Zaubermärchen
Isfendiar
Es wird berichtet, daß die Stimme sprach gegen Isfendiar Zualkarnain
und ihm befahl, seine Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen Reisen
alle Gegenden und Menschen genossen hatte, sagte er vor sich hin: „O blinder
Sklave des Geschickes, wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst du erfahren,
was nach diesem kleinen Leben sein wird.“ Also haderte er nicht mit jener
Stimme letzten Befehls, sondern gebot Sklaven, ihm seine zwei Hörner wie für
ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber einen ganzen Wildesel
verzehrt hatte, bestieg er ein Eilkamel, um nicht zu säumen und so zu beleidigen
den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine Dichter, die Nachtigalleulen,
begannen auf eine schöne Weise zu klagen und versuchten, sein gleichgültig
schauendes Herz mit ihren gelinden Traurigkeiten zu erfüllen und den der neuen
Sache Beflissenen wieder an die knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden.
Das Eilkamel jedoch in dreihöckeriger Weisheit erinnerte sich verzehrter
Dattelkerne, und indem es den Dichtern warmen Mist des Lebens ließ für die
rauhen Nächte der Zukunft, verschwand es mit dem König der Zeit im Walde. Er
aber sprach zu seinem Bart: „Nicht begreife ich die sachte Trauer der Gefährten
meines Atemholens. Wenn ich ihnen entgleite, so können sie mich doch
zurückhalten in den Bogen und Windungen ihrer schlangengleichen Gedichte.
Ich aber habe es schwerer als diese Gezähmten: ich muß etwas tun. Nun habe ich
einen ganzen Wildesel gegessen, denn es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und
mit hungerndem Magen entgegenzutreten. Sollte er mir nicht gefallen, so kann
ich, ein Herr, ihm wenigstens mancherlei ins Gesicht rülpsen, wie es sich
gebührt. Doch noch sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.“ Indem er
also seinen Unwillen, auf den Tod warten zu müssen, ärgerlich kundgab,
erschien auf dem Wege ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: „Nicht dies ist
der Weg zum Tode, o König Zweihorn; du könntest allerdings, wenn du
schneller ans Ziel gelangen willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite lieber
diese zwei Wälder hier seitwärts durch, und wenn du im Waldwinkel an der letzten Lichtung meine Frau siehst, so sag ihr, daß ich sie noch heute besuchen
werde.“ Da dankte der König dem liebenswürdigen Kater, und als er einen
halben Kamelritt weiter wirklich die wildernde Katze erblickte, grüßte er sie
höflich und richtete seine Botschaft aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze
freundlich über die nahe Möglichkeit eines annehmbaren Todes — nur eine
Parasange weit!
Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt hatte, traf er richtig dort
einen Mann, an Stärke gleich einem ausgewachsenen Löwen. „Nächstens lasse
mich nicht so lang warten,“ brüllte der Mann. „Mein Name ist Rustan. Ich bin
dein Vater. Und da ich dich ins Leben gesandt habe, schickt es sich auch, daß ich
dich töte.“ Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohn die Hörner aus dem
Kopf zu drehen, und Isfendiar Zualkarnain ehrte den Vater, getreu dem Gesetz
des Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte zu zupfen, noch auch ihm
den vorbereiteten Esel ins Gesicht zu rülpsen. So benommen war er von den
Schmerzen des Lebens.