Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 9 von 19

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Zaubermärchen

Isfendiar

 

Es wird berichtet, daß die Stimme sprach gegen Isfendiar Zualkarnain

und ihm befahl, seine Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen Reisen

alle Gegenden und Menschen genossen hatte, sagte er vor sich hin: „O blinder

Sklave des Geschickes, wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst du erfahren,

was nach diesem kleinen Leben sein wird.“ Also haderte er nicht mit jener

Stimme letzten Befehls, sondern gebot Sklaven, ihm seine zwei Hörner wie für

ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber einen ganzen Wildesel

verzehrt hatte, bestieg er ein Eilkamel, um nicht zu säumen und so zu beleidigen

den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine Dichter, die Nachtigalleulen,

begannen auf eine schöne Weise zu klagen und versuchten, sein gleichgültig

schauendes Herz mit ihren gelinden Traurigkeiten zu erfüllen und den der neuen

Sache Beflissenen wieder an die knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden.

Das Eilkamel jedoch in dreihöckeriger Weisheit erinnerte sich verzehrter

Dattelkerne, und indem es den Dichtern warmen Mist des Lebens ließ für die

rauhen Nächte der Zukunft, verschwand es mit dem König der Zeit im Walde. Er

aber sprach zu seinem Bart: „Nicht begreife ich die sachte Trauer der Gefährten

meines Atemholens. Wenn ich ihnen entgleite, so können sie mich doch

zurückhalten in den Bogen und Windungen ihrer schlangengleichen Gedichte.

Ich aber habe es schwerer als diese Gezähmten: ich muß etwas tun. Nun habe ich

einen ganzen Wildesel gegessen, denn es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und

mit hungerndem Magen entgegenzutreten. Sollte er mir nicht gefallen, so kann

ich, ein Herr, ihm wenigstens mancherlei ins Gesicht rülpsen, wie es sich

gebührt. Doch noch sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.“ Indem er

also seinen Unwillen, auf den Tod warten zu müssen, ärgerlich kundgab,

erschien auf dem Wege ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: „Nicht dies ist

der Weg zum Tode, o König Zweihorn; du könntest allerdings, wenn du

schneller ans Ziel gelangen willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite lieber

diese zwei Wälder hier seitwärts durch, und wenn du im Waldwinkel an der letzten Lichtung meine Frau siehst, so sag ihr, daß ich sie noch heute besuchen

werde.“ Da dankte der König dem liebenswürdigen Kater, und als er einen

halben Kamelritt weiter wirklich die wildernde Katze erblickte, grüßte er sie

höflich und richtete seine Botschaft aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze

freundlich über die nahe Möglichkeit eines annehmbaren Todes — nur eine

Parasange weit!

Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt hatte, traf er richtig dort

einen Mann, an Stärke gleich einem ausgewachsenen Löwen. „Nächstens lasse

mich nicht so lang warten,“ brüllte der Mann. „Mein Name ist Rustan. Ich bin

dein Vater. Und da ich dich ins Leben gesandt habe, schickt es sich auch, daß ich

dich töte.“ Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohn die Hörner aus dem

Kopf zu drehen, und Isfendiar Zualkarnain ehrte den Vater, getreu dem Gesetz

des Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte zu zupfen, noch auch ihm

den vorbereiteten Esel ins Gesicht zu rülpsen. So benommen war er von den

Schmerzen des Lebens.