Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 15 von 19

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Zaubermärchen

Attentat

 

Ich schritt gegen das Parlament hin. Schon schrien Menschen, die

überhaupt nichts sehen konnten, „Hoch Lueger!“ oder „Hurrah!“. Die meisten

brüllten mechanisch mit, nur ein ehemaliger Fußballspieler leistete sich die

Nuance: „Hip-Hip-Hurra!“ Der greise Monarch, rechts und links unaufhörlich

grüßend, fuhr trotz der herrschenden kühlen Brise im offenen Wagen. Kodaks

hielten den unvergeßlichen Anblick fest: das Gefährt, in dem der Kral von

Danubien neben unserem glorreichen Verbündeten, dem Affenkönig Hanuman,

saß. Die schwerbehaarte Rechte des Gastes, der keine Handschuhe nötig hatte,

salutierend an den Tschako gelegt, ließ auf eine zottige Brust schließen, im Flug

hatte er sich die Herzen der Wienerinnen erobert, im Flug mich davon überzeugt,

daß mein alter Lieblingsausdruck für Husarenjacken und Offiziersblusen:

„Affenjanker“, sehr prägnant, zutreffend, hier jedenfalls der einzig richtige war.

Wieso ich den nächsten Augenblick überleben konnte, weiß ich nicht. Mein

Herz zerklopfte mich. Als Hanuman das tief symbolisch und mit Recht vor dem

Parlament verharrende Standbild der Hauseule und Landespatronin Oesterreichs:

der Pallawatsch-Athene passierte, hob die Göttin zum Zeichen des Grußes ihre

Lanze. Dem Affengott zu Ehren? Oder war dies eine vaterländische

Verherrlichung des illustren Gastes? Undurchsichtige Machinationen!

Ein Schrei! Auf, unter den Wagen der Majestäten stürzte sich eine Uniform,

der Charge nach ein Feldmarschallwebel. Oder war es ein Generalunterst? Die

roten Generalsstreifen der Exzellenz lagen blutbereit am Boden unter den im

jähsten Augenblick noch zurückgerissenen Rossen. Der Wackere, Tapfere hatte

sich unter die Hofequipage geworfen, auf daß Hanuman sähe, wie sehr sich auch

in Europa Getreue zu opfern wissen. Ich dachte: Jaggernaut in Wien. Seltene

Geste. Rührend.

Während ein paar Germanoslowaken dem einem schweren Orden nicht

entgehenden Veteranen emporhalfen, zerbrach sich schon das auf eine

Extraausgabe gefaßte Publikum den Kopf mit Vermutungen, welcher der Paladine des Donaulandes so beherzt gewesen. G. d. J. Hawlatatsch von

Hatschentreu? Strzoch von Aarenbrei? Baron Zsiga Márczibànyi? Elemer

Saprdek von Eichenleu? Marschall Rückwärts? Man wußte es nicht.

Als sich der Hofwagen mit den Fürstlichkeiten und deren auf eine so harte

Probe gestellten Nerven wieder in Bewegung setzen wollte — neuer

Zwischenfall. Plötzlich sauste nihilistisch ein rundlicher, schwarzgrüner

Gegenstand von der Größe eines Maschanzkerapfels in die Hofequipage, auf den

Affenkönig zu. Der Kral von Danubien hatte nur eine kleine Handbewegung,

nicht der Furcht, sondern der Entrüstung; aber der kleine Knabe mit der

Glaskugel weit draußen in Lerchenfeld, im Verlieren begriffen die Regeln des

Marmorkugerlspieles ändernd, er rief vernehmlich: „Gitsch bum gilt nicht!“

Hanuman jedoch betrachtete lächelnd die ihm in den Schoß gefallene kandierte

Walnuß — denn so brav entpuppte sich der geschleuderte Gegenstand. Durch die

Triumphpforte gings in die Hofburg. Ob hierauf Hanuman dort blieb und der

danubische Kral nach Schönbrunn fuhr oder umgekehrt der Hanuman dem

Affenhaus einen Besuch machte, frage man die Pallawatsch-Athene.