle
derselben, durch das in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundne,
bestimmbar. — Was in der Materie der Sinnenempfindung von der Art ist, daß es
den Trieb bestimmt, nennen wir angenehm, und den Trieb, insofern er dadurch
bestimmt wird, den sinnlichen Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für
nichts weiter, als für Worterklärungen geben.
Nun theilt die Sinnempfindung überhaupt sich in die des äußern, und die des
innern Sinnes; davon der erstere die Veränderungen der Erscheinungen im
Räume mittelbar, der zweite die Modificationen unsers Gemüths, insofern es
Erscheinung ist, in der Zeit unmittelbar anschaut; und der Trieb kann, insofern er
auf Empfindungen der erstem Art geht, der grobsinnliche, und insofern er durch
Empfindungen der zweiten Art bestimmt wird, der feinsinnliche genannt werden:
aber in beiden Fällen bezieht er sich doch blos auf das angenehme, weil, und
inwiefern es angenehm ist; ein angemaaßter Vorzug des letztern könnte sich doch
auf nichts weiter gründen, als daß seine Objecte mehr Lust, nicht aber eine der
Art nach verschiedene Lust gewährten; jemand, der sich vorzugsweise durch ihn
bestimmen ließe, könnte höchstens etwa das von sich rühmen, daß er sich besser
auf das Vergnügen verstehe, und könnte auch sogar das dem nicht beweisen, der
ihn versicherte: er mache aus seinen feinern Vergnügungen einmal nichts, er lobe
sich seine gröbern; — da das auf den Sinnengeschmack ankommt, über den sich
nicht streiten läßt; und da alle angenehme Affectionen des innern Sinnes sich
doch zuletzt auf angenehme äußere Sensationen dürften zurückführen lassen.
Soll von der andern Seite dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar seyn;
so geschieht diese Bestimmung [TN1] entweder nach gegebnen Gesetzen, die
durch die Spontaneität auf ihn blos angewendet werden, mithin nicht unmittelbar
durch Spontaneität, oder sie geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar
durch absolute Spontaneität.
Für den erstern Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebne Gesetze auf
gegebnen Stoff anwendet, die Urtheilskraft: folglich müßte die Urtheilskraft es
seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des Verstandes gemäß
bestimmte. — Dies kann sie nun nicht so thun, wie die Empfindung es thut, daß
sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt überhaupt nicht, sondern sie
ordnet nur das gegebne Mannigfaltige unter die synthetische Einheit.
Zwar geben alle obern Gemüthsvermögen durch ihre Geschäfte reichlichen
Stoff für den sinnlichen Trieb, aber sie geben ihn nicht dem Triebe; ihm giebt sie
die Empfindung. Die Thätigkeit des Verstandes bei'm Denken, die hohen
Aussichten, die uns die Vernunft eröfnet, gegenseitige Mittheilung der Gedanken
unter vernünftigen Wesen u. dergl. sind allerdings ergiebige Quellen des
Vergnügens; aber wir schöpfen aus diesen Quellen gerade so, wie wir uns vom
Küzzel des Gaumens afficiren lassen — durch die Empfindung.
Ferner kann das Mannigfaltige, welches sie für die Bestimmung des
sinnlichen Triebes ordnet, nicht das Einer gegebnen Anschauung an sich seyn,
wie sie es für den Verstand, um es zum Behuf einer theoretischen Erkenntniß auf
Begriffe zu bringen, thun muß; also keine Bestimmung des Stoffs durch Form,
weil der sinnliche Trieb blos durch den Stoff, und gar nicht durch Begriffe
bestimmt wird; — eine Anmerkung, die für die Theorie des
Begehrungsvermögens sehr wichtig ist, da man durch Vernachlässigung
derselben von ihr aus in das Gebiet der ästhetischen Urtheilskraft irre geleitet
wird: — sondern mannigfaltige angenehme Empfindungen. Die Urtheilskraft
steht während dieses Geschäfts ganz und lediglich im Dienste der Sinnlichkeit;
diese liefert Mannigfaltiges, und Maaßstab der Vergleichung: der Verstand giebt
nichts, als die Regeln des Systems.
Der Qualität nach ist das zu beurtheilende durch die Empfindung unmittelbar
gegeben; es ist positiv das angenehme, welches eben so viel heißt, als das den
sinnlichen Trieb bestimmende, und keiner weitern Zergliederung fähig ist. Das
Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb bestimmt, und es bestimmt den
Trieb, weil es angenehm ist. Warum etwas der Empfindung unmittelbar
wohlthue, und wie es beschaffen seyn müsse, wenn es ihr wohlthun solle,
untersuchen wollen, hieße sich geradezu widersprechen; denn dann sollte es ja auf Begriffe zurückgeführt werden, mithin der Empfindung nicht unmittelbar;
sondern vermittelst eines Begriffs wohlthun. Negativ, das unangenehme;
limitativ, das indifferente für die Empfindung.
Der Quantität nach werden die Objecte des sinnlichen Triebes beurtheilt
ihrer Extension und Intension nach; alles nach dem Maaßstabe der unmittelbaren
Empfindung. — Der Relation nach, wo wieder blos das angenehme blos auf das
angenehme bezogen wird, 1) in Absicht seines Einflusses auf die Beharrlichkeit
des Empfindungsvermögens selbst, wie sie nemlich unmittelbar durch die
Empfindung dargestellt wird, 2) in Absicht seines Einflusses auf Entstehung
oder Vermehrung andrer angenehmen Sinnenempfindungen — der Causalität des
angenehmen aufs angenehme, 3) in Absicht der Bestehbarkeit oder
Nichtbestehbarkeit mehrerer angenehmer Empfindungen neben
einander. — Endlich der Modalität nach wird beurtheilt 1) die Möglichkeit, ob
eine Empfindung angenehm seyn könne, nach Maasgabe vorhergegangener
Empfindungen ähnlicher Art, 2) die Wirklichkeit — daß sie angenehm sey; 3)
die Nothwendigkeit ihrer Annehmlichkeit, wobei der Trieb Instinct wird.
Durch diese Bestimmung des Mannigfaltigen, das in der Empfindung blos
angenehm ist, nach Verstandesgesetzen, — durch dieses Ordnen desselben
entsteht der Begriff des Glücks; der Begriff von einem Zustande des
empfindenden Subjects, in welchem nach Regeln genossen wird: so daß eine
angenehme Empfindung einer andern von größerer Intension, oder
Extension, — eine, die dem Empfindungsvermögen schadet, einer andern, die es
stärkt — eine, die in sich isolirt ist, einer andern, die selbst wieder Ursache
angenehmer Empfindungen wird, oder viele andre neben sich duldet, und
erhöht — endlich ein blos möglicher Genuß, Empfindungen, die nothwendig
angenehm seyn müssen, oder die man als wirklich angenehm empfindet,
nachgesetzt und aufgeopfert werden. Ein nach diesem Grundrisse verfertigtes
System gäbe eine Glückslehre — gleichsam eine Rechenkunst des
Sinnengenusses[3], welche aber keine Gemeingültigkeit haben könnte, da sie blos
empirische Principien hätte. Jeder müßte sein eignes System haben, da jeder nur
selbst beurtheilen kann, was ihm angenehm, oder noch angenehmer sey; nur in
der Form kämen diese individuellen Systeme überein, weil diese durch die
nothwendigen Verstandesgesetze gegeben ist, nicht aber in der Materie. Den
Begriff des Glücks, so bestimmt ist es völlig richtig, daß wir nicht wissen
können, was das Glück des andern befördre, ja, worin wir selbst in der nächsten
Stunde unser Glück setzen werden.
Wird dieser Begriff des Glücks durch die Vernunft aufs unbedingte und unbegränzte ausgedehnt, so entsteht die Idee der Glückseeligkeit, welche, als
gleichfals lediglich auf empirischen Principien beruhend, nie allgemeingültig
bestimmt werden kann. Jeder hat in diesem Sinne seine eigne
Glückseeligkeitslehre: eine auch nur comparativ allgemeine ist unmöglich, und
widersprechend.
Aber mit einer solchen blos mittelbaren Bestimmbarkeit des sinnlichen
Triebes durch Spontaneität reichen wir zur Erklärung der wirklichen
Bestimmung noch gar nicht aus; denn schon für die Möglichkeit dieser
Bestimmbarkeit mußten wir wenigstens ein Vermögen, die durch die
Empfindung geschehne Bestimmung des Triebes wenigstens aufzuhalten,
stillschweigend voraussetzen, weil ohne dies eine Vergleichung und
Unterordnung des verschiedenen Angenehmen unter Verstandesgesetze, zum
Behuf einer Bestimmung des Willens nach den Resultaten dieser Vergleichung,
gar nicht möglich wäre. Dieses Aufhalten nemlich kann gar nicht durch die
Urtheilskraft selbst nach Verstandesgesetzen geschehen; denn dann müßten
Verstandesgesetze auch practisch seyn können, welches ihrer Natur geradezu
widerspricht. Wir müssen demnach den obengesetzten zweiten Fall annehmen,
daß dieses Aufhalten unmittelbar durch die Spontaneität geschehe.
Aber nicht nur dieses Aufhalten, sondern auch die endliche wirkliche
Bestimmung des Willens kann nicht blos durch jene Gesetze vollendet werden;
denn alles, was wir nach ihnen in unserm Gemüthe zu Stande bringen,
geschiehet mit dem Gefühle der Nothwendigkeit, welches dem jedes Wollen
characterisirenden Bewußtseyn der Selbstthätigkeit widerstreitet: sondern sie
muß unmittelbar durch Spontaneität geschehen.
Aber man beurtheile das hier gesagte ja nicht zu voreilig, als ob wir es uns
hier bequem machten, und aus unserm Bewußtseyn der Selbstthätigkeit im
Wollen unmittelbar auf die wirkliche Existenz dieser Selbstthätigkeit schlössen.
Allerdings könnte nicht blos dies Bewußtseyn der Selbstthätigkeit, oder der
Freiheit, welches an sich und seiner Natur nach nicht anders als negativ (eine
Abwesenheit des Gefühls der Nothwendigkeit) ist, blos aus dem
Nichtbewußtseyn der eigentlichen erst aufhaltenden, dann bestimmenden
Ursache entstehen; sondern wenn wir keinen anderweitigen Grund für Freiheit,
d. i. Unabhängigkeit vom Zwange des Naturgesetzes fänden, müßte es sogar
daher entstehen: dann wäre die Jochsche Philosophie die einzige wahre, und
einzige consequente: aber dann gäbe es auch gar keinen Willen, die
Erscheinungen desselben wären erweisbare Täuschungen, Denken und Wollen
wären nur dem Anscheine nach verschieden, und der Mensch wäre eine Maschine, in der Vorstellungen in Vorstellungen eingriffen, wie in der Uhr Räder