Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 14 von 19

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Zaubermärchen

Erziehungsroman

 

Ich bin einer Familie entsprossen. Meine Mutter war eine Geborene. Auch

mein Vater war ein Mensch. Im übrigen habe ich diese Leute nie kennengelernt.

Der liebe Gott hat es so gewollt. Den schäbig zurückhaltenden Seitenverwandten

habe ich nichts zu verdanken gehabt. Sie wärmten sich reich am Ofen, ich stand

draußen und erprobte die Wasserdichte meiner empfänglichen

Waisenknabenstiefel. Ich zerstand vor den Auslagen und sehnte mich. Aber der

Schaufensterdekorateur hatte die Dinge, seine göttliche Welt, nicht für mich

arrangiert. Ich sehnte mich, auch einmal im Raseurladen auf einem schwarzen

Lederpolster zu sitzen und eingeseift zu werden. Hierauf hätte ich gern den

erträumten Zylinder ergriffen und mich elegant und Trinkgelder verspendend

entfernt. Mir blühte eine andere Wirklichkeit: ich konnte nur Motschker rauchen,

die Zigarrenstummel, denen die Bürger das Beste entsogen hatten. In den

Volkskonditoreien saßen die Götter und aßen Buchteln, gefüllt mit Powidl,

schwarzfunkelndem Powidl. Ambrosia nennen ihn die Alten. Nie befriedigt

schlich ich um die glühen Blechofen der Maronibrater, aber Kastanien, Bratäpfel

und die weiß klaffenden Kartoffeln galten nicht mir, ihr Erwerb war an den

Besitz von Münzen geknüpft, mit denen der Waisenvater mich nie versah. Wenn

eine Herde von uns, bleichbackig, uniform vom grau in grau des Nebels

gekleidet, unmunter die Vorortsstraßen durchstrich, fühlbar rottete sich das

Mitleid in vorübergehenden Eltern zusammen und ballte sich zu Prügeln an die

eigenen Kinder: „Sei folgsam und brav, Werner, sonst stirbt auch dir dein Vatti

beziehungsweise Mutti.“

Ich mag mich an die kargen Tage der Kindheit und geschändeten Jugend nicht

erinnern. Stadt und Staat hatten wenig für uns übrig. Die Fußbälle waren

schlecht, die Wochenkleider verschlissen, die Feste verregnet, man durfte nicht

einmal onanieren: „Hände auf die Decke!“ Gott strafte die Sünden des

Katecheten Masturbal an seinen Kindern.

Nie durfte ich von den Bergen in den Himmel springen. Wir waren durch einer Anstalt Gitter getrennt von der wilden Welt. Alle grünen Ströme rannen

uns gelb und schmutzig in ein trübes Meer.

Wann tauchte das erste Segel auf, hoffnungsrot und tollkühn? Es war ein

Papiersegel. Robinson wurde neugeboren in mir mit dem Entschluß, über den

städtischen Fluß zu schwimmen. Und im Gewimmel der blauen Auen und Adern

eine selige, selig lehrerlose Insel zu finden. Aber statt des Eilands ward mir nur

Influenza, Strafe und die späte Erkenntnis, daß die Städte, in denen ich geboren

zu werden pflege, von Kanälen triefen. Die stolzen Ströme weichen ihnen aus.

Meine Finger mußten mein Abenteuer nachfühlen: vom Rohrstock brennende

Finger. Nun wollte ich mich rächen und justament ein großer Mann werden.

Obwohl das zeitraubend ist, es gewiß viel praktischer wäre, sich sofort in ein

Monument zu verwandeln.

Die Lehrer hemmen einen aber auch immer, wenn man gerade ein großer

Mann werden will. Sofort wird man während einer Schularbeit beim Schwindeln

entdeckt oder beim Karl-May-Lesen — unter der Bank — vom Indianergeheul

des Professors überfallen. Dies verlorene Schuljahr und eine spröd-unglückliche

Jugendliebe treibt fieberhaft in den Selbstmord. Aber wenn man sich dann

endlich keusch und jäh umgebracht hat, scheint die Existenz viel heiterer und

liebenswürdiger. Man liegt entleibt da in seiner oder des Staates grau in grauer

Waisenknabenuniform, Opfer der Zeit, ein Kranz ziert den sorgenvollen Sarg

und ein weinendes Schnupftuch zerknüllt sich der Wäscheleine entgegen. Der

Totengräber spuckt siegreich in die Hände, wenn er nicht Fäustlinge trägt, und

die Bahre läuft davon vor dem Erdgeruch. Der Selbstmörder hintersinnt sich

nachdenklich: soll er nicht Universitätsjahre riskieren und Syphilisangst und

noch einen Selbstmord?