Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 17 von 19

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Zaubermärchen

Krasser Fall von Soldatenmißhandlung

KRASSER FALL VON

 

SOLDATENMISSHANDLUNG

 

In seinem Sputum hat man Kometen gefunden. Er starb an

Lungensternen, jenen winzigen und scheinbar so harmlosen Mikroorganismen,

die wir Planeten nennen. Was hatte diese gräßliche Erkrankung aufgerufen?

Wahrhaftig, ich schäme mich, es auszusprechen: Rassenhaß!

Draußen spazieren die zarten Frühlingsdamen, ich kann ihnen nicht nahen.

Unablässig sehen meine Augen jenes tragische Ereignis vor sich.

Reginald Mammuthbaum mußte endlich notgedrungen, unfreiwilligst

Rücksichten dem Vaterland gegenüber platzgreifen lassen. Snob schon der

Abstammung nach, wählte er das exklusivste Garderegiment. Früher war die

Sache lebenslänglich und die Anführer dachten: „Was heute nicht geschieht,

geschieht morgen.“ Seitdem man aber diese gottverfluchte tausendjährige

Dienstzeit eingeführt hat, eilt den Vorgesetzten die Ausbildung. Bitter weinen die

Rekruten. Gar die Mammuthbaums haben nichts Gutes.

Nun, vorerst wurde das Usuelle gegen den Eindringling angewendet.

Jahrzehntelang Gelenksübungen im Chaos, Kanonenschultern, Kniebeugen,

Bauchwellen, Eilmärsche, man stelle sich vor: mitten im bittersten Universum!

Das Terrain ist koupiert, gibt man einen Moment nicht acht, zwischen ja und

nein hat man sich ein paar giftige Sterne eingetreten und wird diese

Riesenzecken nie wieder los. Ewiger Schmerz! Sterne . . . natürlich hatte vor

denen Sidonie, Reginalds Mutter, tiefen Respekt. Sie sagte stets: „Kinder, wenn

ihr die Welt aufeßt, immer hübsch die Sterne ausspucken!“

Seiner Mama ängstlich-nasale Laute: „Reggie! Paß auf, daß du keine

Planetoiden schluckst!“ hielten denn auch den Feigling ab, sich eine gewisse

Fertigkeit im Sternschlucken anzueignen. Wahrscheinlich glaubte die würdige

Dame wie so manche Laien, diese Pfefferkugeln seien den Nieren unerwünscht.

Vielleicht war auch in ihren famosen Speisegesetzen dieses Nahrungsmittel verboten und ein Rest von Widerwillen zurückgeblieben. Ich weiß es nicht.

Des schlappen Kerls reglementwidrige Furcht vor den Himmelsinfusorien

wurde irgendwie notorisch. Und die Offiziere wollten einen derartigen

Temperenzler nicht im Korps dulden. Niemand wird ihnen das weiter verübeln.

Nur die Art und Weise, wie sie ihn abreagierten, war schon mehr als unkollegial.

Man machte Reginald trunken.

Unter dem Beistand des logischerweise gesinnungsverwandten Koches, der

das fatale Nahrungsmittel schlecht passierte, im Zeichen eines symbolischen

Termins, wurde von den Aufrechten Mirabiliens die übelriechend-zertretene

Minderheit und Varietät in Mammuthbaum vernichtet. Ein krasser Fall von

Soldatenmißhandlung!

In der Ehrenstunde unseres Repräsentanten, der 5% Jehovaleute und 95%

Andersgeartete zu vertreten hat, dessen Selbsterhaltungstrieb also mit einiger

Notwendigkeit für die verschwindende Minorität weniger übrig haben muß als

für die dominierende Masse seiner Stammesgefährten: am Geburtstag des

Kaisers machte man Reginald trunken.

Im Urrausch fand er ein säuerliches Gelee, eine verhängnisvolle Sternsauce,

sehr plausibel. Der Unglückliche litt an chronischem Rachenkatarrh. Die

verschiedenen Sonnensysteme taten ihm nicht wohl und ein Satellit, ein

verdammter kleiner Mond, blieb in der Kehle stecken. In dem törichten

Bestreben, durch plötzlichen Schreck das Schlucken zu erleichtern, nannten die

Offiziere den Namen der Speise.

An wunden Stellen mochte es schon früher im Rachen nicht gefehlt haben,

heftiges Würgen vergrößerte sie und ließ die seltenen Gäste in Blutbahnen

eintreten, wo sie erfahrungsgemäß giftig wirken. Namentlich wenn Trunkenheit

ihre Virulenz steigert.

Zu spät holte man mich. Ich legte mein Ohr an Reginalds Thorax. Wenn

Bazillen in unsereinen einmarschieren, singen sie zuerst ihre Volkshymne. Es ist

ja ein Triumph für sie. Und auch diese hier produzierten sich im

Mammuthbaum: bei ihren Atembewegungen und Umschwüngen summten die

Sterne in ihm — ihm und sich die Sterbegesänge.

Die Krankheit dauerte relativ lang. Spät erst traten die Vorboten der Agonie

auf: er erzählte Gleichnisse, einen Witz zwei- oder dreimal ein und demselben

Zuhörer. In normalen Fällen pflegen wir ein Individuum, das so greis ist,

totzulachen, da es um erinnerungslos-krauses Hirn nicht schad ist und die

Gesunden unter zu oft wiederholten Leitmotiven leiden. Man muß es demnach

als Zeichen von Schuldbewußtsein auffassen, daß man befahl, den armen

Sternschlucker über diese Grenze hinaus zu erhalten. Und die nach seinem Tod

erfolgte Verfügung, laut der Gestirne von nun ab nur gegen spezialärztliche Anweisung verkauft werden dürfen, läßt sich ebenfalls nicht anders deuten.

Ich ahne ein Verbrechen, ich schreie: „Mordio!“ Hier liegt ein Ritualmord vor!

Ein krasser Fall von Soldatenmißhandlung.