Versuch einer Kritik aller Offenbarung

Johann Gottlieb Fichte · Kapitel 6 von 24

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Versuch einer Kritik aller Offenbarung

§. 2. Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion überhaupt.

ohne ein mögliches Ziel in den Augen zu haben, zu gehen; und ihren Ausspruch

zu erwarten, ohne ihn ihr in den Mund zu legen.

 

§. 2.

 

Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion

überhaupt.

 

Sich mit dem Bewußtseyn eigner Thätigkeit zur Hervorbringung einer

Vorstellung bestimmen, heißt Wollen; das Vermögen sich mit diesem

Bewußtseyn der Selbstthätigkeit zu bestimmen, heißt das Begehrungsvermögen:

beides in der weitesten Bedeutung. Das Wollen unterscheidet sich vom

Begehrungsvermögen, wie das Wirkliche vom Möglichen. — Ob das im Wollen

vorkommende Bewußtseyn der Selbstthätigkeit uns nicht vielleicht täuschen

möge, bleibt vor der Hand ununtersucht, und unentschieden.

 

Die hervorzubringende Vorstellung ist entweder gegeben, insofern nemlich

eine Vorstellung gegeben seyn kann, die ihrem Stoffe nach, wie aus der

theoretischen Philosophie als ausgemacht und anerkannt vorausgesetzt wird;

oder die Selbstthätigkeit bringt sie auch sogar ihrem Stoffe nach hervor, wovon

wir die Möglichkeit oder Unmöglichkeit vor der Hand noch ganz an ihrem Orte

gestellt seyn lassen.

 

I.

 

Der Stoff einer Vorstellung kann, wenn er nicht durch absolute Spontaneität

hervorgebracht seyn soll, nur der Receptivität, und dieses nur in der

Sinnenempfindung gegeben seyn; — denn selbst die a priori gegebnen Formen

der Anschauung, und der Begriffe müssen, insofern sie den Stoff einer

Vorstellung ausmachen sollen, der Empfindung, in diesem Falle der innern,

gegeben werden; — folglich steht jedes Object des Begehrungsvermögens, dem

eine Vorstellung entspricht, deren Stoff nicht durch absolute Spontaneität

hervorgebracht ist, unter den Bedingungen der Sinnlichkeit, und ist empirisch. In

dieser Rücksicht also ist das Begehrungsvermögen gar keiner Bestimmung a

priori fähig; was Object desselben werden soll, muß empfunden seyn, und sich

empfinden lassen, und jedem Wollen muß die Vorstellung der Materie des

Wollens (des Stoffs der hervorzubringenden Vorstellung) vorhergegangen seyn.

Nun aber ist mit dem bloßen Vermögen, sich durch die Vorstellung des Stoffs

einer Vorstellung zur Hervorbringung dieser Vorstellung selbst — zu bestimmen,

noch gar nicht die Bestimmung gesetzt, so wie mit dem Möglichen noch nicht

das Wirkliche gesetzt ist. Die Vorstellung nemlich soll nicht bestimmen, in

welchem Falle sich das Subject blos leidend verhielte, — bestimmt würde, nicht

aber sich bestimmte — sondern wir sollen uns durch die Vorstellung bestimmen,

welches »durch« sogleich völlig klar seyn wird. Es muß nemlich ein Medium

seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung, gegen welche das

Subject sich blos leidend verhält, von der ändern durch Spontaneität, deren

Bewußtseyn der ausschließende Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey;

und dieses Medium nennen wir den Trieb.

 

Was von der einen Seite das Gemüth in der Sinnenempfindung als blos

leidend afficirt, ist der Stoff oder die Materie derselben; nicht ihre Form, welche

ihr vom Gemüthe durch seine Selbstthätigkeit gegeben wird[2]. Der Trieb ist

also, insofern er auf eine Sinnenempfindung geht, nur durch das Materielle

derselben, durch das in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundne,

bestimmbar. — Was in der Materie der Sinnenempfindung von der Art ist, daß es

den Trieb bestimmt, nennen wir angenehm, und den Trieb, insofern er dadurch

bestimmt wird, den sinnlichen Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für

nichts weiter, als für Worterklärungen geben.

 

Nun theilt die Sinnempfindung überhaupt sich in die des äußern, und die des

innern Sinnes; davon der erstere die Veränderungen der Erscheinungen im

Räume mittelbar, der zweite die Modificationen unsers Gemüths, insofern es

Erscheinung ist, in der Zeit unmittelbar anschaut; und der Trieb kann, insofern er

auf Empfindungen der erstem Art geht, der grobsinnliche, und insofern er durch

Empfindungen der zweiten Art bestimmt wird, der feinsinnliche genannt werden:

aber in beiden Fällen bezieht er sich doch blos auf das angenehme, weil, und

inwiefern es angenehm ist; ein angemaaßter Vorzug des letztern könnte sich doch

auf nichts weiter gründen, als daß seine Objecte mehr Lust, nicht aber eine der

Art nach verschiedene Lust gewährten; jemand, der sich vorzugsweise durch ihn

bestimmen ließe, könnte höchstens etwa das von sich rühmen, daß er sich besser

auf das Vergnügen verstehe, und könnte auch sogar das dem nicht beweisen, der

ihn versicherte: er mache aus seinen feinern Vergnügungen einmal nichts, er lobe

sich seine gröbern; — da das auf den Sinnengeschmack ankommt, über den sich

nicht streiten läßt; und da alle angenehme Affectionen des innern Sinnes sich

doch zuletzt auf angenehme äußere Sensationen dürften zurückführen lassen.

 

Soll von der andern Seite dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar seyn;

so geschieht diese Bestimmung [TN1] entweder nach gegebnen Gesetzen, die

durch die Spontaneität auf ihn blos angewendet werden, mithin nicht unmittelbar

durch Spontaneität, oder sie geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar

durch absolute Spontaneität.

 

Für den erstern Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebne Gesetze auf

gegebnen Stoff anwendet, die Urtheilskraft: folglich müßte die Urtheilskraft es

seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des Verstandes gemäß

bestimmte. — Dies kann sie nun nicht so thun, wie die Empfindung es thut, daß

sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt überhaupt nicht, sondern sie

ordnet nur das gegebne Mannigfaltige unter die synthetische Einheit.

 

Zwar geben alle obern Gemüthsvermögen durch ihre Geschäfte reichlichen

Stoff für den sinnlichen Trieb, aber sie geben ihn nicht dem Triebe; ihm giebt sie

die Empfindung. Die Thätigkeit des Verstandes bei'm Denken, die hohen

Aussichten, die uns die Vernunft eröfnet, gegenseitige Mittheilung der Gedanken

unter vernünftigen Wesen u. dergl. sind allerdings ergiebige Quellen des

Vergnügens; aber wir schöpfen aus diesen Quellen gerade so, wie wir uns vom

Küzzel des Gaumens afficiren lassen — durch die Empfindung.

 

Ferner kann das Mannigfaltige, welches sie für die Bestimmung des

sinnlichen Triebes ordnet, nicht das Einer gegebnen Anschauung an sich seyn,

wie sie es für den Verstand, um es zum Behuf einer theoretischen Erkenntniß auf

Begriffe zu bringen, thun muß; also keine Bestimmung des Stoffs durch Form,

weil der sinnliche Trieb blos durch den Stoff, und gar nicht durch Begriffe

bestimmt wird; — eine Anmerkung, die für die Theorie des

Begehrungsvermögens sehr wichtig ist, da man durch Vernachlässigung

derselben von ihr aus in das Gebiet der ästhetischen Urtheilskraft irre geleitet

wird: — sondern mannigfaltige angenehme Empfindungen. Die Urtheilskraft

steht während dieses Geschäfts ganz und lediglich im Dienste der Sinnlichkeit;

diese liefert Mannigfaltiges, und Maaßstab der Vergleichung: der Verstand giebt

nichts, als die Regeln des Systems.

 

Der Qualität nach ist das zu beurtheilende durch die Empfindung unmittelbar

gegeben; es ist positiv das angenehme, welches eben so viel heißt, als das den

sinnlichen Trieb bestimmende, und keiner weitern Zergliederung fähig ist. Das

Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb bestimmt, und es bestimmt den

Trieb, weil es angenehm ist. Warum etwas der Empfindung unmittelbar

wohlthue, und wie es beschaffen seyn müsse, wenn es ihr wohlthun solle,

untersuchen wollen, hieße sich geradezu widersprechen; denn dann sollte es ja auf Begriffe zurückgeführt werden, mithin der Empfindung nicht unmittelbar;

sondern vermittelst eines Begriffs wohlthun. Negativ, das unangenehme;

limitativ, das indifferente für die Empfindung.

 

Der Quantität nach werden die Objecte des sinnlichen Triebes beurtheilt

ihrer Extension und Intension nach; alles nach dem Maaßstabe der unmittelbaren

Empfindung. — Der Relation nach, wo wieder blos das angenehme blos auf das

angenehme bezogen wird, 1) in Absicht seines Einflusses auf die Beharrlichkeit

des Empfindungsvermögens selbst, wie sie nemlich unmittelbar durch die

Empfindung dargestellt wird, 2) in Absicht seines Einflusses auf Entstehung

oder Vermehrung andrer angenehmen Sinnenempfindungen — der Causalität des

angenehmen aufs angenehme, 3) in Absicht der Bestehbarkeit oder

Nichtbestehbarkeit mehrerer angenehmer Empfindungen neben

einander. — Endlich der Modalität nach wird beurtheilt 1) die Möglichkeit, ob

eine Empfindung angenehm seyn könne, nach Maasgabe vorhergegangener

Empfindungen ähnlicher Art, 2) die Wirklichkeit — daß sie angenehm sey; 3)

die Nothwendigkeit ihrer Annehmlichkeit, wobei der Trieb Instinct wird.

 

Durch diese Bestimmung des Mannigfaltigen, das in der Empfindung blos

angenehm ist, nach Verstandesgesetzen, — durch dieses Ordnen desselben

entsteht der Begriff des Glücks; der Begriff von einem Zustande des

empfindenden Subjects, in welchem nach Regeln genossen wird: so daß eine

angenehme Empfindung einer andern von größerer Intension, oder

Extension, — eine, die dem Empfindungsvermögen schadet, einer andern, die es

stärkt — eine, die in sich isolirt ist, einer andern, die selbst wieder Ursache

angenehmer Empfindungen wird, oder viele andre neben sich duldet, und

erhöht — endlich ein blos möglicher Genuß, Empfindungen, die nothwendig

angenehm seyn müssen, oder die man als wirklich angenehm empfindet,

nachgesetzt und aufgeopfert werden. Ein nach diesem Grundrisse verfertigtes

System gäbe eine Glückslehre — gleichsam eine Rechenkunst des

Sinnengenusses[3], welche aber keine Gemeingültigkeit haben könnte, da sie blos

empirische Principien hätte. Jeder müßte sein eignes System haben, da jeder nur

selbst beurtheilen kann, was ihm angenehm, oder noch angenehmer sey; nur in

der Form kämen diese individuellen Systeme überein, weil diese durch die

nothwendigen Verstandesgesetze gegeben ist, nicht aber in der Materie. Den

Begriff des Glücks, so bestimmt ist es völlig richtig, daß wir nicht wissen

können, was das Glück des andern befördre, ja, worin wir selbst in der nächsten

Stunde unser Glück setzen werden.

 

Wird dieser Begriff des Glücks durch die Vernunft aufs unbedingte und unbegränzte ausgedehnt, so entsteht die Idee der Glückseeligkeit, welche, als

gleichfals lediglich auf empirischen Principien beruhend, nie allgemeingültig

bestimmt werden kann. Jeder hat in diesem Sinne seine eigne

Glückseeligkeitslehre: eine auch nur comparativ allgemeine ist unmöglich, und

widersprechend.

 

Aber mit einer solchen blos mittelbaren Bestimmbarkeit des sinnlichen

Triebes durch Spontaneität reichen wir zur Erklärung der wirklichen

Bestimmung noch gar nicht aus; denn schon für die Möglichkeit dieser

Bestimmbarkeit mußten wir wenigstens ein Vermögen, die durch die

Empfindung geschehne Bestimmung des Triebes wenigstens aufzuhalten,

stillschweigend voraussetzen, weil ohne dies eine Vergleichung und

Unterordnung des verschiedenen Angenehmen unter Verstandesgesetze, zum

Behuf einer Bestimmung des Willens nach den Resultaten dieser Vergleichung,

gar nicht möglich wäre. Dieses Aufhalten nemlich kann gar nicht durch die

Urtheilskraft selbst nach Verstandesgesetzen geschehen; denn dann müßten

Verstandesgesetze auch practisch seyn können, welches ihrer Natur geradezu

widerspricht. Wir müssen demnach den obengesetzten zweiten Fall annehmen,

daß dieses Aufhalten unmittelbar durch die Spontaneität geschehe.

 

Aber nicht nur dieses Aufhalten, sondern auch die endliche wirkliche

Bestimmung des Willens kann nicht blos durch jene Gesetze vollendet werden;

denn alles, was wir nach ihnen in unserm Gemüthe zu Stande bringen,

geschiehet mit dem Gefühle der Nothwendigkeit, welches dem jedes Wollen

characterisirenden Bewußtseyn der Selbstthätigkeit widerstreitet: sondern sie

muß unmittelbar durch Spontaneität geschehen.

 

Aber man beurtheile das hier gesagte ja nicht zu voreilig, als ob wir es uns

hier bequem machten, und aus unserm Bewußtseyn der Selbstthätigkeit im

Wollen unmittelbar auf die wirkliche Existenz dieser Selbstthätigkeit schlössen.

Allerdings könnte nicht blos dies Bewußtseyn der Selbstthätigkeit, oder der

Freiheit, welches an sich und seiner Natur nach nicht anders als negativ (eine

Abwesenheit des Gefühls der Nothwendigkeit) ist, blos aus dem

Nichtbewußtseyn der eigentlichen erst aufhaltenden, dann bestimmenden

Ursache entstehen; sondern wenn wir keinen anderweitigen Grund für Freiheit,

d. i. Unabhängigkeit vom Zwange des Naturgesetzes fänden, müßte es sogar

daher entstehen: dann wäre die Jochsche Philosophie die einzige wahre, und

einzige consequente: aber dann gäbe es auch gar keinen Willen, die

Erscheinungen desselben wären erweisbare Täuschungen, Denken und Wollen

wären nur dem Anscheine nach verschieden, und der Mensch wäre eine Maschine, in der Vorstellungen in Vorstellungen eingriffen, wie in der Uhr Räder