Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 11 von 19

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Zaubermärchen

Traum des Achthundertachtundachtzigsten Nachtredakteurs

TRAUM DES

 

ACHTHUNDERTACHTUNDACHTZIGSTEN

 

NACHTREDAKTEURS

 

Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der

verstatteten Rede. Doch als die achthundertundachtundachtzigste Nacht da war,

fuhr sie also fort: „Ich vernahm, o glücklicher König, daß im Lande der

besoffenen Ströme ausnahmsweise ein geiernasiger Jüngling lebte, der gern im

Schlaf ertrank, und da er wenig arbeitete, Hunger trieb. Seine Sehnsucht und

Begierde ging gleichwohl nach dem Faulen unerreichbarer Gewürze, und wegen

dieser seiner dicken Gewohnheit nannten ihn die Ungläubigen Schinkenstern.

Als er eines Tages seinen Magen nach den Marzipaninseln traumwandeln ließ,

überfiel ihn ein Schnellzug und ließ nicht ab, ihn davonzutragen, bis alle Kohlen

verdampft waren. „Dies ist nicht das Land des Safrans und der Wohlgerüche,“

jammerte der Entführte, als er sich nach einem wahnwitzig schrillen Pfiff in

einer robusten Halle ausgesetzt sah. Weil es notwendig war, brach er die

Dämmerung seines Geistes ab und suchte nach einem Sofa, wo er sein Haupt

niederlegen könne. Weiter strichen seine Pläne nicht, und indem er an einem

Hotelportier vorbeiging, erreichte er es, mehrere Meldezettel ausfüllen zu

dürfen. Nachdem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich in den Schlaf, ob

ihm vielleicht die Deutung der zu erwartenden Träume seine innersten Gedanken

enthülle. Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos, traumlos wieder ins Leben aus,

und als der Unglückliche zum abertausendsten Male kläglich im Raume

erwachte, veranstaltete er einige Augenblicke der Besonnenheit. Aber ehe er

etliche Vernünftigkeiten ausgeheckt hatte, verdrängte der Schrei nach einer

Buttersemmel das Gekrächz seiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt,

seinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich dieser nicht, und so beschloß er,

seine Leiblichkeit vorläufig dem Hin und Her des Zufalls zu schenken.

Keinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische Arbeit zu tun, und wollte lieber den Verhandel mit der Erdenwelt abbrechen. Er begann also über die

Oberfläche der fremden Straßen als ein gemäßigter und nicht ganz zielloser

Spaziergänger hinzugleiten. Seine Augen grasten ruhig die Erscheinungen ab

und fielen schließlich in die Blätter, aus denen zahlreiche Toren sich über den

Gang der Gestirne zu unterrichten versuchten. Da schlug in ihn ein schnelles

Erinnern, und seine futterwitternde Geiernase, die ihm aus einem Spiegel

entgegengrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen Zeit in gewissen Betrachtungen.

Er besaß zwar keine Feder der Fülle, aber an Schalttagen drangen tollkluge

Worte aus ihm. Wenn er auch bezweifelte, daß diese seltenen Schalttage je sein

ganzes Jahr anstecken würden, war er sich doch einer bescheidenen Kenntnis

einiger, aber bei weitem nicht aller Gesetze der Interpunktion bewußt, und

verdammte sich kalten Herzens dazu, von seiner Durchschnittssprache zu leben.

Dieszwecks legte er Zylinder an, und ehe er sich noch hatte warnen können,

verscholl er in einem Verlagsgebäude. Er hätte besser getan, sich des Zephirs der

Welt zu berauben. Denn als er vor den Journalisten der Zeit trat, zersetzte ihn der

Druckgewaltige folgendermaßen: „Du gehörst zu den weltfremden Siriusochsen

und bildest dir zwar nicht den Besitz des Stilmonopols ein, bist aber trotzdem

stolz darauf, als erster den Ipunkt unter dem I befestigt zu haben. Ich kann

jedoch nur eine rechtschreiberische Schreibmaschine brauchen.“ Da ließ sich der

Verräter Schinkenstern sterben, er antwortete: „O, König der Zeitung, ich höre

und gehorche, Ich war ein Ifrit von den Marids der Dschann und bin bereit, den

Eid auf das Zeilenhonorar abzulegen. Ich habe es eilig, ins Nichts zu hasten. Ich

war mitunter die Zunge der Dinge. Werde ich es weniger sein, wenn ich mich

zur Stimme des Rindviehs mache? Möge ich bald an einem Druckfehler

sterben!“ „Ich sehe, du gehörst zu den schwachen Zugtieren, die, statt ein Ende

zu setzen, ihren unüberwindlichen Magen anklagen, o Halbdichter!“

Es wird berichtet, daß der Geiernasige zunächst zum Besprechungsliteraten

herabsank, einer jener vielen Kritikastraten und Verschnittenen wurde, die

eifersüchtig den Harim des Ruhmes bewachen. Er ward eine kahle Negation,

legte sein Gehirn bloß, exhibitionierte mit der raschwachsenden Glatze der

Weisheit, aber seine Seele war im Übersatz. Er schrieb nur Kartoffeln, und die

Worte der Dichter verdienten, mit Nadeln in die Spitzen seiner Augenwinkel

geschrieben zu werden. Da bemerkte er endlich das Graue seines Tages und hielt

inne in dem verstatteten Leben. Allah übersetze ihn nicht!